Nicht enden wollender Abend mit Clair & Co. in der Stadtkirche

Ein gewaltiges Paket

Das Vokalensemble „Der kleine Chor“ singt unter René Clair. Fotos: Pröhl

Rotenburg - Von Henrik Pröhl. Sicherlich, Ludwig van Beethoven hätte sich an diesem 5. Januar in der Rotenburger Stadtkirche geschmeichelt gefühlt, wüsste er vom Slogan dieses Chor- und Instrumental-Konzertes, der schlicht und ergreifend „Zwischentöne: Beethoven forever“ lautet. Immerhin wird jene „Ode an die Freude“, die nach Worten Friedrich Schillers seine 9. Sinfonie krönt und als Europa-Hymne gehandelt wird, in vollem Kirchenschiff unter Begleitung der „Scheeßeler Schulmusikanten“ und Simon Schumacher an der Orgel gesungen. Das aber geschieht erst 100 Minuten nach Konzertbeginn und bereits über 20 Programmpunkten. Ob Beethoven da noch wach ist?

Er hätte die „Zwischentöne“ nicht unterschätzen sollen. Einige Zuschauer machen sich bereits auf den Heimweg. „Ich kann nicht mehr sitzen“, sagt eine Besucherin. Eine andere äußert: „Weniger ist mehr, und mir fehlt der Spannungsbogen.“ René Clair hat hier ein gewaltiges nachweihnachtliches Paket geschnürt, an dem lang auszupacken ist. Dabei enthält es durchaus einige Kostbarkeiten, die von seinem Vokalensemble „Der kleine Chor“ kraftvoll dargeboten werden. Wie es bei Paket-Inhalten nun einmal üblich ist, sind aber auch Dinge dabei, die nur zu gern umgetauscht werden wollen. Klanglich sind einzelne Stimmen des Chores schwer zu bremsen, da fehlt Homogenität, das Repertoire ist überbordend. Reichhaltig ist auch die Mischung der Akteure. Neben dem Vokalensemble singt auch der Männergesangverein Nottendorf aus geballter Manneskehle. Für Überraschung sorgen die Scheeßeler Schulmusikanten an ihren Streichinstrumenten. Dabei dürfte sich die erst siebenjährige Antonia mit ihrer Violine in die Herzen der Zuhörer gespielt haben, wenn Bachs Kaffee-Kantate zitiert wird. Johannes Leung glänzt als verlässlicher Begleiter am Klavier und bringt zu später Stunde noch sechs leichte Variationen Beethovens zu Gehör. Und Beethoven selber?

Wenn er auch zuletzt sehr schwerhörig gewesen ist, wird er droben im Elysium gemerkt haben, dass sein programmatisches „Forever“ und auch das Timing an diesem opulenten Abend arg überzogen sind. Seine 9. Sinfonie wäre inzwischen abgesungen und -gespielt worden. Insgesamt ist dieses Marathon-Konzert ermüdend, selbst der Applaus des Publikums wirkt beifällig. Vielleicht steckt Weihnachten den Leuten einfach noch zu sehr in den Knochen, erste Deko ist bereits aus den Wohnzimmern verschwunden. Daran ändern auch die schönen Arrangements und Psalmenvertonungen zum Ende nichts. „Es ist wunderschön, aber es zieht sich hin“, sagt eine Zuhörerin.

Und was sagt René Clair am Schluss, als Blumen und Geschenke an die tapferen Akteure vergeben sind? „Zwei Stunden halten wir sie jetzt auf, wunderbar! Der Männerchor sollte noch eine plattdeutsche Zugabe singen.“ „Das habe ich befürchtet“, heißt es aus den Reihen der Männer, die nun noch einmal nach vorne kommen. Inzwischen verlassen immer mehr Gäste die Kirche. „Zwei Stunden sind definitiv zu lang“, sagt jemand, der bis zuletzt bleiben muss, um die Kirche abzuschließen. Ludwig van Beethoven wird sich mittlerweile auch längst aufs taube Ohr gehauen haben. Mag er sich fit schlafen, 2020 hat noch einiges mit ihm vor.

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