Mulmshorner sammeln Unterschriften

Gegen Solarpark-Planungen: 323 Mal Nein

Solarpark am Flugplatz
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Den Solarpark am Flugplatz einmal gemeinsam zu besichtigen, schlug Investor Carsten Hacheney dem Ortsrat vor.

Die Investorenanfrage, einen Solarpark in Mulmshorn zu errichten, sorgt für viele Diskussionen im Dorf. Erstmals wurden die Pläne jetzt konkret im Ortsrat vorgestellt - und teils emotional diskutiert.

Mulmshorn – Das gibt es nicht oft: Eine Sitzung wird geöffnet, um jeden, der möchte, zu Wort kommen zu lassen. Anlass war die Debatte um eine potenzielle Fotovoltaikfreiflächenanlage in Mulmshorn, die der Ortsrat am Donnerstagabend auf der Tagesordnung hatte. Es ist ein Thema, das die Bürger bewegt – entsprechend emotional an mancher Stelle geführt. Gleich zu Beginn übergibt Marco Detjen eine Unterschriftenliste an Bürgermeisterin Mattina Berg (SPD) – 323 Mulmshorner haben sich gegen einen Solarpark auf der Fläche ausgesprochen, auf der der Motorsportclub (MSC) Pächter ist.

Ziel ist es nicht, einen Beschluss herbeizuführen, sondern erstmal alle Seiten anzuhören, ein Stimmungsbild zu erhalten. Da ist zum einen Stadtplaner Clemens Bumann, der die Pläne aus Sicht der Stadt erörtert. Zum anderen ist der Investor vor Ort, selbst Mulmshorner: Carsten Hacheney, Geschäftsführer der Firma Energy Engineering Germany (EEG), würde den Solarpark errichten und betreiben.

Ein Punkt, der vielen sauer aufstößt: Es gab im Vorfeld keine Kommunikation, vor allem nicht mit dem MSC. Der würde, sollte der Eigentümer, Landwirt Heiko Cordes, einem neuen Pächter zustimmen, ab Ende 2022 die Rennbahn und damit seine Existenz verlieren. „Wir haben alle Klärungsbedarf“, sagte Berg. Das Thema spalte das Dorf. „Wir sind nicht gegen Fotovoltaik, aber unser Problem ist, dass der MSC dann keine Heimat mehr hat.“

Mulmshorn hat eine Potenzialfläche von 15 Hektar. Das umfasst nicht nur die Sandbahn. „Die macht die Hälfte der beplanten Fläche aus“, so Detjen im Vorfeld der Sitzung. Er ist direkter Anwohner und Mitglied des MSC. „Der Verein hat uns bekannt gemacht“, sagt auch Ortsratsmitglied Jens Bartsch (CDU), der mit Detjen die Unterschriftensammlung gestartet hat. Die Reaktionen in den Gesprächen von Tür zu Tür seien eindeutig gewesen: An der Stelle möchte größtenteils niemand einen Solarpark. Lediglich einer habe sich positiv geäußert. Auch in Unterstedt hatte es im Ortsrat ein deutliches Stimmungsbild gegen eine Errichtung gegeben. Dort wurde ebenfalls eine Potenzialfläche ausgemacht.

Die Sorge der Mulmshorner betrifft nicht nur den MSC, für den ein „woanders aufbauen nicht funktionieren würde“, so Detjen. Sondern auch ein neues Baugebiet, angrenzend an die Potenzialfläche. Schon jetzt haben einige Bauherren gesagt, dass sie in dem Fall dort nicht bauen möchten. Dabei sei das eine der raren Entwicklungsmöglichkeiten.

Es gibt sinnvollere Standorte, meinen auch Bartsch und Detjen: an der Bahn oder Bundesstraße entlang vielleicht. Die Möglichkeiten für Erneuerbare Energien seien aber eingeschränkt. Mulmshorn hat vorrangig Vorbehaltsflächen für Landwirtschaft, Moor- oder Naturschutzflächen: „Dieser Standort oder keiner“, sagte Bumann. Solarparks sollten nur auf versiegelten Flächen gebaut werden, ausgeschlossen sind sie auf beispielsweise landwirtschaftlichen Flächen. Da gebe es nur wenige Stellen in Rotenburg, wo ein Betrieb überhaupt möglich ist. Die hätten sich die Investoren „gut rausgepickt“.

Die gesammelten Unterschriften übergibt Marco Detjen Bürgermeisterin Mattina Berg.

