INTERVIEW AM WOCHENENDE Birgit Flemming und Katrin Bleichwehl über das Rauchen

Gefährliche Coolness

Zwei Hände zerbrechen eine Zigarette über einen Aschenbecher.
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Schluss mit der Zigarette – oft erst nach vielen Jahren, denn zahlreiche Raucher fangen schon im Jugendalter damit an.

Rotenburg - Birgit Flemming und Katrin Bleichwehl im Interview über das Rauchen und den Weg aus der Sucht.

„Jetzt eine rauchen!“ Für 23,8 Prozent aller Bundesbürger ist dieser Satz der Auftakt dazu, die Zigaretten auszupacken und sich eine anzustecken. Aber: Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums sterben wiederum jährlich mehr als 127 000 Menschen an den Folgen von Tabakkonsum. Zum Weltnichtrauchertag am 31. Mai sprechen Birgit Flemming und Katrin Bleichwehl von der Fachstelle Sucht und Suchtprävention im Landkreis Rotenburg im Interview über die gesellschaftliche Akzeptanz für das Rauchen und den Weg aus der Sucht.

Wie wichtig ist ein Weltnichtrauchertag?

Birgit Flemming: Grundsätzlich machen Aktionstage sehr viel Sinn, weil sie das Bewusstsein schärfen. Weil sie – wie im Fall des Weltnichtrauchertages – noch einmal deutlich auf die Gefahren aufmerksam machen, die mit dem Suchtmittelkonsum zusammenhängen. Gerade Zigaretten und Alkohol sind Dinge, die wir als eine selbstverständliche Normalität hinnehmen und die wir mit Genuss, mit Freiheit und Freizeit verbinden. Von daher sind diese Aktionstage wichtig, um für die Risiken zu sensibilisieren.

Wie lange haben Sie geraucht?

Flemming: Gut zehn Jahre lang sehr intensiv, phasenweise eine Schachtel am Tag.

Katrin Bleichwehl: Bis zur Schwangerschaft war es sehr viel, dann kam ein radikaler Schnitt, bis ich wieder sukzessive angefangen habe.

Wie schwer fiel es Ihnen, aufzuhören?

Flemming: Sehr schwer. Ich habe es immer wieder versucht und es am Ende meist nicht geschafft. Bis ich Querflötenunterricht nehmen wollte und mich entschied, dafür mein Tabak-Geld auszugeben. Das war für mich die Motivation, ein positiver Anreiz und ein Ziel.

Bleichwehl: Ich habe irgendwann meinen Konsum reduziert – am Ende auf vier Zigaretten am Tag. Feierabend war für mich, wenn ich meine vier Zigaretten rauchen durfte. Als aber vor ein paar Monaten ein Klient sagte, dass er aufhören wolle und schon seit einer Woche rauchfrei sei, dachte ich: Das kann ich auch. Und das hat dann geklappt.

Flemming: Natürlich gibt es noch einige, die mit Hilfe von Nikotinpflastern den Übergang in die Rauchfreiheit finden oder auf E-Zigaretten umsteigen.

Kommen Sie noch in Versuchung?

Flemming: Manchmal sind es besondere Anlässe, eine Party, eine Feier, bei denen ich wieder Lust hatte, nochmal eine zu rauchen. Da wird mein Suchtgedächtnis durchaus aktiviert. Für gefährdet, wieder unkontrolliert zu rauchen, halte ich mich nicht mehr – die Vorteile des Nichtrauchens haben sich fest verankert und ich will mir, meiner Gesundheit und meinem Umfeld lieber mehr Gutes entgegenbringen.

Aus welchen Gründen fangen Menschen zu rauchen an?

Flemming: Da gibt es so viele Gründe, wie es Menschen gibt. In den Gesprächen mit unseren Klienten bei der Suchtanamnese erfahren wir allerdings, dass viele schon mit zehn, elf, zwölf Jahren anfangen. Manchmal kommen dann auch noch erste Erfahrungen mit Alkohol dazu, das ist dann dieses Ausprobieren. Aber natürlich gibt es bei den Einstiegsgründen und einer Suchtentwicklung sehr viel komplexere Zusammenhänge in der persönlichen Lebensgeschichte.

Lässt sich überspitzt sagen, dass das Rauchen eine Art Einstiegsdroge ist?

