Tipps für Ernährung und Bewegung

Gesundheitscoach Jan Göx: „Wir leben nicht artkonform“

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Jan Göx.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Es gibt ganz viele Möglichkeiten, alles falsch zu machen. Jan Göx kennt die meisten. Der 42-jährige Fitnessökonom leitet die Gesundheits- und Präventionskurse im „Physio Aktiv“-Fitnessstudio in Rotenburg. Wir haben mit ihm gesprochen, um Fehler zu vermeiden. Aber gibt es eigentlich die einfache Formel zum gesünderen Leben, wie es uns mittlerweile überall weisgemacht wird?

Machen wir wirklich alle was falsch, oder will uns das die Ernährungs- und Gesundheitsindustrie nur erzählen?

Jan Göx: Die Industrie versucht, uns auf verschiedenen Ebenen zu beeinflussen. Viele Menschen hinterfragen bestimmte Trends nicht. Einer war die „Low Fat“-Bewegung, die den Menschen eingetrichtert hat, dass Fette böse sind. Die Menschen haben das geglaubt und die Produkte gekauft. Nur mussten die Produkte dann verändert werden. Es wurde mehr Zucker zugeführt. Das ist das ganz große Thema jetzt.

Warum?

Göx: Weil wir dadurch den Stoffwechsel massiv beeinflussen. Der menschliche Körper ist evolutionär nicht dazu gemacht, dass wir so viel kurzkettige Energie in Form von Zucker umsetzen. Zucker ist evolutionär ein rarer Rohstoff für den Menschen, insofern leben wir nicht mehr artkonform. Zucker diente dazu, bestimmte Prozesse im Körper in Gang zu setzen. Wenn die nun quasi überdosiert sind, führt es zu Komplikationen.

Dazu sind wir zu faul.

Göx: Der männliche Körper könnte 30 bis 50 Kilometer pro Tag bewältigen. Dann wäre es kein Problem. 1910 hatte jeder Mensch hierzulande noch eine aktive Strecke von 20 Kilometern. Heute liegt die Gehstrecke pro Tag unter 800 Metern. Wenn ich viel Zucker esse und mich wenig bewege, ist ein „Low Fat“-Produkt kritisch. Der Körper kann den Extra-Zucker nicht verwerten.

Wozu führt das?

Göx: 400 bis 500 Gramm Zucker kann der Körper speichern. Wenn die Speicher voll sind, muss der Zucker irgendwo hin. Dann wird er umgebaut in Fette, was das metabolische Syndrom begünstigt bis hin zur nicht-alkoholischen Fettleber.

Die Zahl der Diabetes-Patienten nimmt auch zu.

Göx: Der Typ 2, ein Aspekt des metabolischen Syndroms, manifestiert sich immer früher im Körper. Das hat viel damit zu tun, wie sich die jungen Frauen heute ernähren und was die Kinder für Babynahrung bekommen. Früher stand das Thema bei 50-, 60- oder 70-Jährigen auf der Agenda, heute bei 20-Jährigen. Krankheiten, die wir heute erwerben, nehmen wir mit in unseren genetischen Kontext. Wenn ich mich fortpflanze, gebe ich das weiter an die nächste Generation.

Was sollen wir essen?

Göx: Die Menschen essen zu wenig pflanzliche Lebensmittel mit gesunden Fetten. Die Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, fünf Obst- und Gemüseeinheiten am Tag zu essen, ist sehr sinnvoll, wobei die Betonung auf dem Gemüse liegen sollte. Über pflanzliche Nahrung nehmen wir Regler und Schutzstoffe auf, die gerade für unsere Magen- und Darmgesundheit enorm wichtig ist. Es geht nicht nur um Mikronährstoffe wie Mineralien und Vitamine, sondern vor allem auch um Ballaststoffe. Die dienen als Füllmenge, sie signalisieren Sättigung, und reinigen im nächsten Schritt den Verdauungstrakt.

Warum ist überall Zucker drin?

Göx: Weil unser Gehirn Süßes geil findet. Weil er billig ist. Industriell hergestellter Glukosesirup ist ein preiswertes Massenprodukt.

Ich möchte fitter werden, der Gürtel sitzt zu eng – wie helfen Sie mir?