Bumann weiß, weshalb die Stadt plötzlich mit Investorenanfragen überhäuft wird: Vorher standen Windkraftanlagen hoch im Kurs, Fotovoltaik war kein Thema. Jetzt werden die Anlagen stärker gefördert, ihr Betrieb lohnt sich mehr. Grundsätzlich spreche rechtlich in Mulmshorn nichts gegen eine Errichtung. Aber, was Bumann anmerkt: „Lehnt der Ortsrat einen Antrag auf Bauleitplanung ab, ist es Tradition, dass der Planungsausschuss und die Stadt dem Votum folgen. Am Schluss läge es immer noch in der Hand der Ortschaft.“ Die Stadt habe kein Interesse daran, den Rennsportverein zu vertreiben. „Da sehen wir Konfliktpotenzial, da muss ein Ausgleich gefunden werden.“

Den erneuerbaren Energien werde in Rotenburg aktuell durch Windenergie ausreichend Raum gegeben. In dem Zusammenhang stellte Rolf Hill (SPD), der eine längere Liste für Hacheney vorbereitet hatte, die Frage, wie der Betrieb im Winter oder an Tagen mit wenig Sonneneinstrahlung aussehen würde. Denn im Bemühen, alle Vorteile aufzuzeigen, spricht Hacheney davon, dass 16 000 Megawattstunden pro Jahr geerntet werden können. Das würde einer Versorgung von etwa 4 000 Haushalten entsprechen. „Wir sprechen über E-Mobilität, viele laden ihre Autos nachts. Wie läuft das dann?“ Da merkte auch Hacheney an, dass das nur im Verbund gehe. Wind, Sonne, „alleine geht es nicht“.

Er strebt eine Planung über das gesamte Gelände an, merkt aber an, dass niemand hinausgedrängt werde, solange ein Pachtvertrag läuft – außer, man finde zuvor eine Lösung. Er führt auch Cordes selbst an, der aus der Fläche seinen Lebensunterhalt mit bestreite, zeigt die Möglichkeiten auf, die sich dem Landwirt bieten. Die Freiflächenanlage ist eine davon. Dadurch würden Emissionen aus Landwirtschaft und Rennsport wegfallen, Lärm, Abgase und Schmutz gebe es nicht. Ab dem dritten Jahr sei die Anlage CO2-positiv. „Das ist unser Beitrag zur Erreichung der Klimaziele, das ist unsere Aufgabe. So wie bislang geht es nicht weiter.“ Die Blendwirkung, die oft angeführt werde, sei kaum vorhanden.

Die Stadtwerke als Partner

Doch bleibt für Bumann die Frage, was die Stadt von solchen Planungen hat: Es entstehen wenig bis keine Arbeitsplätze, kaum steuerliche Abgaben. Der Vorteil sei aber, dass in Mulmshorn ein regionaler Unternehmer einsteigen möchte, der Sitz der EEG ist in Sottrum. Denkbar sei es, dass die Stadtwerke Rotenburg als Partner ins Boot geholt werden. Dann würde auch die Stadt letztlich ihren Anteil erhalten. Das schließt Hacheney nicht aus, ebenso andere finanzielle Beteiligungen. „Wir treten nicht als die Großen der Branche auf“, merkt er an.

Ohnehin müssten die Stadtwerke beteiligt sein. Ein wesentlicher Faktor ist der Ausbau der Leitungen: „Die sind alle uralt, das ist ein Riesen-Problem bei dem Thema, an der Stelle würde das sogar helfen“, so Frank Westermann (CDU). Er stellt aber auch die Standortfrage, denn eine Anlage würde den Verkauf der Baugebietsflächen „arg einschränken“. Die jetzige Infrastruktur wird nicht reichen, die Kabel müssten so oder so ersetzt werden. Hacheney sieht daher eine Verbesserung durch die Anlage, die Stadtwerke prüften derzeit, wo die Kabel langlaufen. Er spricht von lokal erzeugter, grüner Energie, die von den Stadtwerken aufgenommen und regional vermarktet werde.

Um die Wogen zu glätten, bietet Hacheney eine Besichtigung der Solar-Anlage am Flugplatz an. Denn Hill, auch als Anwohner betroffen, geht am Ende weiter: „Kommt eine Anlage, bin ich kein Mulmshorner mehr.“ Berg wirkt beschwichtigend ein: Der Pachtvertrag läuft bis 2022, „wir müssen nichts übers Knie brechen“. Aber ein Gespräch aller Beteiligten, vor der nächsten Ortsratssitzung, sei sinnvoll.

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