Gerd Schnakenwinkel fordert Entschädigung für ehemalige Heimkinder

„Die Kälte ist unverständlich“

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Gerd Schnakenwinkel übt Kritik an dem Verhalten der Rotenburger Werke was die Aufarbeitung ihrer Geschichte und die Entschädigung der Betroffenen angeht.

Rotenburg - Von Inken Quebe. Es ist erst wenige Wochen her, als die Rotenburger Werke bekanntgegeben hatten, ihre eigene Vergangenheit als Rotenburger Anstalten von Wissenschaftlern aufarbeiten lassen zu wollen. Doch an dem Verhalten der Einrichtung regt sich inzwischen Kritik. Gerd Schnakenwinkel bemängelt, dass Betroffene trotz massiver Beweise bisher keine Entschädigung erhalten hätten.

Der pensionierte Lehrer Schnakenwinkel unterstützt und vertritt einen der Menschen, „die von dem Medikamentenmissbrauch in den Rotenburger Anstalten in den 1950er bis 70er Jahren betroffen waren“, berichtet er. Auf diesen sei er durch das Interview im Deutschlandfunk gestoßen.

Der Betroffene – Schnakenwinkel nennt ihn „Herrn X“ – sei durch seine Erlebnisse noch heute, 40 Jahre später, traumatisiert. Im Alter von fünf bis 15 Jahren hat er als Heimkind in den Anstalten gelebt, obwohl er keine Behinderung hatte. Das Schicksal von „X“ habe Schnakenwinkel sehr berührt. „Es liegt ein Dokument vor, das den Medikamentenmissbrauch an ihm beweist.“ Zusammengerechnet käme er über die Jahre auf 14 „strafrechtlich relevante Delikte“, schätzt er: „Er wurde vergewaltigt, an ihm wurde Gewalt verübt, er hat viel zu hoch dosierte Medikamente bekommen. Die Ärzte sind die Täter, die Mitarbeiter die Mitwisser.“ Durch zweimalige Behandlung mit weiblichen Sexualhormonen „ist er chemisch kastriert“ worden. „Sein ganzes Leben ist zerstört.“

Erst als ein damaliger Praktikant erkannt hatte, dass „X“ gar nicht behindert ist, habe er gegen der Willen der Ärzte die Mutter kontaktiert, die darüber nicht informiert gewesen sei, und die Entlassung erzwungen. „Der Praktikant hat ihm dann eine Kopie der Medikamentenliste ausgehändigt“, so Schnakenwinkel.

Der 73-jährige Rotenburger begrüßt zwar den Schritt zur Aufarbeitung der Vorfälle, denn „Herr X“ sei definitiv nicht der Einzige, als wichtig und „dringend nötig“. Dennoch formuliert er auch scharfe Kritik an dem Verhalten der Werke: „Sie sind ungenau und versuchen, sich davon zu distanzieren. Die Werke sind aber die ‚Erben‘. Diese Kälte ist nicht nachvollziehbar.“ Diese Haltung erscheint in seinen Augen unlogisch und müsse nicht sein, denn „die heutigen Werke leisten hervorragende Arbeit“. Dass die Werke „Herrn X“ nicht finanziell entschädigen wollten, versteht er nicht. „Die öffentliche Bitte um Entschuldigung gilt nur dann, wenn es auch eine materielle Entschädigung gibt“, findet er. „Dem Betroffenen geht es wegen dem, was er erlebt hat, auch finanziell schlecht. Er lebt nur knapp über dem Hartz-IV-Niveau.“ Schnakenwinkel könne von einer christlichen Einrichtung nicht akzeptieren, dass sie sich auf die Verjährung der Delikte beruft.

Dass sich die Rotenburger Werke an der Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ beteiligen und so eine Entschädigung aller Opfer bewirken wollen, hält er für nicht ausreichend. „Diese Stiftung soll es sowieso erst 2016 geben. Warum nicht jetzt?“ Gleichzeitig sei das ein Eingeständnis, dass eine Entschädigung eben doch notwendig sei.

Auf Nachfrage erklärt Thorsten Tillner, Finanzvorstand der Werke: „Wir dürfen Einzelfälle gar nicht entschädigen.“ Grund dafür sei, dass das Non-Profit-Unternehmen aus Steuergeldern finanziert wird und der satzungsgemäßen Verwendung der Steuergelder verpflichtet ist. Um Betroffene aber gerecht zu entschädigen, werde man sich an der Stiftung beteiligen, diese würden die „individuellen Ansprüche der Opfer abwägen“. Wenn man Einzelnen finanzielle Leistungen zukommen lasse, so Tillner, „käme das einer Bewertung der unterschiedlichen Schicksale gleich. Dies steht uns nicht zu“.

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