Ein Weg aus der Gewalt

Vor 25 Jahren hat der Landkreis Rotenburg das Frauenhaus eröffnet

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Erfahren sie häusliche Gewalt, können Betroffene sich an das Frauenhaus wenden.

Rotenburg/Zeven - Von Farina Witte. Dass die Frauen sich sicher fühlen, ist den Mitarbeitern des Frauenhauses Zeven besonders wichtig. Das betont die Leiterin Marianne Ciolek, die sich dort bereits seit 23 Jahren für Frauen einsetzt, die eine Form häuslicher Gewalt erfahren haben. Damit ist sie fast genauso lange dort, wie es das Frauenhaus selbst gibt. Es besteht mittlerweile schon seit 25 Jahren.

„Es gibt unterschiedliche Formen von Gewalt“, erklärt die Sozialarbeiterin. Die Frauen, die in der Einrichtung des Landkreis Rotenburg Schutz suchen, kämen aus der verschiedensten Situationen heraus dorthin. Manchmal sei es ein längerer, schleichender Prozess, indem der Mann die Frau unterdrücke und von ihrem sozialen Umfeld isoliere. Das falle dann besonders auf, wenn die Betroffene das Frauenhaus wieder verlasse und in eine eigene Wohnung ziehe. „Wenn man dann fragt, ob sie jemanden hat, der beim Umzug hilft, dann gibt es oft niemanden“, schildert Ciolek.

„Mehr um psychische, als um körperliche Gewalt“

So ähnlich lief es auch bei Annika, die sich nach einer längeren Beziehung, in der sie ihr damaliger Lebensgefährte unterdrückt hatte, an das Frauenhaus wandte. „Es schlich sich langsam ein. Bei uns ging es viel mehr um psychische, als um körperliche Gewalt“, beschreibt sie die Situation. Der Mann untersagte ihr, tanzen zu gehen oder sich mit ihrer besten Freundin zu treffen. Annika lebte dennoch mit ihren zwei Kindern und dem Mann unter einem Dach. Die beiden bekamen noch ein gemeinsames Baby. Doch die Angst vor ihm wuchs und damit auch der Druck, ihm alles recht zu machen. „Ich war nicht Partnerin, sondern Besitz.“ Es kam der Tag, an dem der Mann gewalttätig wurde. Sie flüchtete ins Frauenhaus. „Als ich dort ankam“, erinnert sie sich, „fiel ein schwerer Mantel voll mit Leid, Sorgen und Angst ab.“ Während sie ihre beiden größeren Kinder dabei hatte, gelang es ihr zunächst nicht, das Baby mitzunehmen.

Den Mitarbeitern des Frauenhauses ist es besonders wichtig, dass die Kinder mitkommen können. „Denn sie sind immer mitbetroffen“, betont Jugendamtsleiterin Ulrike Helle. Das Frauenhaus ist an das Jugendamt angegliedert, und daher sind die Mitarbeiter auch gut vernetzt.

Die Sozialarbeiter des Frauenhauses halfen Annika, Termine mit Anwälten, Ämtern und beim Gericht wahrzunehmen. „Tag für Tag ging es vorwärts. Und auch mein Baby kam zu mir zurück“, berichtet sie.

Mehr als 900 Frauen seit 1993

Die Betreuung der Bewohnerinnen nimmt einen wichtigen Bestandteil der Arbeit ein. „Wir sind aber auch einfach da, um zuzuhören und die Sorgen ernst zu nehmen“, so die Leiterin der Einrichtung. Es sei eine sehr individuelle Arbeit. „Im Schnitt bleiben sie 33 Tage“, erzählt Ciolek. In manchen Fällen kehren die Frauen auch zum Partner zurück und kommen nach einiger Zeit noch mal ins Frauenhaus. In den sechs Zimmern können bis zu acht Frauen mit ihren Kindern wohnen, wobei Doppelbelegungen vermieden werden.

Oft kommen die Bewohnerinnen nach einem konkreten Vorfall, bei dem die Polizei sie an das Frauenhaus vermittelt. Manchmal planen sie es aber auch länger oder werden von Ärzten oder Psychologen darauf aufmerksam gemacht. Das war bei Meike der Fall, die durch die Sozialberatungsstelle des Krankenhauses davon erfuhr. Die Unterstützung und Beratung dort habe ihr geholfen, ihr Leben zu ordnen. „Noch im Frauenhaus konnte ich die ersten Schritte in ein gänzlich anderes, selbstständiges Leben machen“, blickt sie auf diesen Lebensabschnitt zurück.

Mehr als 900 Frauen sind seit 1993 in der Einrichtung untergekommen. Betroffene, die im Frauenhaus Zeven nicht sicher sind, werden auch in umliegenden Einrichtungen untergebracht, mit denen eine Kooperation besteht. Die Mehrzahl ist zwischen 30 und 40 Jahren alt, wobei sie aus den unterschiedlichsten Lebenssituationen kommen.

In den Belegungszahlen sei sich höchstens eine leichte rückläufige Tendenz erkennbar. „Das zeigt, dass das Frauenhaus auch heute noch gebraucht wird“, betont Landrat Hermann Luttmann (CDU). Deshalb sei er froh, dass es vor 25 Jahren eingerichtet wurde – nach einigen Diskussionen.

Die Namen der Betroffenen wurden auf deren Wunsch geändert.

Kontakt zum Frauenhaus 

Das Frauenhaus des Landkreises ist unter der Rufnummer 04281 / 8367 oder per E-Mail an frauenhaus@lk-row.de zu erreichen. Die Bürozeiten sind montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr sowie samstags von 8 bis 13 Uhr. Außerhalb dieser Zeiten können Betroffene sich unter 110 an die Polizei wenden. Außerdem besteht für Frauen, aber auch für Männer die Möglichkeit, mit der Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt (BISS) Kontakt aufzunehmen. Die Sprechzeiten in der Einrichtung in Zeven, Mückenberg 26, sind dienstags von 10 bis 12 Uhr. BISS ist zudem telefonisch zu erreichen unter 04281 / 9836060 (montags bis freitags von 8 bis 16 sowie samstags von 8 bis 13 Uhr).

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