Es geht um die Sicherheit

Diakonieklinikum bei  elektronischer Patientendokumentation weit vorn

+
Schwester Lena Böhling scannt das Armband des kleinen Jungen ein und weiß sofort: Sie ist beim richtigen Patienten. Henris Vater Christoph Schulz (v.l.), seine Mutter Emelie und Kinderklinik-Chefarzt Dr. Jens Siegel verfolgen diesen neuen Arbeitsschritt.

Rotenburg - Von Guido Menker. Für Lena Böhling ist es völlig normal, mit einem „iPad“ in der Hand zum Patienten ins Zimmer zu gehen. „Ich kenne das gar nicht anders“, sagt die junge Krankenschwester. Wir sind eben angekommen in einer Zeit, in der Tablet-Computer und Smartphones zum Alltag gehören – und diesen mittlerweile auch in den Krankenhäusern verändern. Vor allem im Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg.

Das hat gerade seine digitalisierten Prozesse rund um den Patienten prüfen lassen. Ergebnis: Das Diako ist eines von nur zwei Krankenhäusern, die den zurzeit höchsten Reifegrad erreichen. Und ohne „iPad“ geht da fast gar nichts mehr.

Henri Schulz ist sieben Monate alt und wird in der Kinderklinik des Diako behandelt. Seine Eltern sind bei ihm und erleben während des Aufenthalts, wie sich die Arbeit von Ärzten und Pflegepersonal verändert hat. „Ich finde das gut“, sagt Vater Christoph Schulz. Und auch seine Frau Emelie zeigt sich beeindruckt, während die junge Krankenschwester den Strichcode vom Armband am Handgelenk ihres kleinen Sohnes einscannt, um sicherzustellen, dass der Kleine auch das richtige Medikament bekommt – ganz so, wie es in der digitalen Patientenakte vom Arzt angeordnet worden ist.

Lena Böhling scannt ein Medikament ein.

„Mit der Digitalisierung verfolgen wir eine ganzheitliche Strategie des Agaplesion-Konzerns“, sagt Detlef Brünger, Geschäftsführer des Diakonieklinikums Rotenburg. Es gehe nicht um Rationalisierungen, sondern vielmehr darum, Informationen so zu integrieren, dass diese jederzeit und an jedem Ort im Krankenhaus zur Verfügung stehen. „Deswegen geht nicht alles schneller, aber sicherer und zielgerichteter mit Blick auf den Genesungserfolg.“ Das „iPad“ ist also nicht nur auf der Station ein inzwischen gängiges Arbeitsmittel, sondern auch in den anderen Bereichen, wie zum Beispiel in der Radiologie und im Labor. „Wir befassen uns schon seit Jahren damit, und zwar im Schulterschluss mit der Konzernstrategie“, erklärt Brünger. Damit verbunden sei letztendlich ein völlig neues Design der Arbeitsabläufe. 

Das „Emram 6“-Zertifikat, das das Diako als eines von zwei Krankenhäusern bundesweit ausweist, die in Sachen digitaler Patientendokumentation die Nase vorne haben, bezeichnet der Geschäftsführer als eine „zwischenzeitliche Krönung“, die das bereits erreichte, hohe Niveau bestätige.

Bewertung gibt Rückenwind für weitere Projekte

Die Zeiten, in denen es eine handschriftlich geführte Patientenakte gab, die immer mitgegeben wurde, wenn der Patient die Station für Untersuchungen oder Behandlungen verließ, sind vorbei. 2014 hat das Diako mit der Einführung der mobilen, digitalen Akte begonnen, die inzwischen fast alle Kliniken im Diako erreicht hat. Die ersten Weichenstellungen waren 2007 vorgenommen worden, berichtet Pflegedirektor Olaf Abraham. Ende 2016 war die Umstellung erreicht, und damit „haben wir eine Tür aufgemacht“, so der Pflegedirektor. „Aber jetzt geht es weiter.“ Doch zunächst sei es dem Diako wichtig gewesen, sich einordnen und bewerten zu lassen. Das hat geklappt und sorgt für Rückenwind.

Hinter dem Projekt steckt ein umfassender technischer Apparat: Das Diako betreibt zwei gespiegelte Rechenzentren sowie ein Archiv-Rechenzentrum mit 249 Servern und einer Speicherkapazität von derzeit 160 Terabyte Größe. 450 „iPads“ sind zurzeit im Diako im Einsatz, daneben existieren 1 638 PC-Arbeitsplätze im Krankenhaus. Darüber hinaus stehen 20 mobile Visitenwagen zur Verfügung. Etwa 1 400 Mitarbeiter sind inzwischen im Umgang mit dem neuen System geschult worden, verrät Claus-Peter Thomsen, Bereichsleiter IT im Diako.

Bilder, Aufträge und Anforderungen im System zu finden

Als zentrales Klinikinformationssystem (KIS) setzt das Krankenhaus auf „iMedOne“ von der Deutschen Telekom, in das zurzeit Daten aus zehn sogenannten Subsystemen einfließen. Stefanie Raber, Björn Müller und Olaf Schindler aus der Stabsstelle IT Pflege beziehungsweise IT Projektmanagement machen deutlich, was die digitale Patientendokumentation alles kann. Das Einscannen des Strichcodes vom Armband des Patienten ist so etwas wie die Eintrittskarte in seine Dokumentation. 

„Für alle Beteiligten sind dann verschiedene Werte einsehbar“, sagt Björn Müller. So stehe zum Beispiel die Anamnese sofort allen Mitarbeitern zur Verfügung. Auch Bilder, Aufträge und Anforderungen eines Kollegen sind unmittelbar im System zu finden. „Das verändert viele Abläufe“, sagen die Techniker, und Dr. Jens Siegel, Chefarzt in der Klinik für Kinder und Jugendliche, nickt bestätigend.

