Generalleutnant Eberhard Zorn: Neue Phase der Bundeswehr-Einsätze hat begonnen

Punktuelle Hilfe soll es richten

+
Joachim Blohme (v.l.), Eberhard Zorn, Hans-Joachim Stegemeier und Jens Kullik.

Rotenburg - Nach den relativ ruhigen 1990er Jahren in Deutschland sind die Hoffnungen auf ein friedliches Miteinander Europas und die Lösung globaler kriegerischer Auseinandersetzungen einer skeptischen Ernüchterung gewichen. Das stellte am Rande des Politischen Aschermittwochs der Reserveoffiziere Verden-Rotenburg in der „Oase“ vor der Lent-Kaserne Generalleutnant Eberhard Zorn vom Bundesverteidigungsministerium fest. Er äußerte sich zu den sicherheitspolitischen Herausforderungen der Bundeswehr.

Als Beispiel nannte er die Entwicklung in der Ukraine, die Kriege und Konflikte in Nahost und Afrika sowie den Terror durch den „Islamischen Staat“ mit unmittelbaren Auswirkungen auf Europa. Eine Konsequenz daraus sei die Massenflucht von Zivilisten aus solchen Regionen. „Das sind Herausforderungen, auf die auch die Truppe reagieren muss“, sagte der General. Aktuell sei die Bundeswehr von den Großeinsätzen mit einigen tausend Soldaten abgerückt. „Wir haben zurzeit eher eine Phase der Ertüchtigung“, so Zorn.

Konkret bildeten deutsche Soldaten Sicherheitskräfte in Krisenländern aus, damit die Menschen vor Ort in die Lage versetzt werden, selbst für ihre Sicherheit zu sorgen, so Zorn. Er ergänzte: „Damit befinden wir uns bereits in einer neuen Phase der Einsätze unserer Soldaten.“ Das zeige sich auch daran, dass Deutschland zurzeit mit rund 2800 Soldaten in 15 Einsatzgebieten tätig sei. Dabei ist die Bundeswehr nicht allein. Die Aufgaben seien multinational auf viele Schultern von Nato, EU und Vereinten Nationen verteilt. Die finanziellen Mehrbelastungen müssen langfristig im Verteidigungsetat berücksichtigt werden.

Auch das Rotenburger Jägerbataillon 91, das erst zu Dreiviertel die personelle Sollstärke erreicht hat, bekommt die Auswirkungen der Konflikte zu spüren. Zum einen ist der Verbandsführer mit dem endgültigen Aufbau beschäftigt und bildet parallel dazu für den Einsatz aus. Zudem unterstützen Jäger die Betreuung der Flüchtlinge in der Region. Das führe gerade bei einem Bataillon, das neu aufgestellt worden ist, zu besonders hohen Belastungen.

Mit diesem Problem stehen die Rotenburger Soldaten aber nicht alleine da. „Das Flüchtlingsproblem ist eine gesamtstaatliche Herausforderung. Wir als Bundeswehr können uns dieser mit unseren Fähigkeiten nicht entziehen“, betonte Zorn. Die Endphase der Umstrukturierung der Bundeswehr soll erst 2017 endgültig abgeschlossen sein. Diese Dreierbelastung in der Truppe sei bei der Führung bekannt.

Eine weitere Erschwernis des Dienstes sei die seit Januar 2016 gültige Soldatenarbeitszeitverordnung. Damit ist auch bei der Bundeswehr ein europäisches Recht umgesetzt worden. Primär geht es um die Gesundheit, Planbarkeit und Vereinbarkeit von Familie und Dienst. Die Vorgesetzten müssten sorgsam mit der Arbeitszeit der Untergebenen umgehen. Es gebe zwar Ausnahmen, aber die Amtshilfe in der Flüchtlingsbetreuung sei von der Verordnung nicht ausgeschlossen, erklärte der General. Dies bedeute viel Planung für die Truppe. Die Verbands- und Einheitsführer seien gezwungen, Schwerpunkte zu setzen. Das alles bedürfe einer personellen Ergänzung.

Zorn hob dabei die Bedeutung der Reservisten hervor. Ohne sie wäre eine erfolgreiche Erfüllung der Aufträge im In- und Ausland nicht denkbar. Die Reservisten würden in den kommenden Jahren noch stärker in die Planungen mit einbezogen. Um ihren Einsatz attraktiv zu machen, sind vom Ministerium zahlreiche Maßnahmen wie das Unterhaltssicherungsgesetz, der Seiteneinstieg mit höherem Dienstgrad für Ungediente und Flexibilität des Dienstes eingeführt worden. Ungeachtet aller Umstände darf laut Zorn die Kernaufgabe der Truppe nicht aus den Augen verloren werden.

Der „Sicherheitspolitische Aschermittwoch“ der Reservistenkameradschaft „Reserveoffiziere Verden-Rotenburg“ wurde am Mittwoch 30. Jahre alt. Kapitän zur See d. R. Jens Kullik ist der Initiator der Veranstaltung. Gemeinsam mit den Oberstleutnanten der Reserve, Joachim Blohme und Hans-Joachim Stegemeier, holte Kullik hochkarätige Referenten in die Kreisstadt. „Wir haben den Bürgern der Region immer aktuelle Themen der Bundeswehr näher gebracht“, sagte er.

go

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Schwimmer Wellbrock erreicht WM-Finale: "Riesig"

Schwimmer Wellbrock erreicht WM-Finale: "Riesig"

Sommerreise durch den Landkreis Diepholz - der Dienstag

Sommerreise durch den Landkreis Diepholz - der Dienstag

Hochwasser-Einsätze in vielen Gegenden

Hochwasser-Einsätze in vielen Gegenden

Werders erste öffentliche Trainingseinheit in Schneverdingen

Werders erste öffentliche Trainingseinheit in Schneverdingen

Meistgelesene Artikel

Ab Mittwoch rollt wieder der Verkehr auf der B 440

Ab Mittwoch rollt wieder der Verkehr auf der B 440

Chester Bennington beim Hurricane: „Einer der besten Auftritte“

Chester Bennington beim Hurricane: „Einer der besten Auftritte“

Das Herz der Stadt ist seit 30 Jahren autofrei

Das Herz der Stadt ist seit 30 Jahren autofrei

Kommentare