Tattoo-Entfernung: Oberarzt Nils-Kristian Dohse über das schmerzhafte Verschwinden einer Sommerlaune

Die Gefahr der Narbenbildung

+
Wenn es dann doch irgendwie nicht so ganz gelungen ist, kommt der Laser zum Einsatz: Tattoo-Entfernung im professionellen Studio ist ebenso zum Geschäft geworden wie der Körperschmuck selbst.

Rotenburg - Von Stefanie Heitmann. Drachen, Blumen, chinesische Zeichen: Das Verzieren der eigenen Haut mit Tattoo-Motiven ist längst nicht mehr nur Seefahrern oder Inhaftierten vorbehalten. Nach einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) aus dem Jahr 2014 tragen rund sechs Millionen Deutsche eine Tätowierung. Doch so schnell, wie ein Motiv gestochen ist, ist es nicht immer auch wieder loszuwerden.

Nils-Kristian Dohse

Laut einer Studie vom Markt- und Meinungsforschungsinstitut YouGov bereut jeder Siebte sein Tattoo. Und 1,67 Millionen Menschen wollen sich mindestens ein Tattoo wieder entfernen lassen. Nils-Kristian Dohse, Chirurg und Leitender Oberarzt der Klinik für Plastisch-Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie am Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg, erzählt im Interview, wie Tätowierungen entfernt werden und welche Risiken auftreten können.

Herr Dohse, welche Verfahren zur Entfernung von Tätowierungen gibt es?

Dohse: Zu unterscheiden sind hier Methoden, die die mit der Tätowierung eingebrachten Farbpigmente direkt durch Abtragen von Hautanteilen entfernen, und Methoden, die die Farbpigmente verändern, aufhellen oder dem Abtransport durch körpereigene Zellen zugänglich machen. Zu den erstgenannten gehören das Ausschneiden eines kleinen Tattoos, wonach die entstandene Wunde direkt vernäht oder durch eine Hauttransplantation verschlossen wird. Dafür wird ein Ballon unter der Haut eingesetzt, der die Haut dehnt. In einem weiteren Eingriff wird die Haut mit der Tätowierung entfernt und mit der überschüssigen, vorgedehnten Haut bedeckt. Auch hier entsteht eine Narbe. Ein weiteres, aber nur sehr selten angewendetes Verfahren ist das Abschleifen der oberen Hautpartien mit einer Fräse. Dies geschieht unter einer örtlichen Betäubung. Die meisten Tattoos werden heutzutage durch Laser entfernt. Es gibt abtragende Laser, die sehr kontrolliert die oberflächlichen Hautschichten über und mit dem Tattoo entfernen. Hier entsteht eine Wunde, die der Körper reparieren muss. Die Narbe, die sich bildet, kann je nach Veranlagung und Körperregion auch dicker werden kann. Ferner gibt es Laser, die nur auf bestimmte Farbtöne wirken, ohne die Haut zu verletzen. Die betroffenen Pigmente verändern durch die Lasereinwirkung daraufhin ihre Farbe oder können dann im Verlauf vom Körper abgebaut werden.

Worin unterscheidet sich die Entfernung in einem Tattoo-Studio von einer Behandlung in Ihrer Klinik?

Dohse: Letztendlich darf jeder, der einen entsprechenden Sachkunde-Kurs belegt hat, einen Laser betreiben und nach Zustimmung diesen auch bei Kunden anwenden. Laserzentren verfügen im Gegensatz zu Tattoo-Studios häufig über mehrere Laser und Anwender, die sich für den Umgang mit den Geräten qualifizieren müssen. Ein Erfolg kann so zwar nicht garantiert werden, ist aber sehr viel wahrscheinlicher als nach der Anwendung einer einzelnen „Wundermaschine“, die schnell an ihre Grenzen stößt.

Kann jede Tätowierung restlos entfernt werden?

Dohse: Nein. Eine restlose Entfernung kann niemals garantiert werden.

Gibt es eine Konstellation, in der eine Entfernung der Tätowierung nicht möglich ist?

Dohse: Ja, sehr ausgedehnte Tattoos, die sich aus vielen verschiedenen Farben zusammensetzen oder sehr tief oder ungleichmäßig unprofessionell eingebrachte Tätowierungen können nur erschwert bis schlecht entfernt werden. Hier wäre die chirurgische Entfernung denkbar, jedoch mit einem oft unbefriedigendem ästhetischen Ergebnis.

Mit welchen Risiken oder Komplikationen ist das Entfernen verbunden?

Dohse: Abtragende Laser bergen immer die Gefahr der Narbenbildung, die je nach Körperregion oder Veranlagung auch sehr auffällig sein kann. Zusammengezogene Narben über Gelenken können sehr stören. Das Zerstören der Farbpigmente oder Aufhellen kann zu unschönen Farbänderungen führen, was insbesondere bei Entfernungsversuchen von Permanent-Make-Up und dem Wechsel zu Grüntönen unangenehm ist. Aber auch allergische Reaktionen nach Behandlung von roten Anteilen von Tätowierungen können in entfernten, nicht behandelten roten Tattoos auftreten. Da insbesondere die Farbbestandteile von im Urlaub erworbenen Tattoos häufig unbekannt sind und somit auch die Reaktion des Körpers auf die durch die Laserbehandlung auftretenden Abbauprodukte nicht kalkulierbar sind, sind auch starke allergische Reaktionen oder die Ausbildung von Hautkrebs möglich. Die Haut kann an behandelten Stellen auch ihre Fähigkeit verlieren, zu bräunen.

