Anästhesist kam 2015 nach Deutschland

Alaa Kadoura kam als Flüchtling - und arbeitet jetzt im Diakonieklinikum

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Alaa Kadoura steht auf dem Gelände des Agaplesion Diakonieklinikums Rotenburg. Er hat Feierabend nach einem Arbeitstag, der ihn zu 100 Prozent fordert, wie er selbst sagt.

Rotenburg - Von Guido Menker. Wenn es um ihn selbst geht, tritt Alaa Kadoura stets sehr bescheiden auf. Wer ihn in diesen Tagen allerdings trifft und ihn fragt, wie es ihm eigentlich geht, erhält eine Antwort, die für seine Verhältnisse schon fast euphorisch wirkt: „Gut. Sehr gut.“ Wenige Worte also – dabei hat er so viel zu erzählen.

2015 als Flüchtling aus Syrien nach Deutschland gekommen und schließlich in Rotenburg gelandet, hat der 39-jährige Familienvater nach drei Jahren seinen Traum erfüllt. Seine Frau und die beiden Kinder sind inzwischen ebenfalls in Deutschland, und Alaa Kadoura hat eine Stelle in der Anästhesie des Agaplesion Diakonieklinikums Rotenburg bekommen.

Kein Wunder also, wenn der Mediziner nicht nur lebensfroh und agil, sondern auch bestens gelaunt zum Gespräch mit der Rotenburger Kreiszeitung erscheint. Im Mai, berichtet er, habe er seine Stelle im Diako angetreten. Es läuft also für ihn und seine Familie. Die Tochter kommt in die zweite Klasse, der Sohn wird in wenigen Tagen eingeschult, und seine Frau tut alles dafür, hier ebenfalls beruflich Fuß zu fassen. 

Kadoura wird nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, dass ohne eine gute sprachliche Ausbildung nichts geht. Das klingt ein wenig abgedroschen, trifft aber letztendlich den Kern, wenn es um die Integration geflüchteter Menschen geht.

Noch vor drei Jahren sprach Kadoura kein Wort Deutsch

Alaa Kadoura selbst ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Als er vor drei Jahren vor dem Rotenburger Rathaus aus dem Bus stieg, der ihn vom Erstaufnahmelager an die Wümme gebracht hat, konnte er kein Wort Deutsch. Inzwischen hat er seine B2-Prüfung gemeistert. Das ist die Grundlage für seine Zukunft in Deutschland. Seinen Einstieg in die deutsche Sprache hat er sich in den ersten Monaten auf dem Campus in Unterstedt selbst erarbeitet. 

Drei Monate hat er zusätzlich in einem Rotenburger Seniorenheim geholfen, dann erhielt einen Vertrag für den Bundesfreiwilligendienst und kümmerte sich um die Flüchtlinge auf dem Campus. Nach einem Jahr folgte ein Aushilfsvertrag mit dem Mutterhaus. Kadoura hat in den zurückliegenden Jahren jede Möglichkeit genutzt, um sich einzubringen und damit auch weiterzuentwickeln. 

Das große Ziel: „Ich möchte gerne als Arzt arbeiten.“ Genau das sagte er, als er im August 2015 kurz nach seiner Ankunft im Rotenburger Rathaus Bürgermeister Andreas Weber (SPD) traf. Jetzt hat er es geschafft.

Seine Papiere aus Aleppo zu beschaffen, war schwierig

Der Weg ins Diako war nicht leicht. Alaa Kadoura musste sich mit der Ärztekammer auseinandersetzen. Dafür waren jede Menge Unterlagen zu beschaffen. „Das war das Schwierigste“, sagt er. Vor allem die Papiere aus Aleppo zu bekommen, wo er vor seiner Flucht in einem Krankenhaus als Facharzt gearbeitet hatte, stellte eine große Herausforderung dar. „Das hat sechs Monate gedauert.“ Dann die Fachsprachprüfung bei der Ärztekammer. Im ersten Anlauf ging das schief. „Es lag an den Kenntnissen“, gesteht der 39-Jährige. 

Vor seiner zweiten Prüfung im Januar dieses Jahres machte er ein mehrwöchiges Praktikum im Diako – dann hat er die Prüfung bestanden und eine Berufserlaubnis für zunächst ein Jahr erhalten. Diese ist an die Stelle im Diako gebunden und kann noch einmal um ein Jahr verlängert werden. Seine Bewerbung im Diako für diese Stelle kam zum richtigen Zeitpunkt – die Grippewelle hatte um sich gegriffen. Am 1. Mai konnte er anfangen. 

Kadoura stellt schon jetzt fest: „Die Unterschiede zu der Arbeit in Syrien sind groß.“ Die Geräte seien hier moderner, die Medikamente ganz andere. „Hier sind die Standards wesentlich höher. Das alles habe ich in Aleppo nur aus Büchern gekannt – hier werden diese Standards umgesetzt.“ Im Diako müsse er ständig 100 Prozent abliefern – „99 Prozent geht nicht.“

Ein Qualifizierungskurs in der Klinik hat Kadoura viel geholfen

Doch gerade diese Herausforderung scheint ihn zu reizen. „Es ist sehr angenehm und sehr kollegial. Und wenn ich Fragen habe, kann ich sie jederzeit stellen“, beschreibt Kadoura seine ersten Eindrücke in der Klinik.

Zusätzlich hat Alaa Kadoura einen vierwöchigen Qualifizierungskurs für internationale Ärzte erfolgreich absolviert, den das Diakonieklinikum zusammen mit der Charité International Akademie durchgeführt hat. Darin geht es um das Gespräch zwischen Arzt und Patient, um Aufklärungsgespräche und auch um die Frage, wie ein Arztbrief zu formulieren ist. 

Auch die Aspekte des deutschen Gesundheitssystems stehen bei einem solchen Kursus auf der Agenda. Das Diako beschäftigt eine Reihe von Ärzten, die aus dem Ausland kommen. So werden sie auf ihre Tätigkeit in Deutschland gut vorbereitet.

Nach Syrien zurück will der Mediziner nicht

Morgens um 7.15 Uhr beginnt der Arbeitstag von Alaa Kadoura mit einer Frühbesprechung im Team. Um 16 Uhr hat der Neue im Diako Feierabend. „Ich sehe meine Zukunft in Deutschland“, erklärt der Mediziner. Eine Rückkehr nach Syrien kann er sich nicht vorstellen. „Als ich vier oder fünf Jahre alt war, hatten wir Krieg. 30 Jahre später begann ein weiterer Krieg.“ Ein Krieg, der ihn zur Flucht veranlasste. „Ich hätte schon mehr als zehn Mal sterben können. Wenn ich auf dem Bett lag, wusste ich, dass der nächste Tag nur schlechter werden kann.“ 

Heute ist das anders: „Wenn ich auf dem Bett liege, weiß ich, dass der nächste Tag noch besser wird.“ Er könne jetzt das Wochenende mit seiner Familie planen und auch an einen ersten Urlaub denken. Aber er muss noch viel lernen, um in zwei Jahren die deutsche Approbation zu erlangen. 

Das wird nicht leicht. Doch es ist ihm zuzutrauen. Dem Mann, der in Rotenburg ein schillerndes Beispiel dafür ist, wie Integration gelingen kann. Doch Kadoura gibt sich auch bei diesem Thema bescheiden: „Dafür gibt es hier schon viele Beispiele. Da bin ich doch nicht der Einzige.“

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