Gefahr kommt auf zwei Beinen

Veterinäramt, Bauern und Jäger wappnen sich gegen Afrikanische Schweinepest

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Insbesondere jüngere Tiere sind im Visier der Jäger – denn die Wildschweinpopulation nimmt zu. Schon die Frischlinge bekommen wegen des guten Nahrungsangebotes schnell selbst wieder Nachwuchs.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Im Mettbrötchen steckt die Gefahr. Verseuchte Speisereste könnten die Afrikanische Schweinepest bis in die Region tragen. Die Ausbreitung des Virus, mittlerweile über Osteuropa bin nach Polen vorgedrungen, hätte im Landkreis verheerende, vor allem wirtschaftliche Auswirkungen, da sind sich die Experten einig. Die Gefahr einer Einschleppung wächst – und sorgt für steigende Vorsichtsmaßnahmen.

Niedersachsens neue Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) hatte am Mittwoch im Landtag angekündigt, weitere 3,5 Millionen Euro zur Vorbeugung gegen die Ausbreitung investieren zu wollen. Dafür sollen vor allem die Wildschweinbestände verringert werden. Eine Absicht, die vor Ort im Landkreis Rotenburg als einer der zentralen Veredelungsregionen für Schweinefleisch zwar Zustimmung erfährt, aber auch nicht als Lösung betrachtet wird. Vor allem, weil die Ausbreitung des Virus über die Wildschweinpopulation eher gering ist.

Die Afrikanische Schweinepest (ASP) ist eine Virusinfektion, die nur Haus- und Wildschweine befällt. Für Menschen ist sie ungefährlich. Hauptverbreitungsgebiete sind afrikanische Länder südlich der Sahara. Vermutlich wurde die Krankheit 2007 aus Afrika nach Georgien eingeschleppt. Als Ursache vermutet man die illegale Entsorgung von Speiseabfällen, die den ASP-Erreger enthielten. In Deutschland ist die Krankheit noch nicht aufgetreten. Bislang gibt es keine Impfung gegen das Virus, sagt Rotenburgs Amtstierarzt Markus Wendt. Seit 30 Jahren werde dazu geforscht – erfolglos. ASP könne nicht geheilt werden und ende in den allermeisten Fällen tödlich. Das mache sie so gefährlich, selbst wenn die Übertragung längst nicht so einfach ist wie zum Beispiel bei der Geflügelpest.

Bislang kein Impfstoff

„Das Wildschwein ist nicht das größte Problem“, sagt Kuno Kumpins. Sprecher der Jägerschaft Rotenburg. Fernfahrer an der Autobahn 1 oder Saisonarbeiter schon eher. Wichtig sei nämlich vor allem der Umgang mit Lebensmittelabfällen. Auch Jäger, die in osteuropäischen Ländern auf die Jagd gehen, müssten besonders vorsichtig sein und Kleidung, Waffen und Messer desinfizieren. Sogar über Teile vom Schwein – etwa Häute – könne das Virus übertragen werden. „Bekannt ist mittlerweile, dass zum Beispiel in Russland infizierte Schweine geschlachtet und durch Herstellung von Produkten daraus in Umlauf sind. Das Virus kann nicht durch Verarbeitung wie frosten getötet werden. Er ist überaus widerstandsfähig. Das Virus hält sich in unbehandeltem Fleisch und Fleischprodukten, Blut sowie in gepökelten oder geräucherten Waren monatelang“, unterstreicht Bettina Diercks, Sprecherin des Landvolkverbandes Rotenburg-Verden, die Gefahr.

Sollte es zu Ausbrüchen in der heimischen Wildschweinpopulation kommen, so hätte dies „verheerende wirtschaftliche Konsequenzen für den Schweinefleischmarkt“, heißt es von der Bauernschaft. 510 Mastbetriebe gibt es kreisweit, dazu Zucht- und Mischbetriebe. Das macht nach Landkreisangaben 460. 000 Schweine. Sollte hier ein verendetes Wildschwein gefunden werden, das den Erreger in sich trägt, würden zunächst 14 Tage Jagdruhe und Einrichtung eines „gefährdeten Bezirkes“ ab Fund- oder Abschussstelle in einem Radius von zehn bis 20 Kilometern gelten – auch für Nutztiere. Derzeit wird nach Landvolk-Angaben sogar von 30 Kilometern mit Sperrbezirk und Pufferzone ausgegangen. Ab Rotenburg würde dies das Aus für die Jagd bis weit hinter Verden, Selsingen und Schneverdingen und nach Bremen hinein bedeuten. Ein gefährdeter Bezirk wird zwölf Monate nach dem letzten Nachweis von ASP aufrechterhalten. Generell dürfte dann auch kein Hausschwein und kein Fleisch mehr den Bezirk verlassen.

Schwarzwildbestand ausdünnen

Auch wenn das Veterinär-amt von einer „hohen Wildschweindichte“ im Landkreis spricht, werden die Tiere anders als in Nachbarkreisen von der Jägerschaft nicht als größeres Problem wahrgenommen; nicht in Bezug auf die ASP und nicht in Bezug auf Schäden in der Landwirtschaft oder Gärten. Wie groß die Population der vornehmlich nachtaktiven Tiere tatsächlich ist, lasse sich nicht sagen, so Kumpins. Es gibt keine Zählungen. Jäger erlegen derzeit rund 2 500 Tiere jährlich, im Heidekreis sind es doppelt so viele. „Wir versuchen, den Schwarzwildbestand auszudünnen“, sagt Kumpins. Das gelte aber unabhängig von der Schweinepest, auf die jedes erlegte Tier schon seit über einem Jahr getestet werde. Einer zusätzlichen Jagd mit Lebendfallen, wie sie von der Landwirtschaftsministerin ins Spiel gebracht wurde, steht die Jägerschaft eher reserviert gegenüber. Einzelne Rotten würden dann in Käfige gelockt und dort erlegt. Das bedeute einen immensen Stress und sei „aus waidmännischer Sicht“ abzulehnen. Kumpins: „Das ginge nur als absolute Notfallmaßnahme.“ Und soweit sei man, bei aller Vorsicht, zum Glück noch nicht.

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