20.000 Ärzte geben Auskunft zu Zahlungen von Pharmakonzernen

„Es gibt keine Bahamas-Reisen mehr“

Ärzte erhalten viel Geld von der Pharmaindustrie, das ist jetzt auch an Zahlen festzumachen. Was das allerdings für deren Unabhängigkeit bedeutet, ist weiter offen. - Foto: imago

Rotenburg - Von Michael Krüger. Großzügige Honorare, Freundschaftsdienste, Dienstreisen für Ärzte an den Strand: Ist dieses schöne Bild an Vorurteilen noch aufrechtzuerhalten? 71.000 Ärzte erhielten im vergangenen Jahr Geld von der Pharmaindustrie. Darunter auch viele im Landkreis Rotenburg. Erstmals sind diese Zahlen jetzt in einer Datenbank öffentlich geworden. Doch sind sie wirklich aussagekräftig?

575 Millionen Euro flossen 2015 von den Gesundheitskonzernen an Ärzte, medizinische Organisationen und Institutionen. Allein für Vortragshonorare, Fortbildungen und Reisespesen erhielt danach jeder Mediziner 1.646 Euro. Das haben Berechnungen von Spiegel Online und des Recherchezentrums Correctiv ergeben. In einer gemeinsamen Datenbank sind nun diejenigen Mediziner gelistet, die mit einer Veröffentlichung ihrer Namen einverstanden waren. 

Auch das Rotenburger Diakonieklinikum ist zu finden. „Das ist unsere Konzernhaltung“, sagt Diako-Geschäftsführer Rainer W. Werther. Die Muttergesellschaft Agaplesion habe sich dazu bekannt, sich dem Transparenzkodex des Verbandes der forschenden Pharma-Unternehmen und des Vereins Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie anzuschließen. 54 der größten Pharmkonzerne sind dabei, sie machen rund 75 Prozent des deutschen Marktes aus. An das Diako flossen laut der Datenbank im vergangenen Jahr knapp 50.000 Euro. Nicht viel, legt man diese Summe auf die 23 Kliniken oder 330 Ärzte des Krankenhauses um. Werther: „Wir haben nichts zu verheimlichen.“ Zumal man auch bei jedem Symposium, das in Rotenburg veranstaltet werde, explizit Sponsoren und Unterstützer ausweise. „Alle Zahlungen an unsere Ärzte werden von der Geschäftsführung gegengezeichnet“, versichert Werther. Das diene dazu, korrupte Zahlungen von Beginn an zu vermeiden. „Es darf keine Abhängigkeiten und Verpflichtungen geben.“ 

Das Unternehmen sorge dafür, dass Arzneimittel- und Beschaffungskommissionen über Bestellungen von Medikamenten und technischem Gerät entscheide, nicht einzelne Kliniken oder gar Ärzte. Auch werde genau geschaut, welcher Arzt welche Fortbildung besucht. Im Zweifelsfall müsse der Teilnehmer dann auch selbst einen Teilbetrag übernehmen. Die Zeiten luxuriöser Einladungen seien eh vorbei, sagt Werther: „Einwöchige Bahamas-Reisen gibt es seit über zehn Jahren nicht mehr.“

Werther sieht Krankenhäuser gegenüber Beeinflussung von außen grundsätzlich besser aufgestellt als niedergelassene Ärzte. Dort fehle es mitunter an externer Kontrolle: „Von der strukturellen Anlage sind sie eher gefährdet.“ Das sieht die niedersächsische Ärztekammer anders. „Auch im Krankenhaus kann die Unabhängigkeit durch Vergütungsanreize gefährdet sein. Man denke zum Beispiel an Prämien, wenn eine bestimmte Anzahl von Operationen durchgeführt wird“, so Pressesprecherin Stephanie Wente.

Die Zahl der niedergelassenen Ärzte aus der Region, die in der Datenbank gelistet sind, ist sehr überschaubar: gerade einmal eine Handvoll. An der Spitze steht dabei der Rotenburger Internist und Hausarzt Olaf Dittrich mit 1.886 Euro. Es folgen der Rotenburger Urologe Marc Kühme (878 Euro) und der Visselhöveder Allgemeinmediziner Kai Möller (545 Euro). „Peanuts“ gegen den Spitzenreiter der Liste: Hans Christoph Diener aus Essen hat im vergangenen Jahr mehr als 200.000 Euro für Vorträge, Fortbildungsveranstaltungen und Spesen erhalten.

Kritiker bemängeln angesichts von nur 20.000 Ärzten, die mit der Veröffentlichung ihrer Namen einverstanden waren, die Aussagekraft der „Transparenzoffensive“. Und so warnt auch die Ärztekammer vor Rückschlüssen: „Es kann nicht ermittelt werden, ob die nicht aufgeführten Ärzte kein Einverständnis zur Veröffentlichung gegen haben oder ob sie keine Zuwendungen annehmen.“

www.correctiv.org

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