Vernetzung, Kooperation und Konzepte

Fachtag Demenz im Rathaus: Es geht auch um Zukunftsangst

Ein Demenzpatient im Alter von 85 Jahren wird zu Hause von seiner Ehefrau gepflegt. Sie schneidet ihm die Fingernägel. Für die Angehörigen ist die Pflege sehr belastend. - Foto: imago
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Ein Demenzpatient im Alter von 85 Jahren wird zu Hause von seiner Ehefrau gepflegt. Sie schneidet ihm die Fingernägel. Für die Angehörigen ist die Pflege sehr belastend.

Rotenburg - Von Guido Menker. Vernetzungen analysieren, die Kooperation verbessern und Konzepte für die umfassende Versorgung von Betroffenen sowie ihren Angehörigen entwickeln – das sind die wesentlichen Ziele des Fachtags Demenz, der am Donnerstag im Rotenburger Rathaus stattfindet. Rund 60 Teilnehmer erwartet der Verein Rotenburger Demenz-Netz, der diese Veranstaltung auf die Beine gestellt hat.

Fachleute aus dem regionalen Bereich wollen im Rahmen von dringlichen Fragen mithilfe von Impulsreferaten die Probleme vor Ort durch Demenzerkrankungen mildern beziehungsweise Lösungen finden. Die Multiprofessionalität mit der Einbindung von betroffenen Patienten beziehungsweise deren Angehörigen sollen lokal effektive Verbesserungen der Lebensbedingungen erbringen, heißt es im Vorfeld dieses Fachtages. Auch politische Vertreter, wie Bürgermeister Andreas Weber (SPD), wollen bürgernahe Verbesserungen unterstützen.

Die Frage, was die Demenz eigentlich charakterisiert, wie sie entsteht und was sie für die Patienten bedeutet, lasse sich gar nicht kurz und schlüssig beantworten. Das sagt Professor Dr. Thomas Lichte, Arzt in Lauenbrück und zweiter Vorsitzender im Demenz-Netz. Die Demenz werde zunehmend als bedrohlich erlebt, besonders in betroffenen Familien. Die Diagnostik sei oft schwierig und wenig eindeutig. „Mitursachen sind zu einem Anteil in den Volkskrankheiten Bluthochdruck, Fett-/Zuckerstoffwechselstörungen und Nikotinabhängigkeit zu sehen. Diesen beeinflussbaren Risikofaktoren stehen oft unklare Ursachen gegenüber“, so Lichte. Viele Patienten entwickelten schon bei geringen Anzeichen für eine Gedächtnisstörung Ängste, in eine demenzielle Entwicklung einzutreten. Diese vermeintliche Einbahnstraße ohne heilbare Perspektive verändere jeden Menschen in seinem gesellschaftlichen Status und Ansehen. Der Respekt, die Akzeptanz und menschenwürdige Behandlung eines jeden Betroffenen mit seinen Familien gingen oft verloren. „Auch die Hilflosigkeit mit solchen dementen Menschen umzugehen, fällt vielen Nahestehenden schwer“, so Thomas Lichte.

Medikamente schaffen nur geringe Effekte

Die Angehörigen von Demenzerkrankten seien zu Beginn der Erkrankung oft durch Verdrängen beziehungsweise „nicht wahrhaben wollen“ überrollt. Es gehe dabei auch um Zukunftsangst. Die allgemein als schwierige und wenig sinnvoll therapierbare Krankheit bei einem nächsten Angehörigen miterleben zu müssen, bedeute eine große Lebenskrise: den oft liebsten Menschen immer weiter weg zu erleben bis zum Gefühl „Es ist nicht mehr mein Begleiter“.

