Die Gleichstellungsbeauftragte Ute Pommerien will Frauen in die Kommunalpolitik holen

„Gut für den Einstieg“

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Ute Pommerien äußert sich im Interview mit Ulf Buschmann zum Mentoring-Programm.

Rotenburg - Von Ulf Buschmann. „Politik braucht Frauen“ heißt das niedersächsische „Mentoring-Programm zur Förderung des kommunalpolitischen Nachwuchses“. Mit Blick auf die Kommunalwahl im kommenden Jahr sollen Frauen dazu animiert werden, sich in Gemeinderäten und Kreistagen zu engagieren. Träger ist das Ministerium für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration, durchgeführt wird das Programm von der Vernetzungsstelle für Gleichberechtigung des Landes Niedersachsen. Die Fäden für die Landkreise Rotenburg, Verden, Osterholz und den Heidekreis laufen als „Standort Rotenburg“ bei Ute Pommerien zusammen. Damit ist sie für die gesamte Organisation am Standort verantwortlich und gibt Auskunft über „Politik braucht Frauen“.

Frau Pommerien, seit wann gibt es das Mentoring-Programm hier im Landkreis?

Ute Pommerien: Das Mentoring-Programm findet jetzt das fünfte Mal niedersachsenweit statt, einmal auch schon mit Beteiligung des Landkreises Rotenburg.

Warum sind solche Mentoring-Programme überhaupt notwendig?

Pommerien: Frauen neigen dazu, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen. Vor allem die früheren Frauengenerationen können ganz viel, wissen ganz viel und sind in vielen kommunalen Feldern engagiert. Aber es liegt vielen von ihnen nicht, sich in den Vordergrund zu stellen. Auch mit dem Thema Macht haben viele Frauen ein Problem. Im Mentoring-Programm geht es erst einmal darum, den Frauen Mut zuzusprechen und ihnen zu vermitteln: „Ihr könnt ganz viel, und Ihr könnt auch in der Politik viel machen und Eure ganzen Erfahrungen, die Ihr in anderen Feldern gemacht habt, mit einbringen. Zum Nutzen aller!“.

Erklären Sie bitte, wie der Ablauf dieses Programms ist.

Pommerien: Der Ablauf ist grob vorgegeben vom Ministerium. Bei uns im Landkreis gab es zuerst einen Aufruf, um Mentorinnen und Mentees zu finden...

...also Partner.

Pommerien: Genau! Es sind Menschen mit Erfahrungen in der Politik, die Mentorinnen und Mentoren, und die politikinteressierten Frauen. Wir nennen sie Mentees. Angelaufen ist das Ganze schon im November 2014 mit mehreren Informationsveranstaltungen hier im Saal des Kreistages. Danach habe ich die Mentorinnen und Mentees zu sogenannten Tandems zusammengestellt. Das ist nicht einfach, denn jedes Tandem soll ein Jahr lang erfolgreich miteinander auskommen. Da bei mir als Standort alle Fäden aus den Landkreisen Rotenburg, Verden, Osterholz und Heidekreis zusammenlaufen, ist es doppelt kompliziert. Viele der Beteiligten kenne ich ja nicht persönlich. Kreisweit sind es elf Standorte, vorher waren es nur sechs. Am 13. Januar gab es eine Auftaktveranstaltung für alle in Hannover. Anschließend gab es hier in Rotenburg die erste Rahmenveranstaltung mit einer von der Vernetzungsstelle vorgegebenen Referentin, um Gleichwertigkeit von der Wissensvermittlung her zu gewährleisten. Die Veranstaltung diente dazu, dass Mentorinnen und Mentees eine gemeinsame Arbeitsgrundlage finden. Dazu gehört auch, dass sie sich darüber absprechen, wie sich beide Seiten ihren Austausch vorstellen und welchen Zeitaufwand sie dafür im Blick haben. Nachdem das alles angelaufen war und die Tandems vor Ort ihre Arbeit aufgenommen haben, gab es eine zweite Veranstaltung am Standort Rotenburg. Referentin war die erste Kreisrätin des Landkreises Verden, Regina Tryta. Es ging um Grundlagen des Kommunalrechts. Für die Mentees war es verpflichtend.

