Gegen den Ärztemangel

Der Druck wird immer größer - KVN fördert Hausarztniederlassungen

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Der KVN-Bezirksgeschäftsführer Michael Schmitz (l.) und der Vorsitzende des Bezirksausschusses, Dr. Hans-Walter Fischer (r.), begrüßen den stellvertretenden Landesvorsitzenden Jörg Berling.

Rotenburg - Von Guido Menker. In Niedersachsen gibt es zurzeit 365 offene Hausarztsitze. Diese müssen dringend wieder besetzt werden. Doch genau das ist inzwischen ein echtes Problem – vor allem in den ländlichen Regionen.

„Der Druck wird immer größer“, sagt Dr. Jörg Berling, stellvertretender Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN). Berling hat am Mittwoch die KVN-Bezirksstelle in Verden besucht, die auch für den südlichen Teil des Landkreises Rotenburg zuständig ist. Hier praktizieren 45,5 Hausärzte – vier Stellen sind derzeit offen. Die Sicherstellung der ärztlichen Versorgung in den Landkreisen Verden, Nienburg, Diepholz, Heidekreis und Altkreis Rotenburg steht daher im Fokus der Gespräche mit dem Besuch aus Hannover, so KVN-Bezirksgeschäftsführer Michael Schmitz.

„Wir müssen sehr aktiv sein, weil das Durchschnittsalter der Ärzte sehr hoch ist“, sagt Berling in einem Gespräch mit der Presse. Die Rede ist von 54,1 Jahren. Es sei zu erwarten, dass landesweit in den kommenden zehn Jahren etwa 1000 niedergelassene Mediziner aussteigen, sollten sie mit 65 Jahren in den Ruhestand gehen. „Wir bemühen uns um Nachwuchs“, betont Michael Schmitz. Doch genau das ist alles andere als leicht. Es sei vielmehr eine Kunst, die, die auf absehbare Zeit aufhören, durch jüngere Kollegen zu ersetzen.

Mathematisches Modell fern der Realität

Für den südlichen Teil des Landkreises Rotenburg spricht die KVN zurzeit von einer bei 101,8 Prozent liegenden Hausarztversorgung. Hinter dieser Zahl steckt ein mathematisches Modell, das nichts mit der Realität zu tun hat, so KVN-Sprecher Detlef Haffke. Aus dieser Zahl sei also nicht zu schließen, dass der Südkreis überversorgt sei. Davon könne erst die Rede sein, wenn der Versorgungsgrad bei 110 oder mehr Prozent lande. Dennoch: Im Vergleich zu angrenzenden Regionen steht der Altkreis relativ gut da. Von den vorgesehenen Stellen seien eben nur zehn Prozent nicht besetzt. In Verden liege diese Quote bei 31, im Bereich Soltau bei 24 und in Munster und umzu sogar bei 37 Prozent.

Wer die KVN in Verden besucht, kann auf dem Weg in den zweiten Stock und bei einem Blick aus dem Fenster eines feststellen: Das Leben auf dem Land ist durchaus schön und attraktiv. Das Haus liegt direkt am Allerufer – „da geht man jeden Morgen mit Freude zur Arbeit“, sagt eine KVN-Mitarbeiterin, die die Tür öffnet. Doch ganz so einfach ist es nicht: Viele junge Ärzte wünschen sich eher ein Engagement in einer größeren Stadt. Der KVN-Bezirksausschussvorsitzende Dr. Hans-Walter Fischer spricht von einem Kampf „Stadt gegen Land“. Berling betont allerdings: „Die Bezirksstelle hat in den vergangenen Jahren – insbesondere auf dem Feld der Sicherstellung der ärztlichen Versorgung – wertvolle Netzwerke geknüpft.“ Allein in den vergangenen vier Jahren seien 1,3 Millionen Euro in die Förderung zur Ansiedlung von Hausärzten geflossen. Gefördert würden zum Beispiel Aufwendungen, die mit dem Erwerb und der Ausstattung einer Praxis zusammenhängen, heißt es.

