Die Entwicklung ihrer Lokalzeitung

Ab 1949 erscheint die Rotenburger Kreiszeitung wieder

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Mit den ankommenden Übersiedlern wurde der Mauerfall auch in der Rotenburger Kreiszeitung thematisiert.

Rotenburg - Von Ulf Buschmann. Da steht er und kann nicht anders. Karl Sasse kauft Heinrich Schelper zum 30. September 1939 den „Rotenburger Anzeiger“ ab. Sasse aus dem benachbarten Visselhövede hat selbst bislang eine Zeitung herausgebracht: den „Visselhöveder Landboten“.

Aus beiden Blättern formt der Verleger eine neue Zeitung für den (Alt-)Kreis Rotenburg. Die „Kreis-Zeitung für den Kreis Rotenburg im Hann.“ entsteht. 1943 wird daraus die „Rotenburger Kreiszeitung“.

Was Sasse damals sicherlich nicht geahnt hat, war der Umstand, dass seine Zeitung erstens rund zwei Jahre später ihr Erscheinen einstellen muss und zweitens er eine neue Chance bekommt. Im Grunde genommen ist die Rotenburger Kreiszeitung ein Kind des Dritten Reiches. Unter den Nationalsozialisten war die Presse gleichgeschaltet. Die Zensur auf allen Ebenen war allgegenwärtig. Freie Berichterstattung gab es nicht.

Zuerst sämtliche Zeitungen verboten

Mit der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 werden von den Alliierten auch sämtliche Tageszeitungen verboten. Grundlage dafür sind entsprechende Beschlüsse aus dem Jahr 1943. Noch im Oktober des gleichen Jahres wird die „European Advisory Commission“ gegründet. 

Das Ziel: Die Deutschen in die Gründung eines demokratischen Rechtsstaates einzubinden. Die Kommission fasst erste allgemeine Beschlüsse für die deutsche Presselandschaft. Demzufolge soll die deutsche Presse mehr oder weniger übergangslos weiterarbeiten – allerdings erst nach teilweisem Personalaustausch.

Doch gar so einfach ist es dann doch nicht. Denn in den Redaktionen sollen alliierte Zensoren sitzen. Allerdings gehen Briten und Amerikaner davon ab, weil sie es für zu diktatorisch halten. Konkreter werden die Vorstellungen in Sachen Medienpolitik ab April 1944: Für die Westalliierten schreibt die Psychological Warfare Division konkretere Vorhaben auf. Danach soll eine zentrale alliierte Kommission gemeinsam und flächendeckend die Medienpolitik bestimmen. Konkrete Richtlinien werden am 16. April 1945 im „Handbook for the Control of German Information Services“ vorgelegt, also sechs Tage vor der Eroberung Rotenburgs.

Kreiszeitung kehrt nach Rotenburg zurück

Für die Rotenburger Kreiszeitung heißt das: Erscheinungsverbot durch die britischen Besatzungsbehörden wie fast alle Tageszeitungen im Rahmen des sogenannten „Blackout“. Doch schon im Verlauf des Jahres 1945 darf die Rotenburger Kreiszeitung wieder als Untertitel „Niederdeutsche Zeitung aus Lüneburg“ erscheinen. 

Erst am 1. September 1949 – dreieinhalb Monate nach Verabschiedung des Grundgesetzes – ist die Rotenburger Kreiszeitung wieder ein Sasse-Produkt. Die Mannschaft macht sich mit viel Elan daran, das Geschehen im Altkreis Rotenburg aufzurollen. Redakteure und die damals schon unvermeidlichen freien Mitarbeiter schwärmen aus, um die Leser über das Geschehen zu informieren. Allerdings: Die Art und Weise der Berichterstattung und die Umsetzung sind vor allem bedingt durch die damaligen technischen Möglichkeiten ganz andere.

Das „Lokale“ orientiert sich weitgehend an großen Ereignissen. Die Vereine und Verbände und nicht zuletzt die kommunalen Gremien nehmen breiten Raum in der Berichterstattung ein. Kreis- oder Bezirkssportfest? Die Reporter der Rotenburger Kreiszeitung berichten in Wort und immer mehr auch in Bild vom Geschehen. Unvermeidlich sind die Schützenfeste in den Dörfern und den Städten. 

Vereine bestimmen die Inhalte

Die Lokaljournalisten sind dabei weniger Beobachter als Teil des Systems. Dies goutieren die Leser – nicht nur der Rotenburger Kreiszeitung, auch der anderen lokalen Zeitungen, die es seit den 1950er Jahren überall im Land gibt. Die Vereine sind in den folgenden Jahrzehnten eines der bestimmenden inhaltlichen Elemente – im Lokalen und im Sport sowieso.

