„Bedrückende Aspekte“

Rotenburger Werke: Über die Aufarbeitung der eigenen dunklen Vergangenheit

+
Jutta Wendland-Park und Thorsten Tillner sind als verantwortliche Geschäftsführer der Rotenburger Werke davon überzeugt, dass die historische Aufarbeitung der richtige Weg ist. 

Rotenburg - Von Michael Krüger. Die Rotenburger Werke arbeiten ihre dunkle Vergangenheit weiter auf. Mit dem in dieser Woche erschienenen wissenschaftlichen Sammelband „Hinter dem Grünen Tor. 

Die Rotenburger Anstalten der Inneren Mission, 1945-1975“ werden alltägliche Medikamentenversuche, Gewalt und sogar Hirnoperationen in der diakonischen Einrichtung in den ersten Nachkriegsjahrzehnten dokumentiert. Geschäftsführerin Jutta Wendland-Park sieht die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte als notwendig an – und als Auftrag für die Gegenwart und Zukunft.

Warum sind die Rotenburger Werke überhaupt an der Aufklärung ihrer „dunklen Kapitel“ interessiert?

Jutta Wendland-Park: Man muss wissen, wo man herkommt. Aber die eigene Vergangenheit ist nicht nur interessant, sie nimmt uns auch in die Verantwortung, denn die Menschen, die in jener Zeit Unrecht und Gewalt erfahren mussten, haben ein Recht auf Aufklärung, und eine Gesellschaft, die heute von Behindertenrechten und Inklusion spricht, muss wissen, wo mögliche Gefahren lauern, die erreichte Standards wieder gefährden könnten.

Stellen Sie damit nicht ehemalige Mitarbeiter unter Generalverdacht?

Wendland-Park: Ganz im Gegenteil. Nur wenn man die damaligen Strukturen, die Finanzierung, die Zwänge und die vorherrschende Mentalität kennt und berücksichtigt, lässt sich ein differenziertes Bild zeichnen, unter welchen Umständen Mitarbeitende damals tätig waren. Erst wenn man die Rahmenbedingungen kennt, weiß man zu würdigen, wieviel Kraft und Engagement für einzelne nötig war, um sich unter den gegebenen Bedingungen für das Wohl von Menschen mit Behinderung stark zu machen. Dann versteht man aber auch, warum es Mitarbeitende gab, die den Herausforderungen nicht gewachsen waren, und die den Menschen nicht die notwendige Zuwendung zukommen ließen.

Gibt es intern kritische Stimmen, die die Aufklärung nicht wollen?

Wendland-Park: Da wir in den Rotenburger Werken seit vielen Jahren aktive Geschichtsaufarbeitung betreiben, steht eine große Mehrheit der Mitarbeiterschaft hinter den Bemühungen um eine möglichst umfassende Aufarbeitung. Es hat sich ja gezeigt, dass es gut ist, mit der Wahrheit zu leben.

Was lassen sich die Werke diese Aufklärung kosten?

Wendland-Park: Aufarbeitung kostet Geld, Zeit und die Kraft, um auch mit zum Teil bedrückenden Erkenntnissen umzugehen. Da sind die Finanzen nur ein Teil. Natürlich leben die Autoren des Buches von ihrer wissenschaftlichen Arbeit, natürlich kostet die Herstellung eines Buches Geld. Aber ich nenne keine konkrete Summe, um nicht eine Messlatte aufzuhängen, die für andere verbindlich erscheinen könnte. Wichtig ist die Erfahrung, dass die Investition sich lohnt.

War Ihnen der Umfang und die Art und Weise der Gewaltanwendungen und des Medikamentenmissbrauchs schon vor der Studie bekannt?

Wendland-Park: Durch die Arbeiten, Recherchen und Interviews zu unserem Buch „Geschichte und Geschichten – Der Weg der Rotenburger Werke der Inneren Mission von 1945 ins 21. Jahrhundert“, das im Jahr 2011 erschien, wussten wir bereits, dass es zu häufigen Gewaltanwendungen kam. Daher entschieden wir uns ja, dieses Thema auf wissenschaftlicher Basis gründlich untersuchen zu lassen. Dennoch hat die Untersuchung des Autorenteams neue und bedrückende Aspekte wie die Medikamententests ans Tageslicht gebracht.

Kommen heute viele Bewohner zu Ihnen und berichten von Ihrem Leid? Das dürfte in der Vergangenheit in den alten Strukturen anders gewesen sein ...

Wendland-Park: Der offene und aufrichtige Umgang mit der Vergangenheit hat – auch bereits nach der ersten Buchveröffentlichung 2011 – vielen Betroffenen Mut gemacht, sich an uns zu wenden, um von ihren Erfahrungen zu berichten. Dies setzt sich nach Veröffentlichung des neuen Buches fort. Für Betroffene ist ein vertrauensvoller Umgang miteinander sehr wichtig, der ihnen die Sicherheit gibt, dass man ihren Berichten Glauben schenkt und deren Bedeutung als historische Quellen wertschätzt.

