Im Gespräch: „Geld bedeutet mir nichts mehr“

Richard Brox ist seit 30 Jahren obdachlos – und kämpft weiter

Richard Brox war vor vier Jahren für eine Weile in Rotenburg. Foto: Menker
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Richard Brox war vor vier Jahren für eine Weile in Rotenburg.

Rotenburg - Von Guido Menker. „Helmut Richard Brox will weg von der Straße - muss sich in Rotenburg aber gegen Anfeindungen wehren“ - das hat die Rotenburger Kreiszeitung vor fast genau vier Jahren unter der Überschrift „Ruhesuchender spürt harten Gegenwind“ berichtet. Inzwischen ist der 54-Jährige Deutschlands bekanntester Obdachloser.

Mit dem Titel „Kein Dach über dem Leben“ ist Richard Brox ein Bestseller gelungen. Es ist die Biografie eines Obdachlosen. Ein schonungsloser Bericht aus der Sicht eines Mannes, der seit mehr als 30 Jahren auf der Straße lebt und sich zugleich stark macht für Menschen, die keine eigene Wohnung haben. Vor vier Jahren tauchte Brox in unserer Redaktion auf. Er blieb längere Zeit in der Stadt, suchte die Öffentlichkeit für sein Thema und zugleich einen Ort, um vielleicht doch länger bleiben zu können. Das hat auch in Rotenburg nicht geklappt. Doch Brox kämpft weiter. Gerade jetzt im Winter mit seinen frostigen Nächten, die es den Obdachlosen besonders schwer machen.

Herr Brox, wo erreichen wir Sie gerade?

Ich bin zurzeit in Köln, wo ich mit dem Aufbau eines Projektes beschäftigt bin. Ich leite das Projekt in Zusammenarbeit mit dem Kölner Verein „Kunst hilft geben“ und der GAG Immobilien AG. Es entsteht eine betreute Wohngemeinschaft für ältere Obdachlose mit schweren Erkrankungen und ohne ausreichenden Krankenschutz.

Es ist kalt. Wo und wie haben Sie die Nacht verbracht?

Zurzeit bei Freunden, also nicht mehr obdachlos. Seit diesem Monat bin ich in einem kleinen Appartement in Köln. Es wird mir kostenlos zur Verfügung gestellt vom Verein „Kunst hilft geben“ und von Günter Wallraff.

Die Minusgrade machen uns allen derzeit zu schaffen. Welche Erfahrungen machen Sie in diesen Tagen?

Die kalte Jahreszeit ist die schlimmste Zeit für Obdachlose. Denn es gibt sehr viele Menschen, die Notunterkünfte bewusst meiden, weil sie dort belogen, betrogen und bestohlen werden und oft auch Gewalt und sexuellen Belästigungen schutzlos ausgeliefert sind. Was Obdachlose jetzt neben Fürsorge und Mitgefühl benötigen, sind Thermo-Unterwäsche, langarmig, langbeinig. Socken. Mütze. Schal. Handschuhe. Wintertaugliche Schuhe und Oberbekleidung, sowie für die Hygiene Duschgel und diese Dinge. Dazu warmes Essen wie Eintöpfe oder belegte Brote. Heiße Getränke. Kein Alkohol. Viele Obdachlose haben zum Selbstschutz und als einzigen Gesprächspartner Hunde. Auch an die Tiere denken, diese haben auch Hunger und Durst. Was sie nicht brauchen, ist Mitleid. Mitleid ist Heuchelei und erbärmlich. Bitte haben Sie Mitgefühl und Empathie für Obdachlose. Echte Zuwendung öffnet die Herzen der so oft getretenen und geschundenen Menschen.

Sie sind der bekannteste Obdachlose in Deutschland und haben ein Buch über Ihr Leben geschrieben. Haben Sie für sich inzwischen ein Dach über dem Leben in Aussicht?

Ja, habe ich, und es hängt mit meinem Projekt in Köln zusammen. Ohne diese Aufgabe, meine Herzenssache, wäre ich nicht nach Köln gekommen und weiterhin wohnungslos geblieben.

Sie sind auch nicht mehr der Jüngste, und vielleicht auch deshalb kümmern Sie sich um ganz wichtige Dinge für die Obdachlosen. Sie wollen ein Hospiz für die todkranken Obdachlosen schaffen. Wie weit sind Sie da schon?

Mittlerweile bin ich 54 Jahre alt, und dreißig Jahre davon war ich wohnsitzlos. Ich habe viele meiner älteren Berber todkrank sterben sehen. Manche sogar an deren Sterbebett in Krankenhäusern. Daraus entstand meine Idee, den Obdachlosen eine letzte würdevolle Heimat zu geben, die mit Diagnosen wie Krebs oder Aids im Endstadium sich ansonsten auf der Straße aus Verzweiflung und Einsamkeit das eigene Leben nehmen würden. Das Projekt wird in Köln in diesem und im kommenden Jahr verwirklicht, und es ist eine hospizähnliche, geführte Betreute Wohngemeinschaft für Obdachlose ohne ausreichende Krankenversicherung mit schweren Erkrankungen.

Zwischendurch ist zu erfahren, dass Sie auch mal eine Wohnung finden, in der Sie wohnen. Sie scheinen das aber nicht lange auszuhalten. Warum?

