Gehirnwäsche mit drei Jahren

Bürgerrechtlerin Freya Klier erzählt Ratsgymnasiasten von ihrer Zeit in der DDR

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Die 67-jährige Freya Klier setzt sich auch heute noch für die Demokratie ein, indem sie vor allem von ihren schlimmen Erlebnissen aus der DDR-Zeit berichtet.

Rotenburg - Von Joris Ujen. Im Alter von drei Jahren steckte das DDR-Regime Freya Klier und ihren Bruder in ein Kinderheim, da sich ihr Vater mit einem Volkspolizisten angelegt hatte und ins Gefängnis musste. Jahre später inhaftierte der Staat ihren Bruder – er wurde mit „Schund- und Schmutzliteratur“ von den Beatles und den Rolling Stones erwischt. Dafür musste er vier Jahre hinter Gittern.

Die heute 67-Jährige wollte zwischenzeitlich aus der DDR fliehen, scheiterte, kam dafür ebenfalls ins Gefängnis für elf Monate, blieb bis kurz vor der Wende im Osten und überlebte nur knapp einen Mordversuch, ausgeführt von der Staatssicherheit (Stasi). Das sind nur einige Lebensabschnitte der Bürgerrechtlerin, die Mittwoch im Ratsgymnasium Rotenburg Elftklässlern über das Leben in einer Diktatur berichtete.

„Heute haben wir mehr als 70 Diktaturen in der Welt“, beginnt Klier ihren Vortrag. „In der Türkei kann man gerade beobachten, wie die Rechte der Bürger immer mehr eingedampft werden. So etwas mussten wir mehr als 40 Jahre in der DDR miterleben.“

1953 waren die Dresdnerin, ihr ein Jahr älterer Bruder und ihre Eltern das erste Mal mit der Befehlsgewalt in Kontakt gekommen: „Mutter und Vater waren Anfang 20 und wollten tanzen gehen“, erinnert sich die Vortragende. Als ihre Eltern einen Platz auf einem Trittbrett einer überfüllten Straßenbahn ergattern konnten, zog ein Mann die Mutter von der Stufe auf die Straße und stellte sich auf ihren Platz. Kliers Vater „drückte dem Mann ein paar“, erzählt sie.

„Das Justizwesen wie ihr es kennt, existierte in der ehemaligen DDR nicht“

Was dann folgte, konnten die damals dreijährige Tochter und ihr vierjähriger Bruder nicht erahnen: Der Mann, der sich das Recht nahm, die Mutter vom Trittbrett zu zerren, war ein Volkspolizist. Wegen der Gewalttat wurde der Vater in einem Schnellprozess zu einem Jahr Haft verurteilt. Zeugen, wie der Fahrer der Straßenbahn, wurden gar nicht erst befragt. „Das Justizwesen wie ihr es kennt, existierte in der ehemaligen DDR nicht“, betont Klier.

Sie und ihr Bruder wurden in ein Kinderheim untergebracht. „Heute wissen wir, dass in dem Heim der Versuch gestartet wurde, zu sehen, wie früh man mit der Gehirnwäsche beginnen kann.“ Da ihre Eltern „Feinde des Friedens“ waren, mussten die Kinder der Heimleitung Vorschläge machen, wie sie die Fehler ihrer Erziehungsberechtigten wieder gut machen können. Eine Stunde am Tag hatten die Kinder Hofgang, die einzige Möglichkeit für Klier, ihren Bruder zu sehen, der getrennt untergebracht wurde. Bei ihr scheiterte das Experiment der Manipulation.

Enttäuscht vom „Sozialstaat“ wird die Flucht geplant

Während ihres Redebeitrags machte Klier den Schülern immer wieder deutlich, was es für ein Glück sei, in einer wahrhaftigen Demokratie zu leben. Enttäuscht vom „Sozialstaat“, plante sie 1968 mit gefälschten Papieren ihre Flucht, wurde dabei jedoch erwischt und musste für elf Monate ins Gefängnis. Danach wagte sie keinen weiteren Fluchtversuch, sondern wollte innerhalb der DDR etwas ändern. Mit ihrem damaligen Mann Stephan Krawczyk war sie seit Anfang der 1980er im Friedenskreis Pankow und in der DDR-Friedensbewegung aktiv. Daraus resultierte 1985 ein Berufsverbot für das Paar.

1988 platzierte die Stasi laut Klier ein Nervengift in ihrem Wagen. Während der Fahrt habe sie durch die Droge die Gewalt über das Auto verloren, ihr Mann auf dem Beifahrersitz griff ans Steuer und konnte Schlimmeres verhindern. Etwas später wurden die beiden verhaftet und aus der DDR in den Westen ausgewiesen. Eine Rückkehr war nicht mehr möglich.

„Ihr habt meine 40 Jahre DDR soeben im Schnelltempo erlebt“

Heute klärt die Autorin, Regisseurin und Bürgerrechtlerin in Vorträgen und Projekttagen über die deutsche Geschichte auf, wie auch nun in der Aula des Ratsgymnasiums. „Ihr habt meine 40 Jahre DDR soeben im Schnelltempo erlebt“, spricht sie zu den Schülern, die alle ihrer Geschichte aufmerksam lauschten. Zum Ende des Vortrages will eine Schülerin mehr über die damaligen Rechte der Frauen im Osten erfahren. „Auf dem Papier waren wir gleichberechtigt“, erwidert Klier. „Aber Frauen mussten Doppelschichten machen. Neben dem Haushalt waren sie auch dazu verpflichtet, zu arbeiten. Und wer nicht gehorchte, wurde bestraft.“

Freya Kliers Vorträge sind sehr gefragt, wenn man auf ihren vollen Terminkalender schaut. Ihr nächster Vortrag ist Donnerstagvormittag im Sottrumer Gymnasium.

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