Göx: Erst einmal lobe ich Sie dafür, dass Sie es erkannt haben. Die Eigenerkenntnis ist das Entscheidende, etwas für sich zu tun. Dann müssen wir einen Plan entwickeln: Warum mache ich das? Was will ich erreichen? Inhalt, Ausmaß und Zeit sind zu bestimmen. In der Gruppenberatung will ich die Menschen begeistern, dass es sinnvoll ist, sich zu bewegen und die Ernährung zu hinterfragen.

Internet, Zeitschriften, Ratgeber. Die Leute sind doch über Gesundheitsthemen schon bestens informiert, wofür brauchen sie Sie noch?

Göx: Ich ergänze das Halbwissen zum nachhaltigen Wissen. Dieses Fundament soll dazu dienen, fundierte Entscheidungen im Kaufverhalten zu prägen, auch auf die Umwelt zu achten. Ich setze auf Regionalität, auf Wirtschaftskreisläufe vor Ort. Die Leute sollen wieder wissen, wie ein Produkt entsteht. Sobald sie einen Überblick haben, was sie wirklich auf dem Teller haben, läuft wieder viel in die richtige Richtung.

Dann geben Sie uns doch die drei ultimativen Tipps, was wie wir besser essen!

Göx: Erstens: In Ruhe essen. Das Lebensmittel, das man in Entspannung isst, kann komplett aufgespalten und verwertet werden, selbst wenn es Pommes sind. Zweitens: Zeit lassen zwischen den Mahlzeiten. Idealerweise essen Sie nur zwei bis drei Mahlzeiten pro Tag. Unser Magen-Darm-Trakt ist nicht dafür gemacht, dass wir permanent Nahrung verstoffwechseln. Und Sie müssen besser und abwechslungsreicher essen: Ausgewogenheit auf dem Teller, einen größeren pflanzlichen Anteil.

Stress dürfte auch nicht gesund sein, wie man so hört.

Göx: Wir befinden uns damit evolutionär betrachtet in einem permanenten Alarmzustand. Wir mussten früher zehn Prozent der Zeit am Tag lebensbedrohliche Situationen meistern, der Rest war Entspannung. Wenn ich Stress habe, muss ich quasi ganz schnell vom Säbelzahntiger wegkommen. Gehirn und Muskulatur verlangen nach Glukose, nach Zucker. So kann ich kurzzeitig maximale Leistung erzeugen. Gleichzeitig wird unser Haupt-Stresshormon Cortisol ausgeschüttet. Wenn der Prozess den ganzen Tag abläuft, fordert der Körper immer wieder Zucker ab. Ich habe wieder Bock auf noch mehr Zucker. Das bedingt nicht nur der vom Zucker schon durcheinandergeratene Blutzuckerspiegel, sondern auch das Stresslevel. Dann können sie nicht abnehmen und haben weniger Energie.

Welcher ist der größte Ernährungsirrtum?

Göx: Da gibt es viele.

Mit welchem müssen wir noch aufräumen?

Göx: Die Industrie versucht, den Menschen die Idee zu verkaufen, dass bestimmte Produkte aus gesundheitlicher Sicht sinnvoll sind. Joghurts zum Beispiel. Vieles ist auf einmal „vital“, in ganz verschiedenen Segmenten. Selbst Cornflakes. Wenn viel Zucker drin ist, können sie nicht „vital“ sein. Da nutzt die Industrie die Unreflektiertheit der Menschen im Supermarkt aus. Die Leute packen ihren Einkaufswagen oft nach der Werbung zusammen. Deswegen räumen wir auf mit dem Unwissen.

Sie haben auch schon angedeutet, dass Fette gar nicht so schlimm sind, richtig?

Göx: Das wird den Menschen leider immer noch so verkauft. In vielen Studien wird aber die besondere Bedeutung von Fetten für unsere Gesundheit betont, gerade eine bestimmte Konstellation. Ernährungsphysiologisch werden zum Beispiel bei der Krebstherapie Fette eingesetzt. Auch Tumorzellen lieben Zucker. Dagegen gibt es die ketogene Diät.

Ernährung ist das eine, Sie kümmern sich aber auch um die Bewegung. Weil das eine...

Göx: ...ohne das andere nicht geht, genau.

Was müssen wir da besser machen?