Können Sie sich das Verhalten der jetzt beleuchteten Jahrzehnte und womöglich das Menschenbild, das dahinter steckt, gerade vor dem Hintergrund der damals noch jungen Erfahrungen aus der NS-Zeit erklären?

Wendland-Park: Die geschichtliche Zäsur 1945 hat das Menschenbild und die Mentalität von Millionen Menschen nicht von heute auf morgen umgekehrt. Das war auch im Umgang von Menschen mit Behinderung spürbar. Nicht umsonst sind Begriffe wie „Begegnung auf Augenhöhe“, „Teilhabe“, „Integration“ und später „Inklusion“ erst Jahrzehnte nach Kriegsende entstanden und mit Leben und Inhalten gefüllt worden.

Befürchten Sie, dass die Dunkelziffer der Vergehen noch viel größer ist, weil viele Bewohner auch gar nicht in der Lage waren oder sind, ihr Leid zu beklagen?

Wendland-Park: Eine Bezifferung der Vergehen ist trotz sorgfältiger Recherchen aufgrund der Quellenlage nicht möglich, daher ist es auch schwierig von einer „Dunkelziffer“ zu sprechen. Auf jeden Fall ist aber anzunehmen, dass gerade viele Menschen mit schweren Behinderungen und hohem Assistenzbedarf in jener Zeit Leid erfahren haben, das sie nicht in Worte oder Schrift fassen können.

Wie vermeiden Sie, dass auch heute noch Ähnliches passiert?

Wendland-Park: Indem wir heute alles tun, um Strukturen zu vermeiden, wie sie in der Vergangenheit das ermöglichten, was in der Forschung als „totale Institution“ bezeichnet wird. Das beutet heute: Schaffen von möglichst viel Transparenz unseres Handelns für Menschen mit Behinderungen, ihre Angehörigen und gesetzlichen Vertreter, Kontrollorgane innerhalb und außerhalb der Institution, als da wären zum Beispiel die Bewohnervertretung, der Werkstattrat, die Angehörigenvertretung, die Heimaufsicht und vor allem eine gute Personalausstattung sowie eine gute fachliche Ausbildung der Mitarbeitenden. Auch ein waches öffentliches Interesse am Wohlergehen von Menschen mit Behinderung ist wichtig. Dazu gehört eine kritische Presse. Schlussendlich ist gerade auch die Politik gefordert, Rahmenbedingungen für eine inklusive Gesellschaft zu schaffen. Dabei muss uns klar sein: Inklusion ist nicht zum Nulltarif zu haben.

Sind die Fälle von damals, die nun auch aufgedeckt werden, noch strafrechtlich relevant?

Wendland-Park: Nein, die Fälle sind verjährt.

Geben Sie aktiv Empfehlungen an Betroffenen, sich über die Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ entschädigen zu lassen?

Wendland-Park: Ja, das haben wir bereits getan – mit der Bewohner- und der Angehörigenvertretung, sowie in Bewohner- und Mitarbeiterversammlungen. Wir werden auch weiterhin Betroffene und Angehörige motivieren, die Leistungen der Stiftung in Anspruch zu nehmen und bieten ihnen dabei Unterstützung an.

Kann Geld das erfahrene Leid lindern?

Wendland-Park: Die Zahlungen der Stiftung verstehen sich als Anerkennung, und es bleibt bei den Betroffenen, ihre Frage zu beurteilen. Für uns steht nach vielen Gesprächen mit Betroffenen und Angehörigen fest, dass neben finanziellen Leistungen die Thematisierung und ernsthafte Aufarbeitung der leidvollen Zeit sowie die wissenschaftliche Dokumentation als Mahnung für die Zukunft zumindest als Würdigung, bestenfalls auch als eine Form der Genugtuung und der Leidminderungen wahrgenommen werden.

Stiftung „Anerkennung und Hilfe“

Anfang 2017 nahm in Deutschland die Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ ihre Arbeit auf. Ihre Aufgabe ist die Entschädigung behinderter Menschen, die in Heimen der alten Bundesrepublik und der DDR Unrecht und Misshandlungen erlitten haben. Antragsberechtigt ist, wer zwischen 1949 bis 1975 in der Bundesrepublik beziehungsweise bis 1990 in der DDR in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe oder der Psychiatrie brutalen Betreuungsmethoden und Misshandlungen ausgesetzt war.

Über die Stiftung können die Betroffenen eine pauschale Entschädigung in Höhe von 9 000 Euro sowie Rentenersatzleistungen von bis zu 5 000 Euro erhalten. Eine Studie geht davon aus, dass von den mehr als 240 000 Menschen, die in Einrichtungen der Behindertenhilfe und Psychiatrie untergebracht waren, rund 97 000 Leid und Unrecht erfahren haben könnten und heute noch leben. Die Stiftung hat eine Laufzeit bis zum 31. Dezember 2021. Fragen zur werden unter 0800 / 2212218 beantwortet. Weitere Infos online unter www.stiftung-anerkennung-und-hilfe.de.

Sie haben die Vorstellung des Buches am Dienstag auch mit einem politischen Appell für eine bessere Finanzierung von Pflege verbunden. Was muss sich denn Ihrer Meinung nach verbessern?