Ja eine Wohnung hat für mich keinen Stellenwert. Menschen wie ich, die so viele Jahre am Stück keine Wohnung mehr hatten, verlieren das Gefühl für eine Wohnung. Wohnungslos zu leben, bedeutet entwurzelt zu sein, keine Heimat zu haben. Verloren in der Freiheit zu sein. Vier Wände werden fast schon empfunden wie eine offene Gefangenschaft, wie offener Strafvollzug, nur dass Du die Schlüssel zum Gewahrsam selbst in den Händen trägst. Hinzukommt das Gefühl als Obdachloser, als dauerhaft wohnungslos lebender Mensch nicht mehr willkommen zu sein. Fremdsein in der Heimat.

Welche Erinnerungen haben Sie an Rotenburg?

Ja, Rotenburg und die Umgebung sind mir hinlänglich gut bekannt. Aber nur aus der Sicht einer Person ohne festen Wohnsitz. Es gibt gute Möglichkeiten für Wohnungslose dort. Eine gute Übernachtung und eine gute Anlauf- und Beratungsstelle. Leider ist auch in Rotenburg der freie Wohnraum sehr knapp, und daher schwierig für Menschen in Armut und Ausgrenzung lebend, passenden finanzierbaren Wohnraum zu finden. Was mich damals bewog, auch Rotenburg wieder zu verlassen.

Wie sehr kann Ihr Buch dazu beitragen, dass die Gesellschaft vielleicht mal anders mit Menschen umgeht, die kein Dach über dem Kopf haben?

Durch das Lesen meines Buches werden viele Themen berührt. Nicht nur der totale Einblick in die Obdachlosigkeit, reines Insiderwissen, sondern auch in die Missstände unserer feinen Gesellschaft. Nicht umsonst ist meine Biografie jetzt auch geführt als Lehrbuch von der Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn. Die Reaktionen sind überwältigend. Am Sonntag gebe ich zum Beispiel zum Internationalen Gedenktag zum Holocaust eine Lesung unter Überlebenden und Zeitzeugen. Schließlich bin ich Sohn von KZ-Überlebenden.

Sie waren zuletzt in vielen Fernsehsendungen zu sehen, es gab Beiträge in den Zeitungen. Können Sie eigentlich noch unerkannt von Stadt zu Stadt ziehen?

Es fällt mir schwer, eine Person des öffentlichen Lebens zu sein. Aber mit meinem Buch landete ich unerwartet einen mehrmonatigen Bestseller im kompletten deutschsprachigen Raum. Es ist die erfolgreichste Biografie dieser Art und wissenschaftlich bestätigt. Ich muss wohl oder übel damit Leben und zurechtkommen, Person des sogenannten öffentlichen Lebens zu sein.

Zurück zum Winter: Schildern Sie uns einen Tag, an dem es rund um die Uhr friert - was machen Sie, wie sehr bestimmt die Suche nach einem warmen Platz den Tag?

Der normale Tagesablauf besteht im Regelfall aus der Angst, täglich um das nackte Überleben zu kämpfen. Tagsüber als Tagelöhner, als Bettler oder als Leergutsammler. Wärmestuben suchen zum Aufwärmen, zum Duschen, Wäsche waschen oder um etwas Warmes zu essen zu bekommen. Eine Erkenntnis erfährt jeder Obdachlose sehr schnell: Nirgends ist es sicher. Überall lauert die Gefahr, dein Leben zu verlieren.

Manchmal wird bekannt, dass Obdachlose nicht sehr viel Hilfe an sich heranlassen. Was wünschen sich Obdachlose von denen, die meistens nur stumm an ihnen vorbeigehen?

In Frieden Leben zu dürfen. Keine Angst vor Hass und Gewalt haben zu müssen. Hilfe zu bekommen mit Lebensmitteln, Getränken, Bekleidung und vielleicht eine trockene, saubere und warme Unterkunft zu finden, ohne auch dort noch Opfer zu werden. Menschen mit Herz und Leidenschaft für die wenigen Belange der Wohnsitzlosen. Hilfe von Herzen, wie Mitgefühl und Empathie.

Zurück zu Ihnen. Sie haben ein erfolgreiches Buch geschrieben - Ihnen sollte es finanziell inzwischen recht gut gehen.

Stimmt, finanziell könnte es mir jetzt gut gehen. Wenn ich ein Ich-Mensch wäre. Aber wer alles verloren hat, so wie ich, hat nichts mehr zu verlieren, kann nur noch geben. Deshalb werden die Tantiemen für das Buch in mein Projekt gelegt. Alles für die todkranken Obdachlosen, denn was hab ich noch zu verlieren? Nichts. Geld bedeutet mir nichts mehr. Ich lebe bewusst ohne irgendwelche Leistungen vom Staat. Meine Freiheit ist nicht ganz freiwillig, aber mein Leben hat durch mein Projekt eine Erfüllung bekommen, anderen Gutes zu tun ohne dafür etwas zu erwarten. Ich Rede nicht nur, ich handle. So fordere ich vom Staat die rechtliche Legitimation, per Gesetz folgenden Satz in jede Landesverfassung zu setzen: „Das Recht auf Arbeit und Wohnung ist für alle Bürgerinnen und Bürger zu gewährleisten.“ Nur damit sind Armut und Obdachlosigkeit in Deutschland überwindbar.

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