Mehr Barrierefreiheit im Alltag

Gerhard Bredehorst übernimmt Vorsitz des Behindertenbeirats

Viel Vorwissen aus seinem Berufsleben bringt Gerhard Bredehorst in seine Arbeit als Vorsitzender des Behindertenbeirates ein.
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Viel Vorwissen aus seinem Berufsleben bringt Gerhard Bredehorst in seine Arbeit als Vorsitzender des Behindertenbeirates ein.

Rotenburg – Seit Anfang Dezember hat der Behindertenbeirat des Landkreises einen neuen Vorsitzenden: den Tarmstedter Gerhard Bredehorst. Sportlich kommt der 68-Jährige mit seinem E-Bike zum Pressetermin in Sottrum geradelt. Fast ebenso sportlich klingt seine Liste an Ideen, die er für die kommenden Jahre hat. Denn über das, was auf ihn zukommt, hat er sich sehr viele Gedanken in den vergangenen Wochen gemacht.

Ihm zur Seite stehen als Stellvertreter seine Vorgängerin Gisela Flake sowie Frank Rossdeutscher. „Gisela Flake hat einen sehr guten Job gemacht“, attestiert er ihr. „Sie hat einiges bewegt, aber es kommen ja auch immer wieder neue Punkte dazu.“

Mit dem Thema Behinderungen hat Bredehorst schon beruflich sehr viele Erfahrungen gesammelt. So war er beim Deutschem Milchkontor in der betrieblichen Schwerbehindertenvertretung tätig. Erst neben seinem eigentlichen Job dort, später in Vollzeit, bis er 2018 in Rente gegangen ist. Im Laufe seiner Arbeit hat er viele verschiedene Menschen und ihre Geschichten kennengelernt – mit angeborenen Einschränkungen, aber auch mit denen, die im Laufe eines Berufslebens entstehen können.

Bredehorst hat nach Fördermitteln Ausschau gehalten, darauf geachtet, dass geeignete Bewerber unabhängig davon, ob sie eine Behinderung haben oder nicht, zum Gespräch eingeladen wurden. Doch eine Sache stört ihn: „Ich mag das Wort Behinderung nicht. Manche Menschen haben Herausforderungen, mal sichtbar, mal unsichtbar“, erklärt er. Wurden sie dann eingestellt, hat er sie entsprechend begleitet. „Ich habe es oft erlebt, dass Kollegen mit Herausforderungen in ihrem Job teilweise besser waren als andere – weil sie sich mehr angestrengt haben“, sagt er.

Wichtig sei es, aufzuklären und zu informieren. Teilhabe bedeutet für ihn auch, miteinander ins Gespräch zu kommen. „Oft steht Unwissenheit dahinter, das macht Menschen unsicher und manchmal ablehnend. Aber viele sind bereit, dazuzulernen“, weiß der Tarmstedter. Dabei gibt es nicht selten Möglichkeiten, die Arbeitnehmer mit Herausforderungen zu unterstützen, damit sie ihren Beruf weiter ausüben können, zum Beispiel durch den Einsatz von Fördermitteln, oder man kann ihnen andere Optionen aufzeigen.

Sein Beruf habe ihm sehr viel Spaß gemacht und ist heute mit ein Grund dafür, dass er sich im Behindertenbeirat engagieren möchte. Dieser besteht aus neun stimmberechtigten Mitgliedern und drei beratenden Mitgliedern aus dem Kreistag sowie dem Behindertenbeauftragten des Landkreises, Hans-Hermann Mahnken. Bredehorst ist zudem beratendes Mitglied im Sozialausschuss. Mit dem Beirat hatte er vor seiner Wahl noch nichts zu tun, doch der Wunsch, dabei zu sein, etwas zu bewegen, ist groß.

Am Dienstag hatte das Vorstandstrio sein erstes gemeinsames Treffen, um sich zu besprechen. Am liebsten wäre es Bredehorst, wenn es diese Treffen monatlich gäbe. Er kennt die betriebliche Seite der Einschränkungen, „aber bei angeborenen Behinderungen kann ich kaum was zu sagen“. An solchen Stellen kommt dann die Teamarbeit ins Spiel.

Der Austausch ist ihm ohnehin wichtig. Eines der ersten Themen im Beirat sollen „Wir für uns“-Gespräche werden. Jeder hat seine Einschränkungen und soll den anderen aus seinem Alltag berichten, welche Hürden ihm begegnen. „Wir berichten von unseren Problemen, damit die anderen das mitbekommen.“ Denn was für den einen ein großes Hindernis ist, kann der andere als solches gar nicht wahrnehmen. Probleme können gesammelt und an die entsprechenden Stellen weitergegeben werden. Das kann alles mögliche sein: fehlende Barrierefreiheit beim Arzt oder auch Hindernisse im Straßenverkehr. „Wir können dann Tipps geben“, so Bredehorst.

Der Straßenverkehr oder auch die Teilnahme daran sind ohnehin noch Baustellen an vielen Ecken. „Ich würde jedem Bauleiter in den Ämtern mal empfehlen, sich in einen Rollstuhl zu setzen und durch seine eigenen Straßen zu fahren“, sagt der 68-Jährige. Erst dann erkenne man die vielfältigen Probleme. Schon kleinste Unebenheiten können große Probleme verursachen. Auch Veranstaltungen wie das Hurricane oder die Tarmstedter Ausstellung wollen sie weiterhin auf ihre Barrierefreiheit hin prüfen – sobald diese wieder stattfinden dürfen.

Auf der Agenda stehen neben den organisatorischen Dingen zum Start auch die Projekte, die Flake bereits angestoßen hatte, zum Beispiel zum Thema Hörschädigung. Gerade in der Pandemie ein Problem: Nicht jeder beherrscht die Gebärdensprache, sodass hörgeschädigte Menschen oft von den Lippen ablesen – was durch das Maskentragen unmöglich ist. Nicht zuletzt ist in den vergangenen Jahren viel Bewegung durch das Bundesteilhabegesetz entstanden, weiß der 68-Jährige. „Vieles andere wird sich in der täglichen Arbeit ergeben, auch durch Anregungen von außen.“

So wird auch das Netzwerken weiterhin einen wichtigen Raum einnehmen: mit der Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB), den Rotenburger Werken, der Lebenshilfe, der Awo und vielen anderen Institutionen. „Welche Probleme haben sie, wie können wir sie dabei unterstützen? Das ist eine vielfältige Tummelwiese.“

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