Gewerkschaft beklagt zunehmende Zahl „unsicherer Beschäftigungsverhältnisse“

Wenn ein Job nicht reicht

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Für viele Menschen reicht es trotz Arbeit nicht zum Leben. Immer mehr suchen sich daher einen Nebenjob.

Rotenburg - Von Stephan Oertel. Wenn der Arbeitslohn zum Leben nicht reicht, versuchen sich viele, mit einem Zweit- oder Drittjob über Wasser zu halten. Oder sie beantragen als sogenannte Aufstocker Hartz IV. Dass die Zahl dieser Personen zunimmt, hat nach Auffassung der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) nicht zuletzt damit zu tun, dass es immer mehr „unsichere“ Jobs gibt – auch im Kreis Rotenburg. Da ist Altersarmut programmiert, mahnt die NGG.

Mit einer Erwerbslosenquote von 4,5 Prozent steht der Landkreis eigentlich vergleichsweise gut da. Doch es lohnt sich der Blick hinter die Kulissen. Und der lässt bei der NGG die Alarmglocken schrillen. Denn laut einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung haben 43 Prozent aller im Landkreis Beschäftigten einen Teilzeit- oder Minijob oder sie sind als Leiharbeiter tätig. Vor zehn Jahren lag der Anteil solcher „unsicheren Beschäftigungsverhältnisse“ bei 36 Prozent. Vor allem gebe es immer mehr Mini-Jobs.

Da das Einkommen häufig nicht zum Leben reicht, gingen viele Menschen mehreren solcher 450 Euro-Jobs nach. „Oft ohne Sicherheit und in der Angst, die Stelle schnell wieder zu verlieren“, sagt Silke Kettner von der NGG Lüneburg.

Eine, die unter unsicheren Verhältnissen arbeitet, ist Heidi Welsch*. Mit ihrem Lohn kommt sie gerade eben über die Runden. Eigentlich. Denn ihre Einkünfte schwanken, und im Winter reicht es meist nicht. Dann ist in dem Gastronomiebetrieb, in dem sie tätig ist, weniger los, und da sie nach Bedarf eingesetzt und bezahlt wird, bekommt sie weniger Geld. Für die Zeit sucht sie dann einen Zweitjob. Zum Beispiel als Putzkraft. Auch als Verkäuferin hat sie unter anderem schon gearbeitet.

Das unter einen Hut zu kriegen, ist nicht leicht, schildert sie. Räumliche und zeitliche Flexibilität sind gefragt. Im ländlichen Landkreis Rotenburg braucht sie dafür ein Auto, was wiederum Geld kostet. Außerdem muss sie für ihren Hauptarbeitgeber verfügbar sein oder auch mal länger arbeiten, wenn viele Gäste da sind. Da kann es schon mal zu Kollisionen kommen. „Das stresst unheimlich“, so Welsch. Es drehe sich alles nur noch darum, Termine zu koordinieren und seine Existenz zu sichern. Und trotzdem reicht es zeitweise nicht.

Dann bleibt nur der Weg zum Jobcenter, um das spärliche Gehalt so aufzustocken, dass sie davon leben kann. Die Behörde jedoch empfindet sie vielfach als schikanös. Alle Unterlagen müssten immer wieder vorgelegt, alle Ausgaben belegt werden. Wenn auch nur ein Dokument fehlt – egal aus welchem Grund –, gebe es kein Geld. „Ich lasse mir da inzwischen alles abstempeln.“

Von einer Mitarbeiterin habe sie tatsächlich einmal Unterstützung erfahren, in der Regel aber erlebe sie im Jobcenter vor allem das Bemühen, nicht zahlen zu müssen. Dabei gehe es bei ihr meist um Beträge von etwa 200 Euro im Monat. Dafür müsse sie einen erheblichen bürokratischen Aufwand leisten – neben ihrem Job, dem sie ja weiter nachgeht.

Heidi Welsch ist kein Einzelfall. Betroffen sind laut NGG vor allem Personen mit geringer beruflicher Qualifikation, berichtet Silke Kettner. Es gebe durchaus gute Gründe für eine Teilzeitstelle oder einen Mini-Job, räumt sie ein. Sie beobachte aber auch, dass Vollzeitstellen gestrichen und durch unbefristete und schlechter bezahlte Stellen ersetzt werden und dass es für Berufseinsteiger die Ausnahme geworden sei, einen unbefristeten Vertrag zu bekommen. Die Entwicklung sei alarmierend: Die wackeligen Jobs heute seien die Altersarmut von morgen. Dabei wäre laut der Gewerkschafterin auch Arbeitgebern geholfen, wenn sie ihren Angestellten eine Perspektive bieten und sie fördern. Dann gäbe es weniger Probleme mit dem Fachkräftemangel.

Dass mehr Menschen mehreren Beschäftigungen nachgehen, bestätigt der Arbeitgeberverband Stade. Nach seinen Zahlen haben etwa fünf Prozent der Bundesbürger neben ihrer Haupttätigkeit einen weiteren Job. Auch nach seiner Auffassung kann das negative Folgen für das Hauptarbeitsverhältnis haben. Nicht berücksichtigt sind in der Statistik jene, die ausschließlich Mini-Jobs haben.

„Ich habe Kinder groß gezogen und immer gearbeitet. Ich fühle mich wesentlich wohler, mein eigenes Geld zu verdienen“, betont Heidi Welsch, die in einigen Jahren das Rentenalter erreicht. Dass es trotzdem nicht immer zum Leben reicht, findet sie demütigend. Sie wolle gar keine großen Sprünge machen. „Aber warum wird mein Einsatz nicht gewürdigt?“

*Name von der Redaktiongeändert

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