Die Menschen gehen häufiger zum Arzt

Die vielen Maßnahmen allein würden aber nicht ausreichen, um die Bedarfslücken zu schließen. Auch mit den attraktivsten finanziellen Förderungen werde man Ärzte nur in eine Gemeinde locken, wenn die Gemeinde für die nachrückende Ärztegeneration attraktiv ist. Berling: „Allein daher ist es sinnvoll, einen Aktions- und Kooperationsplan für jeden Einzelfall aufzustellen, bevor ein Landarzt seine Praxis schließt.“ Die Zukunft einer gesicherten Patientenversorgung liege dann in einer Kooperation mit der KVN, den umliegenden Gemeinden und dem Landkreis. Alles müsse auf den Prüfstand. Gemeinden könnten zum Beispiel über kommunale Stipendien für Medizinstudenten nachdenken, um den Nachwuchs zu fördern und an die Region zu binden. Der Landkreis Rotenburg hat das vor. „Das befürworten wir“, so Berling.

1000 Ärzte werden in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen, und in Niedersachsen seien 1000 Medizinstudienplätze abgebaut worden, ärgert sich Berling. 200 sollen wieder eingerichtet werden, aber es gelte doch zu bedenken, dass ein Student zwölf Jahre brauche, ehe er in der Versorgung landet. Also: „Man muss langfristig denken.“ Vor diesem Hintergrund gingen Budgetierung und Bedarfsplanungen an der Zeit vorbei. Bleibe die KVN auch in Kooperation mit den Kommunen nicht präventiv am Ball, „rutschen wir in eine ganz schwierige Situation“, warnen Berling und Fischer. Das von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn geplante Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSG) wirke da kontraproduktiv.

„Erhöhung der Sprechstundenzeit ist Augenwischerei“

Der Bevölkerung werde vorgegaukelt, Ärzte müssten nur ein bisschen mehr arbeiten, um grundsätzliche Versorgungsprobleme zu lösen. Die Arbeitszeit betrage aber bereits heute durchschnittlich 54 Wochenstunden. Fischer: „Eine Erhöhung der Sprechstundenzeit von 20 auf 25 Stunden in der Woche ist eine Augenwischerei.“ Sie liege heute durchschnittlich tatsächlich bei 34 Stunden. Damit würden ältere Kollegen vergrault – mit der Folge, dass sie deutlich früher aufhören. Berling: „Unsere Bemühungen um eine ausreichende ärztliche Versorgung wird durch das geplante Gesetz konterkariert. Der Entwurf zeugt von einer Missachtung der ärztlichen Freiberuflichkeit.“ Im Übrigen sei diese Frage in einem Vertrag mit den Spitzenverbänden der Krankenkassen geregelt – Spahn könne da eine Empfehlung geben, aber nichts vorschreiben.

Zugleich sei festzustellen, dass die Work-Life-Balance bei jüngeren Ärzten eine zunehmende Rolle spielt. Berling: „Das muss man berücksichtigen.“ Man habe es also vielleicht mit mehr Ärzten, aber eben auch mit weniger Behandlungskapazitäten zu tun. Und noch etwas sei festzustellen: Seit zehn Jahren steige die Zahl der Arzt-Patient-Kontakte. Inzwischen seien es 16 Kontakte pro Jahr, vor zehn Jahren noch zehn bis elf pro Patient. „Darin sind wir Weltmeister“, wirft Hans-Walter Fischer ein. Er spricht von einer drastischen Zunahme. Es fehle aus Sicht der KVN an einer klar strukturierten Patiensteuerung. „Mit dem Wegfall der vom Patienten zu zahlenden Praxisgebühr gingen die Zahlen nach oben“, wirft Michael Schmitz ein. „Ja“, fügt daher Jörg Berling mit einem Stirnrunzeln hinzu, „eine Wiedereinführung ist ernsthaft zu überlegen.“

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