Sicherheit und Transparenz

Wenn im Zusammenhang mit der Digitalisierung von Sicherheit die Rede ist, lässt sich das besonders gut beim Thema Medikation darstellen. Schwester Lena Böhling weiß bei einem Blick in die Akte des kleinen Henri, dass sie zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Medikament verabreichen muss. Sie nimmt es aus dem Schrank, scannt es mit dem „iPad“ ein und erfährt sofort, dass sie für den kleinen Jungen das richtige Medikament gewählt hat. Sie geht zu ihm und scannt sein Armband. 

Damit ist sichergestellt, dass sie beim richtigen Patienten ist und dieser die richtige Medizin in der vom Arzt festgelegten Dosis erhält. Stimmt etwas nicht überein, meldet das System sofort einen Fehler, erklären die Systemtechniker. Sie präsentieren auch das sogenannte Journal, in dem schließlich alle Berufsgruppen aufeinandertreffen, die mit der Behandlung zu tun haben. Das schaffe Sicherheit, sorge zugleich aber auch für Transparenz.

Fotos direkt aus dem OP

So liegen beispielsweise in der morgendlichen Besprechung auf der Station bereits die Vitalwerte des Patienten digital vor, jeder kann in den Pflegeplan schauen, einen Blick in die Wunddokumentaion werfen, ohne erst die Akte suchen oder Aufnahmen anfordern zu müssen. „Das funktioniert auch während einer OP“, sagen die Experten. 

Beispiel: Der Oberarzt operiert und will sich beim Chefarzt hinsichtlich der nächsten Schritte rückversichern. Er stellt ein Foto ins System, der Chefarzt kann die Situation bewerten, ohne erst in den OP-Saal gehen zu müssen, was einen hohen zeitlichen Aufwand erforderlich machte. So einfach ist das. Und für die junge Schwester Lena Böhling „ganz normal“. Man ist sich sicher im Diako: Dieses System macht das Krankenhaus in der Kreisstadt auch für potenziellen Nachwuchs deutlich attraktiver.

Die E-Akte

• Im Diako sind zurzeit 450 „iPads“ im Einsatz, die einen mobilen Zugriff auf die elektronische Patiendokumentation ermöglichen. Daten aus einer Dokumentation lassen sich nicht auf dem mobilen Gerät speichern. Von außerhalb des Krankenhauses ist kein Zugriff auf die E-Akte möglich. Dadurch ist gewährleistet, dass die Daten bleiben, wo sie hingehören.

• Detlef Brünger, Geschäftsführer des Agaplesion Diakonieklinikums Rotenburg, spricht von einer ganzheitlichen Strategie, wenn es um die Digitalisierung geht. Der Prozess, dieses System zu entwickeln, sei noch lange nicht abgeschlossen.

• Das Thema Sicherheit beinhaltet eine Reihe von Aspekten. Wie aber wird gewährleistet, dass die Dokumentation auch fälschungssicher und damit auch rechtssicher ist? Papier in der Patientenakte lasse sich austauschen oder entfernen, ohne Spuren zu hinterlassen. In der digitalen Welt sieht das etwas anders aus, sagt Claus-Peter Thomsen, Bereichsleiter IT im Diako. Ein Eintrag in das Journal eines Patienten könne vom Anwender nicht entfernt oder verändert werden, er könne lediglich einen fälschlichen Journaleintrag auf „ungültig“ setzen und einen neuen Eintrag verfassen. Der alte, als ungültig markierte Eintrag, bleibe erhalten.

Auch der Versuch, eine im Nachgang als falsch sich herausstellende Leistungsanforderung zu löschen – zum Beispiel eine unnötige Röntgenanforderung – könne weder aus dem Klinik-Informationssystem (KIS) noch aus dem radiologischen Subsystem entfernt werden. Gescannte oder mittels KIS erstellte Dokumente werden in einem Dokumenten Management System (DMS) rechtssicher abgelegt, auch hier könne der Anwender keine Löschung oder Veränderung vornehmen. Thomsen: „Die Patientenkurve protokolliert jede auch nachträgliche Änderung erfasster Werte, wie zum Beispiel Puls und Blutdruck.“

• Eine Fall-Zusammenfassung eines jeden Patienten wird alle 15 Minuten auf einem Server gesichert. - men

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Brücke von Genua unterlag besonderen EU-Sicherheitsauflagen

Brücke von Genua unterlag besonderen EU-Sicherheitsauflagen

Gladbecker Geiseldrama: Landeschefs besuchen Grab

Gladbecker Geiseldrama: Landeschefs besuchen Grab

Das können Outdoor-Smartphones

Das können Outdoor-Smartphones

Vom Apple zum Androiden wechseln

Vom Apple zum Androiden wechseln

Meistgelesene Artikel

„Laut & draußen“-Festival auf dem Kalandshof bleibt vom Unwetter verschont

„Laut & draußen“-Festival auf dem Kalandshof bleibt vom Unwetter verschont

Lars Kühnast und Meike Loewel holen sich die Titel

Lars Kühnast und Meike Loewel holen sich die Titel

Gasalarm am Brockeler Bussardweg - Baggerfahrer reißt Leitung auf

Gasalarm am Brockeler Bussardweg - Baggerfahrer reißt Leitung auf

Erfolgsgeschichte: Rotenburg kommt beim Stadtradeln auf Platz eins

Erfolgsgeschichte: Rotenburg kommt beim Stadtradeln auf Platz eins

Kommentare