Göx: Wir müssen uns bewusst bewegen bei allem, was passiert. Das geht schon morgens los. Fünf Minuten brauche ich, wie bei einem Auto oder Computer, um den Körper richtig hochzufahren: Biohacks. Der erste Hack, den Sie morgens machen können, ist eine bis fünf Minuten kalt duschen. Kältereize aktivieren. Am besten wäre ein Eiskübel. Das Gefühl danach ist pures Glück. Der Körper kann anschließend viel mehr Energie aufnehmen, weil gerade jede Menge passiert ist.

Wenn ich Sie richtig verstehe, sollte man den Körper durch Ernährung und Sport herausfordern.

Göx: Der Mensch ist kein Gewohnheitstier. Er braucht Abwechslung. Vielfalt.

Und deswegen geht es beim Fitnesstraining auch weg von der Muckibude hin zum „Functional Training“?

Göx: Genau. Training mit dem eigenen Körpergewicht. Draußen bewegen, eine Bank am Wegesrand als Trainingsgerät begreifen. Ein Stuhl, von dem man aufsteht, ist eine Kniebeugestation. So lässt sich auf ganz einfachem Wege mehr Gesundheit generieren. Als Obergriff sollte man „Play“ mit einbauen – das Leben spielerisch begreifen in Form von Bewegung.

Da haben wir in Rotenburg mit dem „Streetworkout“-Team vielleicht ein sehr gutes Beispiel. Die hängen am Weichelsee an irgendwelchen Stangen und machen Klimmzüge.

Göx: Das ist eine der Grundfunktionen, die der Körper heute leisten muss. Klar kann man teure Geräte haben. Die einfachste Idee ist aber, deine Körpermasse zu stabilisieren. Sobald Sie Übungen machen, wo der Körper Ihr Widerstand ist, eine Kniebeuge oder Liegestütz, dann sind Sie auf dem richtigen Weg.

Gibt es schlechte Sportarten für den Körper?

Göx: Nein. Es gibt nur zu viel.

Wenn ich mich besser ernähre und mehr bewege, dann hat sich das mit dem Stress auch erledigt?

Göx: Dann leisten Sie einen großen Beitrag dazu, Stress besser regulieren zu können. Die einfachste Übung, um Stress zusätzlich zu begegnen, ist übrigens: 20 bewusste Atemzüge am Tag.

Oder härter trainieren?

Göx: Subjektiv hat man danach das Gefühl, Stress abgebaut zu haben. Evolutionär betrachtet sind wir dann aber wieder im „Flight-Fight-Modus“: Säbelzahntiger, Cortisol, Stressachse voll aktiviert, Zucker. Hormonell betrachtet ist das Stresslevel nach hartem Sport höher als vorher. Wer Stress über Sport loswerden will, muss lernen, abwechslungsreicher zu trainieren und vor allem moderate Einheiten zu absolvieren.

Wann hört es mit der Selbstoptimierung auf? Setzen wir uns nicht zu viel zusätzlich unter Druck?

Göx: Natürlich. Selbstoptimierung kann man heutzutage extrem leicht übertreiben. Für mich hört es auf, wenn es darum geht, den Körper in irgendeiner Form künstlich zu verändern. In meiner Arbeit geht es um die Natürlichkeit des Körpers, um das Verständnis. Wenn ich den einen Körper, den ich eben nur habe, verstehe, dann kann ich ihn optimal nutzen. Das hört nie auf, das ist eine Lebensaufgabe.

Was hat sich im Gegensatz zu früher geändert, dass wir heute ständig gecoacht werden müssen?

Göx: Unsere Großeltern hatten sicherlich eine viel härtere Zeit. Über die Entbehrung haben sie ihre Gesundheit aber auf ein ganz anderes Level pushen können als wir. Was unser Körper kann, ist Mangel. Was er nicht kann, ist Überfluss. Da brauchen wir eine Anleitung.

Was machen Sie selbst falsch?

Göx: Ich habe zu wenig Zeit, Sport so zu betreiben, wie ich es gerne machen würde.

Zu Weihnachten muss man fragen: Ist Sündigen OK?

Göx: Unbedingt. Das gehört dazu.

Zur Person

Jan-Peter August Göx ist studierter Fitnessökonom und Fachberater für Ernährungsmedizin. Der 42-Jährige leitet die Gesundheits- und Präventionskurse im „Physio Aktiv“-Fitnessstudio in Rotenburg und hat zuvor auch als Fitnesstrainer gearbeitet. Der ehemalige Eichenschüler Göx lebt heute in Lauenbrück und Hamburg und hat einen 13-jährigen Sohn. 

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