Wendland-Park: Eine menschenwürdige Pflege braucht eine angemessene finanzielle Ausstattung. Die Medien berichten täglich über Notstände vor allem in der Altenpflege. Aber auch Menschen mit Behinderung brauchen in der Eingliederungshilfe Sicherheiten, damit gute, erworbene Standards nicht wieder verloren gehen. Im Zusammenhang mit der Realisierung der UN-Konvention und des Bundesteilhabegesetzes müssen die Standards weiter ausgebaut werden.

Die Frage steht im Raum: Schadet solch eine Aufarbeitung der eigenen dunklen Kapitel dem Ruf der Einrichtung nicht viel mehr, als dass sie nützt?

Wendland-Park: Niemand kann sich seine Vergangenheit aussuchen. Unser offener und transparenter Umgang auch mit dunklen Aspekten der Geschichte schafft Vertrauen bei unseren Kunden und Partnern. Das Benennen von Unrecht in der Geschichte unserer Einrichtung fällt nicht leicht. Beschönigen, Verdrängen oder Verschweigen würden einem diakonischen Unternehmen dagegen zu Recht schaden.

Das Buch

Karsten Wilke, Hans-Walter Schmuhl, Sylvia Wagner, Ulrike Winkler (Autoren): „Hinter dem Grünen Tor – Die Rotenburger Anstalten der Inneren Mission, 1945-1975“. Schriften des Instituts für Diakonie- und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel/Band 32, Verlag für Regionalgeschichte, Gütersloh 2018. 24 Euro.

Warum gehen andere Einrichtungen nicht so offensiv mit der Aufklärung um wie die Werke?

Wendland-Park: Ich kann und möchte nicht über andere Einrichtungen sprechen. Ich kann aber sagen, dass es für uns in den Rotenburger Werken zur diakonischen Kultur gehört, Verantwortung zu übernehmen für das, was geschehen ist, um daraus für Gegenwart und Vergangenheit zu lernen.

Wie geht es nun nach der Veröffentlichung des Buches weiter?

Wendland-Park: Das Buch erfreut sich bereits in den ersten Tagen auf dem Markt guter Nachfrage. Wir hoffen, dass es viele interessierte Leser finden wird. Tatsächlich planen wir eine Podiumsdiskussion zum Buch und seinen Themen am Donnerstag, 16. August, um 19 Uhr. Der Raum steht noch nicht fest. Wir werden Sie auf jeden Fall rechtzeitig informieren.

Lesen Sie auch den Kommentar zum Thema: 

Vorbildlich, aber auch notwendig

Von Michael Krüger. Die Rotenburger Werke gehen mit der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit einen äußerst schweren, aber notwendigen Weg. Erst die Auseinandersetzung mit der „Aktion T4“ und den Euthanasie-Verbrechen im Nationalsozialismus, dann die Rolle des alten Patriarchen Pastor Johannes Buhrfeind, nun also die jüngere Vergangenheit: Verfehlungen, menschliche wie systematische, zuhauf. Doch darüber wird nicht geschwiegen, selbst wenn es dem heutigen Ruf der Einrichtung noch schaden kann. In der „Hauptstadt der Diakonie“, wie Rotenburg gerne tituliert wird, ist zwar schon manch einer genervt von Namensdiskussionen und Debatten über die Vergangenheit, aber die sachlich-nüchterne und intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte – wie am Dienstag von den Werken präsentiert – ist genau die Art, wie Themen ohne populistische Anstrich abgearbeitet werden müssen. Hut ab für diesen Mut!

Es ist kein Skandal, was jetzt bekannt wird. Es ist nur die wissenschaftliche Bestätigung dessen, was den meisten bewusst war. Ein Skandal wäre es nur, daraus keine Lehren für die Gegenwart und die Zukunft zu ziehen. Doch so, wie die Werke mit ihrer Vergangenheit umgehen, ist das nicht zu befürchten. Den Maßstab für die Arbeit mit behinderten Menschen setzt Rotenburg nun. Bleibt abzuwarten, wie andere damit umgehen. Und wie die, die nach uns kommen, auf unser Jetzt zurückblicken.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Regierungskrise in Großbritannien wegen Brexit-Entwurf

Regierungskrise in Großbritannien wegen Brexit-Entwurf

„The Beatbox“ in der Verdener Stadthalle

„The Beatbox“ in der Verdener Stadthalle

Neuer Google-Kameramodus macht die Nacht fast zum Tag

Neuer Google-Kameramodus macht die Nacht fast zum Tag

Gewerkschaft und Klimaschützer streiten um Kohleausstieg

Gewerkschaft und Klimaschützer streiten um Kohleausstieg

Meistgelesene Artikel

15. Ausbildungsmesse in den BBS mit so vielen Ausstellern wie noch nie

15. Ausbildungsmesse in den BBS mit so vielen Ausstellern wie noch nie

Ladengeschäft mit Café und Schredderei öffnet kommende Woche

Ladengeschäft mit Café und Schredderei öffnet kommende Woche

Helfer retten Igel

Helfer retten Igel

Mögliche Lösungen gegen Erziehermangel

Mögliche Lösungen gegen Erziehermangel

Kommentare