Wie viele Mentoren und wie viele Mentees gibt es?

Pommerien: Im aktuellen Programm haben wir landesweit 442 Mentoren und 392 Mentees.

Sind die Mentoren nur Frauen?

Pommerien: Dieses Mal haben sich auch Männer als Mentoren zur Verfügung stellen können, und das finde ich gut. Schließlich muss man sich zwischen allen Geschlechtern austauschen. Die Männer sind übrigens auch sehr engagiert.

Nehmen die Mentoren ihre Mentees mit in die Gremien hinein?

Pommerien: Die Mentees begleiten das politische Alltagsgeschäft. Sie schauen zum Beispiel bei den Fraktionssitzungen zu. Auch die kommunalen Gremien stehen ihnen offen, solange sie öffentlich sind. Bei nichtöffentlichen Sitzungen ist das vom Grundsatz her nicht möglich. Doch wenn es abgesprochen ist, lässt sich auch da etwas tun. Beispielsweise spielen hier datenschutzrechtliche Fragen eine Rolle. Im Übrigen tauschen sich die Begleiter untereinander aus, dadurch können sie auch viel voneinander lernen.

Glauben Sie, dass diese Art der Einführung in die Politik sinnvoll ist?

Pommerien: Ja, auf jeden Fall. Wenn sich eine Frau für Politik interessiert und dann auch noch so viel Selbstbewusstsein hat, sich zu engagieren, ist solch ein Mentoring-Programm gut für den Einstieg. Den muss sie finden. Da ist es gut, wenn sie jemanden hat, der oder die sie in die parteipolitischen Netzwerke und die überparteilichen Strukturen einführt. Ich glaube, für uns ist es der beste Weg, das Votum der Frauen zu stärken. Es ist bei uns ja nicht so wie in Frankreich. Dort gibt es das Parité-Gesetz, wonach alle verfügbaren Listenplätze zu gleichen Teilen an Frauen und Männer vergeben werden müssen.

Gibt es Frauen, die über das Mentoring-Programm in der Politik hängengeblieben sind?

Pommerien: Ja, die gibt es auf jeden Fall. Christina Jantz, die SPD-Bundestagsabgeordnete aus dem Wahlkreis Verden/Osterholz gehört dazu. Sie ist damals über eines der Mentoring-Programme in die Politik gekommen. Ich kenne auch andere, aber die kann ich aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht nennen. Laut Evaluationsbericht des vierten Mentoring-Programms konnten von 263 Mentees genau 201 nach dem Erfolg befragt werden. Danach haben 84 Frauen ein kommunalpolitisches Mandat enthalten. Das sind immerhin 42 Prozent. Ich zitiere aus dem Bericht: „Eine Kandidatur für ein kommunalpolitisches Mandat auf der Liste der Partei gelang 114 Frauen, das sind 57 Prozent.“

Wie sieht es denn mit der Altersstruktur aus?

Pommerien: Das Alter spielt keine Rolle, gleichwohl war der größte Teil der teilnehmenden Frauen 41 bis 50 Jahre alt. Das hat sicherlich auch mit der verfügbaren Zeit zu tun. Wer damit beschäftigt ist, einen Fuß in die Arbeitswelt zu bekommen und vielleicht auch noch eine Familie gründen möchte, ist schon ziemlich beansprucht. Kommunalpolitik erfordert aber recht viel Zeit.

Gerade junge Frauen sind ja recht selbstbewusst und sie sind bereit sich zu engagieren. Ist die Generation bis 30 Jahre anders?

Pommerien: In den Parteien selbst ist das ganz unterschiedlich, aber das hängt von den Parteien ab. Es gibt aber Unterschiede zwischen Stadt und Land.

Wie ist es im Landkreis Rotenburg?

Pommerien: Hier ist es gemischt, vom Alter her ist es etwa 50 zu 50. Wir haben sehr viele junge Rechtsanwältinnen, die sich hier engagieren und geradlinig eine Kandidatur anstreben. Die andere Hälfte sind Frauen, die ihre Erfahrungen weitergeben möchten. Das hält sich in etwa die Waage.

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