Lieferengpässe bei Medikamenten

Gefährliches Preisdumping bei Medikamenten

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Aktuell können die Apotheker Patienten Medikamente anderer Hersteller mit dem gleichen Wirkstoff aushändigen. Aber der Engpass macht sich bemerkbar.

Rotenburg - Schmerzmittel, Psychopharmaka, Blutdrucksenker: Die Bandbreite an Medikamenten, bei denen aktuell in Deutschland Lieferengpässe bestehen, ist groß. Auch in der Kreisstadt macht sich der Mangel gewisser Arzneien bemerkbar: Apotheker müssen bei Rezepten mitunter auf Präparate anderer Hersteller ausweichen, auch wenn diese über dieselben Wirkstoffe verfügen. „Einzelne Wirkstoffe sorgen aktuell für eine tägliche Jonglage“, erzählt Apothekerin Katja Becker auf Nachfrage der Kreiszeitung.

Für sie und ihre Kollegen bedeutet die Situation einen großen logistischen Aufwand und mehr Lagerhaltung. Von den etwa 3 500 Medikamenten, die die Apotheke Große beispielsweise auf Lager hat, sind aktuell um die 175 Präparate nicht lieferbar. „Von einem Notstand sind wir noch weit entfernt, aber für den einzelnen Patienten hat es Einfluss auf seinen Alltag“, sagt Becker. Bislang können zwar noch alle Patienten mit Rezept versorgt werden, doch müssen diese damit rechnen, einen anderen Hersteller als gewohnt zu bekommen. „Das kann manche Patienten verunsichern, aber etwa 99 Prozent haben bisher auch kein Problem damit“, sagt die Filialleiterin.

Dabei werde die Leistung in dem „täglichen Kampf“ der Apotheken durch Politik und Krankenkassen nur wenig gewürdigt, und es falle wirtschaftlich zunehmend ins Gewicht durch den Zeitaufwand, individuelle Lösungen zu finden. „Zwei bis drei Arbeitsstunden pro Tag kommen schnell zusammen bei Recherche und Telefonaten mit Ärzten und Herstellern“, erklärt sie. Apotheker müssten derzeit oft flexibel nach Alternativen gucken – auch wenn es selbstverständlicher Service sei. Das unterstreiche jedoch auch die Wichtigkeit im lokalen Gesundheitssektor, bedenke man die Konkurrenz durch beispielsweise ausländische Versandapotheken.

Auch das Diakonieklinikum ist von Arzneimittelengpässen betroffen, erklärt Christian Hader, Leiter der Apotheke am Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg. Das wirke sich bislang aber nicht auf die Versorgung von Patienten aus. Therapien hätten deshalb nicht abgesagt werden müssen. Der Aufwand vergrößere sich aber auch für die Krankenhausapotheke spürbar. „Wir sind zum Teil gezwungen, Arzneimittel immer wieder von unterschiedlichen Herstellern zu beziehen oder in Bezug auf die Darreichungsform Anpassungen vorzunehmen“, erklärt Harder. Die Krankenhausapotheke habe die Lagerkapazitäten gesteigert, um bei kritischen Medikamenten möglichen Engpässen vorzubeugen. „Falls der Wechsel zu einem anderen Hersteller oder einer anderen Darreichungsform nicht möglich ist, berät die Apotheke die Ärzte bezüglich lieferfähiger Alternativen“, erläutert Harder. So werde die Qualität der Therapie sichergestellt.

Das Problem an der teils mangelnden Versorgung liegt unter anderem in der Wirkstoffherstellung begründet. Dieser erste Schritt zur Medikamentenherstellung ist zum größten Teil ins asiatische Ausland ausgelagert worden, in Europa finden sich nur noch wenige Chemiebetriebe. Wenn es in den ausländischen Produktionsstätten zu Problemen kommt, hakt es in der gesamten Lieferkette. So können Engpässe entstehen, wenn die Unternehmen nicht über westliche Produktions- und Sicherheitsstandards verfügen und für Produktionsprobleme anfällig sind, schreibt die Apothekerkammer Niedersachsen auf Nachfrage. Denn entspreche eine Charge nicht den hohen Qualitätsstandards für den europäischen Markt, werde sie für den Import gesperrt. Und ausgelagert seien sie bedingt durch den „harten Preiswettbewerb durch die Einführung der Rabattverträge“.

Aber: Der Staat trifft für solche Fälle auch eine gewisse Vorsorge, fügt Katja Becker hinzu. Dennoch merkt sie an: „Das System hat eine Baustelle, die es zu beackern gilt.“ Auch die Apothekerkammer weist darauf hin, dass es Aufgabe von Politik und Wirtschaft sei, auf europäischer Ebene eine stabile Versorgung mit Medikamenten sicherzustellen. Dazu gehöre auch, die Wirkstoffproduktion wieder verstärkt nach Europa zu holen. „Ebenso sollten mehr Sicherheitspuffer in Planung, Herstellung, Lagerung und Transport eingeplant werden. Das aktuelle Preisdumping führt zu einer gefährlichen Konzentration auf wenige, große Anbieter, deren Konsequenzen am Ende der Patient tragen muss.“

Die Apothekerin empfiehlt Patienten, sich rechtzeitig um Nachschub zu kümmern. Manchmal könne es notwendig sein, auf Medikamente mit anderen Wirkstoffen auszuweichen, schreibt die Apothekerkammer – in Absprache mit den Ärzten. In einigen Ausnahmen lassen sich Arzneien nicht ersetzen, dort müsse der Patient „zwingend zum Arzt und sich eine neue Verordnung holen“, so die Apothekerkammer weiter.

Liste mit Lieferengpässen

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) stellt auf seiner Internetseite eine Liste mit Lieferengpässen von Humanarzneimitteln (ohne Impfstoffe) bereit. Das Paul-Ehrlich-Institut führt eine aktuelle Liste der gemeldeten Lieferengpässe für Impfstoffe.

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