Genehmigungspflicht für Grünlandumbruch ist 13 Tage aufgehoben

Bauern dürfen pflügen – Naturschützer ärgern sich

+
Bei Stelle wurde nach Nabu-Beobachtungen ein rund 15 Hektar großes Grünland umgebrochen – und damit womöglich ein Bestand der seltenen Feldgrille getötet.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Wild West auf dem Acker oder überfällige Deregulierung für die Landwirtschaft? Seit dem 19. Dezember dürfen EU-geförderte Bauern in Niedersachsen ohne Ausgleichsmaßnahmen oder Genehmigungen der Landwirtschaftskammer Grünland in Ackerflächen umwandeln.

Die Positionen, welche Folgen diese rechtliche Sondersituation hat, die am 1. Januar endet, gehen zwischen Bauernschaft und Naturschützern wie zu erwarten weit auseinander. Es gibt erste Streitfälle.

Kommentar zum Thema

Auf Druck der Bauernschaft und von SPD-Politikern habe Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) mit der Bekanntgabe im Ministerialblatt am Freitag vor Weihnachten handeln müssen. „Zu spät“, ist Jörn Ehlers, Vorsitzender des Landvolk-Kreisverbandes Rotenburg-Verden, empört. Es hätten bereits Schadensersatzklagen gedroht. Das Ministerium habe sich bis zuletzt geweigert, die „Genehmigungspflicht für das Umbrechen von Dauergünland nach der Verordnung zur Erhaltung von Dauergrünland“ zurückzunehmen – obwohl das gesetzlich verankerte Verhältnis von Grünland zu Nutzfläche schon wochenlang erfüllt gewesen sei und es somit keiner Genehmigungen für Umbrüche mehr bedurft hätte. Ehlers: „Es wäre auch aus Sicht des Landvolkes wünschenswert gewesen, rechtzeitiger die Veröffentlichung im Ministerialblatt durchzuführen. Dann hätte eine bessere Beratung, auch zum Schutz eventueller Biotope gewährleistet werden können. Nun stehen alle Beteiligten unter großem Zeitdruck, und es besteht die Gefahr, dass auch Fehler passieren.“

Von einem solchen berichtet der Rotenburger Naturschutzbund. Der Vorsitzende Roland Meyer hat nach eigenen Angaben beobachtet, wie am 22. Dezember bis in die Nacht eine Fläche von rund 15 Hektar bei Stelle umgebrochen worden sei. Pikant dabei: Auf dem „in Teilen wertvollen trockenrasenähnlichen Grünland“ lebe die auf der Roten Liste und vom Aussterben bedrohte Feldgrille – das einzige Vorkommen in Nordwestniedersachsen. Zudem befänden sich im Gebiet zwei nach dem Paragrafen 28a des Niedersächsischen Naturschutzgesetzes besonders geschützte Biotope. Der Nabu hat den Vorgang gestern beim Landkreis gemeldet.

„Wir gehen der Sache nach“, versicherte Hermann Bassen, stellvertretender Naturschutzamtsleiter. In der kommenden Woche werde ein Mitarbeiter die Äcker kontrollieren. Rechtlich, so Bassens Einschätzung, sei das Umpflügen vermutlich nicht zu beanstanden. Auch wenn die Feldgrille bedroht sei, genieße sie keinen besonderen Schutzstatus. Und die Biotope seien nach bisherigen Informationen unberührt. Und trotzdem: „Aus Sicht des Naturschutzes ist das sehr ärgerlich.“ Dem stimmt Meyer zu: „Gut möglich, dass der Umbruch, zumal in der ärgerlichen Übergangsphase, legal gewesen ist. Falls dem so sein sollte, zeigt dass in unseren Augen aber nicht, dass alles in Ordnung ist. Sondern es zeigt, wie unzureichend die Natur in Deutschland leider geschützt ist.“

Landvolk-Vorsitzender Ehlers bestätigte, dass im Bereich Hellwege/Stelle wie woanders auch mehrere Flächen von unterschiedlichen Bewirtschaftern umgebrochen worden seien. Es handele sich aber um sehr sandige, trockene Flächen und keine geschützten Moorflächen. Auch seien die Biotope nach Aussagen des Bewirtschafters nicht angetastet worden. Warum die Landwirte die 13 Tage bis zur neuen bundesweiten Genehmigungs- und Ausgleichspflicht offensichtlich intensiv nutzen, ist klar: 2011 hat ein Hektar Grünland im Landkreis den Wert von 9000 Euro gehabt, Ackerland hingegen 17000 Euro. Mit dem Umbruch verdoppelt sich der Wert. Von 1995 bis 2010 hat sich der Grünlandanteil in Rotenburg um 35 Prozent verringert – landesweit um 24 Prozent.

Das Landvolk als Interessensvertretung ist nun bemüht, die Bauern in ihren Vorhaben zu bremsen. Vor dem Grünlandumbruch seien auch weitere Naturschutzbestimmungen zu beachten. Und: „Das Landvolk appelliert an alle Betriebe, die Notwendigkeit einer Umwandlung von Dauergrünland in andere Nutzungen sorgfältig zu prüfen, sich gegebenenfalls beraten zu lassen und dabei auch die nachhaltige Ackerwürdigkeit zu berücksichtigen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Schiff für Atommüll-Transport steht in Obrigheim bereit

Schiff für Atommüll-Transport steht in Obrigheim bereit

Feuerwehr bekämpft Großbrand in Jacobs-Werk

Feuerwehr bekämpft Großbrand in Jacobs-Werk

Hurricane-Abreise am Montag: Was bleibt, ist Müll

Hurricane-Abreise am Montag: Was bleibt, ist Müll

Kreiszeltlager der Jugendfeuerwehr: der Montag

Kreiszeltlager der Jugendfeuerwehr: der Montag

Meistgelesene Artikel

Keine Rücksichtnahme

Keine Rücksichtnahme

Lent-Kaserne soll Namen behalten 

Lent-Kaserne soll Namen behalten 

Kommentare