Wie funktioniert das Entfernen?

Dohse: Die Entfernung oder Aufhellung muss auf die Körperpartie, die Art der Tätowierung, also ob es ein professionelles oder ein sogenanntes „Laien-Tattoo“ ist, den Hauttyp, umgebende Hautorgane wie etwa Haare aber auch Leberflecken angepasst werden. Vor der Behandlung sollte eine Betäubung mittels spezieller Cremes erfolgen, nach der Laseranwendung sollten spezielle Salben aufgetragen werden, um Entzündungen zu vermeiden. Obwohl es möglich ist, mit dem Laser sehr genau zu arbeiten, ist es in manchen Fällen ratsam, etwa Leberflecken durch Abdecken zu schützen.

Wie viele Behandlungen werden gebraucht, um eine Tätowierung vollständig zu entfernen und wie lang ist der Zeitraum? Müssen Nachbehandlungen eingeplant werden?

Dohse: Es sind stets mehrere Behandlungen nötig, wie viele hängt von der Art der aufzuhellenden Tätowierung ab. Einfarbige Tätowierungen sind weniger aufwendig. Man musst mit drei bis fünf Behandlungen rechnen. Bei mehrfarbigen professionellen Tätowierungen sind meistens sechs bis zehn Anwendungen nötig.

Ist die Entfernung aufwendiger, je älter die Tätowierung ist?

Dohse: Nein, die Wirkung des Lasers auf die Farbpigmente und die Abbaumechanismen des Körpers sind im Grunde immer gleich. Die meisten Tätowierungen verblassen im Verlauf der Zeit auch von alleine.

Sind Tätowierungen an allen Körperstellen gleich gut zu entfernen?

Dohse: Prinzipiell ist die Entfernung überall möglich. Erfahrene und zertifizierte Anwender wissen um die Besonderheiten bestimmter Körperstellen. Augenlider sind aufgrund der Nähe zum Augapfel anspruchsvoll. Körperpartien mit dünner Haut insbesondere über Knochen bedürfen einer Behandlung mit geringeren Dosierungen, um Verbrennungen zu vermeiden.

Gibt es ein Mindestalter zur Entfernung?

Dohse: Da es kein offizielles Mindestalter für den Erwerb eines Tattoos gibt, kann der Wunsch nach einer Entfernung auch schon im Teenager-Alter bereits durchgeführt werden. Allerdings sollte die Frage aufkommen, warum Tätowierungen bereits in jungen Jahren vorgenommen werden, um sie kurz darauf wieder zu entfernen. Die Tatsache, dass man eine Tätowierung entfernen kann, sollte nicht zu der Einstellung führen, sich für den Sommer ein schickes Tattoo stechen zu lassen mit dem Wunsch, es sich im Winter wieder restlos entfernen zu lassen. Beides kann mit schmerzhaften und Komplikationen einhergehen. Gerade Minderjährigen sollte vermittelt werden, dass eine Tätowierung eigentlich eine dauerhafte Entscheidung ist.

Welche Kosten fallen bei einer Entfernung an? Werden die Kosten für die Behandlung von den Krankenkassen mitfinanziert?

Dohse: Die Entfernung von auf eigenen Wunsch vorgenommenen Tätowierungen werden nicht von den Krankenkassen mitfinanziert. Anders sieht es bei Tätowierungen aus, die gegen den Willen des Patienten gestochen wurden. Die Kosten belaufen sich auf 500 bis 2.500 Euro, abhängig von der Größe und der Anzahl der Behandlungen.

Haben die Entfernungen in den vergangenen Jahren zugenommen?

Dohse: Tätowierungen nehmen stetig zu. Oft lassen sich viele Menschen völlig unkritisch im Urlaub aus einer Laune heraus tätowieren. Die Art, der Ort und die Menge der Tätowierungen sind auch stark der Mode unterworfen. Derzeit sind großflächige, einfarbige Tätowierungen besonders häufig.

Gibt es die Möglichkeit, sich über eine Entfernung beraten zu lassen?

Dohse: Wenn man sich ein Tattoo entfernen lassen möchte, sollte man sich vorher beraten lassen und nicht nur nach dem günstigsten Preis gehen. Es gibt die Möglichkeit, entsprechend qualifizierte Anwender über die Homepages der Deutschen Gesellschaft für Lasermedizin (DGLM) oder der Deutschen Dermatologischen Lasergesellschaft (DDL) zu finden.

www.dglm.jimdo.com

www.ddl.de

Mehr zum Thema:

Niedersachsen-Hit entsteht in Wetschen

Niedersachsen-Hit entsteht in Wetschen

Saar-Wahl: Etwas höhere Beteiligung

Saar-Wahl: Etwas höhere Beteiligung

Jubiläumsjagd des Verdener Schleppjagd-Reitvereins

Jubiläumsjagd des Verdener Schleppjagd-Reitvereins

Vettels Startsieg als Signal an Hamilton

Vettels Startsieg als Signal an Hamilton

Meistgelesene Artikel

Dachbrand in Waffensen schnell gelöscht

Dachbrand in Waffensen schnell gelöscht

Selbstverteidigung im Viervierteltakt

Selbstverteidigung im Viervierteltakt

Hartmut Leefers: „Das ist ein schwieriger Prozess“

Hartmut Leefers: „Das ist ein schwieriger Prozess“

Kommentare