DGB-Kreisvorsitzender Wilfried Warncke im Interview

„Gewerkschaft ist, was die Mitglieder daraus machen“

+
Wilfried Warncke 

Rotenburg - Von Stephan Oertel. Mit den vielen kleinen und mittelgroßen Unternehmen ist der Landkreis Rotenburg keine klassische Gewerkschaftsregion. Gleichwohl ist der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) auch hier präsent. Er sieht sich als Interessenvertreter der Arbeitnehmer und mischt sich gerade auch in sozialpolitische Themen ein, erklärt sein Kreisvorsitzender Wilfried Warncke im Interview.

Was beschäftigt den DGB-Kreisverband Rotenburg aktuell besonders?

Wilfried Warncke: Kern unserer Arbeit sind sowohl regionale als auch überregionale Themen. Regional ist das Feld der Energiepolitik hervorzuheben, in dessen Rahmen wir uns als Kreisverband in die Debatte um Fracking eingemischt haben. Von überregionaler Relevanz sind sozialpolitische Themen wie die Rente. Der DGB hat hierzu eine Kampagne gestartet, in deren Rahmen es am 31. Mai bundesweit – so auch in Rotenburg – eine große Pendler- und Verteilaktion geben wird. Darüber hinaus formulieren wir unsere Positionen und Anforderungen an die Politik im Hinblick auf die anstehenden Wahlen im Bund sowie in Niedersachsen.

Der Landkreis ist geprägt von klein- und mittelständischen Betrieben. Keine klassische Gewerkschaftsstruktur, oder?

Warncke: Ja, gewerkschaftliche Arbeit in einem Landkreis mit einer solchen Flächengröße stellt eine Herausforderung dar. Und dennoch – oder gerade deswegen – ist für Gewerkschaften eine kommunale Verankerung von Bedeutung. Unser Anspruch ist es, Ansprechpartner für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Region zu sein.

Viele Betriebe arbeiten schon gar nicht mehr nach Tarif. Haben Gewerkschaften da überhaupt noch Einflussmöglichkeiten?

Wilfried Warncke 

Warncke: Bezahlung nach Tarif sichert vieles ab. Eine Studie des WSI (ein Institut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung; Anm. d. Red.) belegt: Wer Tarif hat, lebt besser. Und natürlich ist gewerkschaftliche Einflussnahme bei hohem Organisationsgrad in den Betrieben leichter. Letztendlich jedoch sind der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften Verbände, die von und durch die Aktionen ihrer Mitglieder leben. Gewerkschaft ist, was die Mitglieder daraus machen.

Gerade jüngere Arbeitnehmer fremdeln mit Gewerkschaften. Wie erklären Sie sich das?

Warncke: Einspruch! Dort, wo gewerkschaftliche Strukturen vorhanden sind, gibt es gegenläufige Tendenzen. Die IG Metall Bremen, die in Teilen auch für Rotenburg zuständig ist, hat kürzlich eine vierstellige Anzahl junger Mitglieder, Ferienjobber bei Daimler, neu aufgenommen. Es ist demnach keine Frage des Alters, sondern aus meiner Sicht vielmehr eine Frage der Branchenzugehörigkeit und der bestehenden Wirtschaftsstruktur eines Raumes.

Täuscht es oder haben es die Gewerkschaften nicht leicht, sich im Landkreis personell wie inhaltlich breit aufzustellen?

Warncke: Die bestehenden Herausforderungen sind – wie bereits angedeutet – mit der wirtschaftlichen Struktur des Landkreises, welche von einem geringen Industriebesatz geprägt ist, zu begründen. Darüber hinaus gibt es auf Seiten des DGB bereits seit einigen Jahren und Jahrzehnten keine hauptamtlich tätigen Personen mehr, sodass sämtliche Arbeit auf ehrenamtlicher Ebene erfolgt.

Seit 20 Jahren ist der DGB auf ehrenamtlicher Ebene im Landkreis vertreten. Was war damals der Auslöser und was würden Sie rückblickend als größte und wichtigste Aktion bezeichnen?

Warncke: Gewerkschaftliches Leben gibt es – mit ganz unterschiedlichen Organisationsstrukturen – in Rotenburg bereits seit 1946. Auslöser vor 20 Jahren waren die bereits erwähnten Veränderungen der Strukturen auf hauptamtlicher Ebene. Dadurch gab es keine Feierlichkeiten zum 1. Mai mehr. Die Kolleginnen und Kollegen, die die ehrenamtliche Arbeit aufnahmen, machten sich für die Wiedereinführung der Feier anlässlich des 1. Mai stark. Entsprechend ist der Tag der Arbeit bis heute eine zentrale und wichtige Aktion – neben Diskussionsrunden anlässlich von Wahlen oder wichtigen regionalen Themen.

Warum sind die Gewerkschaften aus Ihrer Sicht hier unverzichtbar?

Warncke: In Zeiten des aufkommenden Populismus, verbunden mit einem Gegeneinander, ist Solidarität nicht nur eine globale oder europäische Angelegenheit. Gewerkschaften sind Teil einer demokratischen Gesellschaft. Demokratie lebt von und mit starken Gewerkschaften.

Wie viele Personen sind aktuell im Landkreis gewerkschaftlich organisiert?

Warncke: Genaue Zahlen liegen mir leider nicht vor. Sicher weiß ich, dass es mehrere tausend sind.

Zum 1. Mai wird es auch in Rotenburg wieder eine Kundgebung geben. Warum sollten die Leute hingehen?

Warncke: Es ist der Tag der Gewerkschaften, an dem wir die Forderungen der Arbeitnehmerseite deutlich machen. Es geht darum, zusammenzukommen, es geht um ein Miteinander und darum, zu verdeutlichen, dass niemand mit den Herausforderungen des Arbeitslebens allein ist. Darüber hinaus wird die Würde der Arbeit, und derer, die sie ausführen, in den Mittelpunkt gerückt – abseits von Kosten-Nutzen-Rechnungen und entgegen Tendenzen, Arbeit zu entwerten. 

 zz

Die DGB-Außenstelle in Rotenburg ist zu erreichen unter 04269 / 1729 sowie per E-Mail unter w3.warnecke@t-online.de.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

H&P Open-Air im Bürgerpark Hoya

H&P Open-Air im Bürgerpark Hoya

Einweihung der Kinderkrippe Sankt Hülfe/Heede

Einweihung der Kinderkrippe Sankt Hülfe/Heede

Dorfgemeinschaftsfest in Hülsen

Dorfgemeinschaftsfest in Hülsen

4. Hafenkonzert in Verden 

4. Hafenkonzert in Verden 

Meistgelesene Artikel

„La Strada“-Eröffnung: Regionale und internationale Künstler begeistern

„La Strada“-Eröffnung: Regionale und internationale Künstler begeistern

„La Strada – Straßenzirkus“ startet Freitagabend

„La Strada – Straßenzirkus“ startet Freitagabend

Bundestagskandidaten sind sich in vielen Punkten erstaunlich einig

Bundestagskandidaten sind sich in vielen Punkten erstaunlich einig

Nach dem Starkregen: Auto durch Gullydeckel beschädigt

Nach dem Starkregen: Auto durch Gullydeckel beschädigt

Kommentare