Wie aber kann Hilfe im Normalfall aussehen? „Zunächst ist es wichtig, bei der vielfältigen Ausprägung der ganz unterschiedlichen Demenz-Erkrankungen mit unterschiedlichen Anfängen eine flexible Strategie zu entwickeln, die von allen Beteiligten mitgetragen wird“, sagt Lichte. Die grundlegende Diagnostik sei vor allem psychisch schon belastend und bringe nicht so eindeutige Ergebnisse. Besonders nicht medikamentöse psychosoziale Maßnahmen – Tagespflege, Ergotherapie und ähnliches – bedeuteten hohes Engagement der Angehörigen; sie würden auch oft anfangs nicht so gerne von Betroffenen aktiv mitgetragen. Lichte: „Medikamentöse Therapien schaffen alleine meist nur geringe Effekte mit gewisser Verlangsamung des Verlaufs. Die heilenden Wirkungen sind klein, und so wird schnell der Erkrankungsverlauf als deprimierend erlebt.“

Geht es um Hilfe für die Angehörigen, setzt insbesondere die Idee des Demenz-Netzes an, diese auf die Herausforderungen der zukünftigen Begleitungen einzustellen. Alle professionellen und nichtprofessionellen Krankheitsbegleiter seien schnell frustriert und überlastet; die Batterien und die Sinngebung werden zunehmend schneller leer, und der Mensch erschöpfe. Entlastungen in der Betreuung, Gruppenselbsthilfe und höchste Wertschätzungen bringen echte Hilfe, sagen die Experten. Die Trauerarbeit beginne mit den ersten kognitiven Einschränkungen.

Zunächst wollten die Betroffenen und deren Angehörige die Krankheit auch trotz Verschlechterungen zu Hause behandeln. Man könne das häusliche Umfeld auf die Erkrankten auch begrenzt einstellen. Sehr schwer falle es dann den Familien, den Demenzerkrankten bei hohem Versorgungsaufwand abzugeben in ein Heim. „Hier den richtigen Zeitpunkt für eine gewisse Kooperation der Betroffenen zu erreichen, ist ein gewisses Kunststück. Auch nach Nutzung der Tagespflege mit steigender Frequenz steht der Umzug in die stationäre Pflege“, beschreibt Lichte das weitere Vorgehen und die damit verbundenen Probleme. Die pflegenden Angehörigen könnten oft ihre Pflegebedürftigen dann „nicht in ein Heim abschieben“, oft hätten sie leichtfertig dies auch in gesunden Zeiten versprochen. Lichte: „Die Konflikte und sogar Tabus zerreißen frühere heile Welten in verzweifelte und lieblose Szenarien.“

Die Tagespflege- und speziellen stationären Demenz-Pflegeeinheiten böten zunehmend spezifische Versorgungs- und Therapie-Module an. Durch die jetzt auch vom Rotenburger Demenz-Netz initiierte Kooperation der „Leistungsanbieter“ sei eine bessere Verzahnung zu erkennen. Diese Entwicklung führe nach anfänglicher Skepsis der Betroffenen und deren Angehörigen zu mehr Zufriedenheit und Ausgeglichenheit besonders auch bei den Angehörigen, die wichtige Auszeiten unter anderem für das „Aufladen ihrer Batterien“ nutzen können.

Die Kompetenz des Vereins Demenz-Netz sei durch einen breit aufgestellten Beirat erweitert. „Unsere Aktionen richten sich an die Betroffenen und Angehörigen mit einem Tanzcafé, das regelmäßig weiter fortgeführt werden wird und Informationsveranstaltungen zum Beispiel für pflegende Angehörige demnächst am 6. November ab 19 Uhr im Rathaus“, sagt Birgit Lünsmann. Sie ist die Projektkoordinatorin und organisiere vieles um den Verein herum. Die Verzahnung mit dem Agaplesion Diakonieklinikum sei gut gegeben. Die stationäre Versorgung der Betroffenen spiele eine große Rolle. Wichtig seien aber auch die Kooperationen mit den ambulanten Strukturen; diese Bereiche seien im Vorstand und auch im Beirat ebenfalls gut vertreten.

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