Was für die Vereine gilt, hat für die lokale Politik noch viel größere Bedeutung. Die Agenda dort bestimmen in aller Regel die Sitzungskalender der Gremien: Kreistag, Sitzungen der Gemeinde- und Ortsräte sowie der Ausschüsse auf allen Ebenen sind feste Bezugspunkte in der Berichterstattung. Aber auch große Ereignisse wie die Einweihung neuer Schulen sind Pflichttermine. Beispielsweise widmet sich die Rotenburger Kreiszeitung in ihrer Ausgabe vom 2./3. März 1968 auf einer ganzen Seite der Grundsteinlegung der neuen Mittelpunktschule in Scheeßel. „Eckpfeiler auf dem Weg in die Zukunft“ ist der Beitrag überschrieben.

Dabei geht es vor allem darum, das lokale sowie hin und wieder das regionale Geschehen abzubilden. Kommentierende Elemente gibt es im Lokalen nicht – es ist nicht nur verpönt, sondern auch ein ungeschriebenes Gesetz, dass Kommentare auf die Politikseiten gehören. Dieses Selbstverständnis bricht erst mit Beginn der 1990er Jahre langsam auf.

1968 ist ein magisches Jahr

Das Jahr 1968 ist ein magisches – zumindest in der westdeutschen Zeitrechnung. Es ist die Zeit der Studentenproteste und gesellschaftlichen Umbrüche. Das alles ist zuerst in den Städten bemerkbar. Auf dem Land, also auch im Altkreis Rotenburg, kommen neue Sichtweisen auf die Gesellschaft erst mit mehrjähriger Verzögerung an. 

Im Gegenteil: Wer in den 1960er Jahren auch nur ein bisschen an der alten Ordnung rüttelt, gilt als eine Art Vaterlandsverräter. Zeitzeugen berichten beispielsweise, dass sie massive Probleme bekommen haben, weil sie sich für die Gründung einer SPD-Gliederung stark machen.

Auch im Lokalen findet das Neue keinen Niederschlag. Neben den Vereinen und den politischen Gremien gibt es zum Beispiel im Januar 1968 einen Bericht, der mit „Großer Andrang bei der Schluckimpfung“ betitelt ist – ein damals übrigens wichtiges Thema, weil viele Mädchen und Jungen an Kinderlähmung erkranken. Fester Bestandteil ist auch das Gericht. Im Lokalen und in der Politik gibt es sogenannte Gerichtsreporter. Sie sind inzwischen vielfach abgeschafft.

Diskussionen um ein großes Bundesland im Norden

Eine Art kleinen Meilenstein in der Lokalberichterstattung markiert das Jahr 1972. Damals flammte, wie bereits in den 1950er und 1960er Jahren, die Diskussion über einen sogenannten Nordstaat wieder auf: Niedersachsen, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein sollen sich zu einem großen Bundesland vereinigen. Vor diesem Hintergrund fragen sich zahlreiche Rotenburger Politiker: Welche Auswirkungen wird solch ein Vorhaben auf den Landkreis haben?

Die Titelseite der Rotenburger Kreiszeitung zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990.

Diese Diskussion flacht aber alsbald wieder ab. Dafür kümmern sich die Journalisten der Rotenburger Kreiszeitung um ein anderes großes, von der Landespolitik vorgegebenes Thema: Die große niedersächsische Kreisgebietsreform. Von 1972 bis 1978 wurden Landkreise und Gemeinden vereinigt – auch in der Region Rotenburg. Der Altkreis schloss sich mit den bisherigen Landkreisen Zeven und Bremervörde zusammen. Dies war vor allem in den Dörfern nicht immer im Sinne der Bevölkerung. Darüber berichtete die Rotenburger Kreiszeitung natürlich in aller Breite.

Bis vor wenigen Jahren galt eine strikte Trennung zwischen Lokalem und Politik. Ersteres steht in der Zeitung natürlich immer vorne. Keine Wunder also, dass die Umbrüche in der Welt wie der Fall der Berliner Mauer erst mit einiger Verspätung Niederschlag in der Berichterstattung in Rotenburg und umzu finden. Erst als beispielsweise die Welle der Übersiedler aus der DDR auch Rotenburg erreicht, erfahren dies die Leser. „Mölders-Kaserne erwartet 200 Übersiedler“, titelt die Zeitung zum Beispiel in ihrer Ausgabe Sonnabend und Sonntag, 11. und 12. November.

Die deutsche Frage, Kuba-Krise, die erste SPD-Regierung unter Willy Brandt, der Terror der RAF oder auch die deutsche Wiedervereinigung: All dies ist nach damaligem Verständnis die Aufgabe des Ressorts Politik, darüber zu berichten. Eine Sicht der Dinge, die sich erst innerhalb der vergangenen knapp zehn Jahre verändert hat. Wenn es heute die Ereignisse notwendig machen, steht das Lokale auch auf der Seite 1.

Lesen Sie auch:

Die Rotenburger Kreiszeitung: Ihre Geschichte bis 1945

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