Kriminalität im Landkreis Rotenburg

Das Gefühl der Unsicherheit

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Insbesondere Polizistinnen sind zunehmend Zielscheibe beleidigender Äußerungen von „Kunden“ der Ordnungshütern.

Die Kriminalitätsstatistik im Kreis Rotenburg ist eigentlich eindeutig: Die Zahl der Straftaten sinkt, die Aufklärungsquote steigt. Und doch macht sich ein Gefühl der Unsicherheit breit. Es gibt bestimmte Gruppen, die Verhaltensregeln missachten und Respekt vermissen lassen. Es geht insbesondere um Mitglieder von Großfamilien. Polizei und Behörden wollen gegensteuern.

Rotenburg – Die Meldungen lassen kopfschüttelnd aufhorchen: „Drei Polizisten bei Streit unter rivalisierenden Gruppen verletzt“, heißt es am 23. Oktober von der Rotenburger Polizei, eine Woche später lautet die Überschrift „Polizistinnen bei Verkehrskontrolle beleidigt“. Wer Details kennt, die genaue Wortwahl und den Verlauf, kommt aus dem Staunen kaum noch heraus: Was muss sich die Staatsgewalt gefallen lassen? „Von diesen Dingen erleben wir viel zu viel in letzter Zeit“, sagt Polizeisprecher Heiner van der Werp. Und sein neuer Chef, Torsten Oestmann, ergänzt als Inspektionsleiter: „Wir stellen fest, dass der Respekt gegenüber Hilfspersonen deutlich abnimmt.“

Landkreis Rotenburg statistisch betrachtet sehr sicher

Um wen geht es konkret, und wie schlagen sich die Verhaltensweisen in der Verbrechensbilanz nieder? Oestmann und van der Werp sind darum bemüht, zu betonen, dass der Landkreis – statistisch gesehen – sehr sicher ist. „Hier lebt man sehr gut“, sagt Oestmann. Von Verhältnissen wie in manchen Großstädten sei man weit entfernt. „Aber es gibt keine Gesellschaft ohne Straftaten.“ Und in dieser heutigen Gesellschaft werde der Ton rauer. 

Das gelte nicht nur für die „üblichen Verdächtigen“, sondern grundsätzlich: „Wir wollen den Schwarzen Peter nicht einer Gruppe zuschieben“, sagt Oestmann. „Das geht vom Fahrer einer Nobelkarosse bis zur Auseinandersetzung mit Jugendlichen.“ Klar sei aber, dass es bei diesem Thema vermehrt um Männer gehe, und dann gebe es „Gruppierungen, die den Rechtsstaat nicht so respektieren“. 

„Es gibt Familienclans, die wir besonders beobachten.“

Früher habe es andere Jugendgruppen gegeben, die auffällig waren. Nun seien andere in den Fokus gerückt. Doch selbst wenn sich diese in der Öffentlichkeit provozierend präsentierten, sei das noch nicht zwingend ein Grund für die Polizei, einzugreifen: „Nur durch deren Anwesenheit entsteht keine unsichere Lage.“ Die Bürger könnten sich aber sicher sein, dass alle Rechtsmittel ausgeschöpft würden. Oestmann: „Es gibt Familienclans, die wir besonders beobachten.“

Die gibt es auch in der Kreisstadt. Das weiß Bürgermeister Andreas Weber (SPD) nicht nur durch seine Kontakte als ehemaliger Leiter des Landeskriminalamts in Bremen. „Es gibt hier wenige große Familien mit einer gewissen Abschottung.“ Die einzelnen Mitglieder müssten präventiv aus genau dieser Anonymität herausgeholt werden. 

Polizei, Jobcenter, Jugendzentrum, Gastronomie - alle müssen zusammenarbeiten

Weber erlebe es selbst, wenn er durch die Fußgängerzone gehe und von diesen Gruppen ein Spalier gebildet werde, er aufreizend freundlich gegrüßt werde. „Da spreche ich auch Einzelne an“, so Weber. Ihm gehe es darum, „so früh wie möglich zu intervenieren, bevor größere Dinge passieren“. Bestimmte grundlegende Verhaltensweisen würden nicht respektiert, was nicht zu tolerieren sei. Da müssten viele verschiedene Seiten in der Kreisstadt zusammenarbeiten – von der Polizei über das Jobcenter bis zum Jugendzentrum und den Gastronomen. 

Weber habe zu diesem Thema bereits mehrere Gespräche geführt, auch mit dem Landkreis, es werde ein Lagebild erstellt. Sind die Haushaltsberatungen im Stadtrat abgeschlossen, soll intensiver daran gearbeitet werden. Weber: „Es geht nicht um Vorverurteilung. Aber wir müssen mit den Menschen gemeinsam Lösungen finden.“

Bewerber mit Migrationshintergrund im Fokus

Die sucht ihrerseits auch die Polizei. Als es zuletzt in Bremervörde zu massiven Beleidigungen gegenüber zwei Beamtinnen gekommen ist, mussten die männliche Unterstützung rufen. Auch werden verstärkt Bewerber mit Migrationshintergrund eingestellt, es gibt spezielle Schulungen zu kulturellen Besonderheiten. An dem, was als rechtens betrachtet wird, dürfe man trotzdem nicht rütteln, auch wenn manch ein Einsatz dabei an Grenzen gerate. Polizeichef Oestmann: „Wir haben Grundsätze in Deutschland, an die wir uns halten.“

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