Flemming: Es gibt sicherlich eine Verbindung, aber da traue ich mir keine pauschale Beurteilung zu. Ich würde allerdings schon sagen, dass viele, die Cannabis oder andere Drogen dieser Art konsumieren, mit Zigaretten angefangen haben.

In Filmen und Büchern sind Konsumenten von „harten Drogen“ die Abgewrackten, Tragischen und Düsteren. Charaktere, die rauchen, gehören wiederum öfter zu den Coolen und den Helden. Ist das ein Problem – vor allem mit Blick auf Jugendliche?

Flemming: Absolut! Gerade Zigaretten sind immer noch ein Symbol für Coolness, sie stehen für ein Freiheitsgefühl – wie die Marlboro-Männer. Oder wie früher das HB-Männchen, das zeigen wollte, wie das Rauchen bei Stress beruhigt.

Sorgt die gesellschaftliche Akzeptanz des Rauchens dafür, dass die Gefahr unterschätzt wird und dass Aufhören schwerer ist?

Flemming: Vieles hängt von der Normalität ab, in der man aufwächst. Erscheint es dort als abschreckendes Modell, oder nicht? Ein Fortschritt ist allerdings, dass das Rauchen mittlerweile im Fernsehen nicht mehr beworben wird. Die Gefahren sind deutlich stärker im Bewusstsein, das zeigt sich auch an der Etikettierung auf den Zigarettenschachteln.

Helfen Ihrer Ansicht nach diese Schockbildchen auf den Packungen?

Flemming: Ja. Auch durch diese Kampagne ist die Bandbreite der gesundheitlichen Gefährdungen viel bewusster in den Köpfen. Das führt wiederum zu einer kritischeren Haltung gegenüber dem Rauchen: Mittlerweile fangen immer mehr Jugendliche gar nicht erst damit an. Die Schockbilder schrecken offenbar mehr ab, als wenn auf den Schachteln positive Bilder oder coole Logos aufgedruckt sind. Von daher ist es schon eine sehr sinnvolle Strategie. Aber grundsätzlich hat die Suchtentwicklung ganz andere Hintergründe: Viele Abhängige wissen, dass das, was sie sich da antun und zu sich nehmen, nicht gut für sie ist. Aber Abhängigkeit ist ja etwas, in das man wider besseren Wissens gerät. Kontrolliert zu rauchen, funktioniert bei einem Nikotinsüchtigen nicht.

Ist der Rückgang der Raucher einem Umdenken zu verdanken oder den individuellen Erfahrungen der Betroffenen?

Flemming: Es ist ein generelles Umdenken, das ist aber auch eine Folge der gesetzlichen Regelungen: Es gibt immer mehr Rauchverbote in Gaststätten und Restaurants, dazu gibt es vielerorts abgegrenzte Raucherzonen. Auch die Gesundheitsförderung hat eine stärkere Gewichtung bekommen, dazu haben die Aufklärungskampagnen eine ganze Menge beigetragen. Zum Beispiel, dass im Auto in Anwesenheit von Kindern nicht mehr geraucht wird. Das ist zwar nicht strafbar, aber immerhin gibt es eine entsprechende Diskussion über die Schädlichkeit des Passivrauchens. Ich erlebe das auch in meinem Umfeld: Wie viele Raucher sind in den vergangenen Jahren überzeugte Nichtraucher geworden! Da hat sich ein anderes Gesundheitsbewusstsein entwickelt.

Bleichwehl: Es gibt Staaten, die bekommen das richtig gut hin – Island zum Beispiel. Die haben ein riesiges Anti-Rauchen- und Anti-Alkoholprogramm gestartet, mit dem sie unter anderem schon in die Grundschulen gehen und dort Alternativen wie Sport aufzeigen. Und vor allem dort sind die Zahlen stark gesunken.

Unternimmt unser Staat hier zu wenig?

Flemming: Er verdient am Tabakkonsum. Doch er sollte mehr tun, um die gesundheitlichen Folgeschäden, die durch Tabak, Alkohol und illegale Drogen verursacht werden, abzuwenden. Wir merken das auch bei unseren Möglichkeiten von Aufklärung und Vorbeugung, die begrenzt sind: Es gibt für den gesamten Landkreis nur eine halbe Stelle für den Bereich Suchtprävention. Damit können wir nur wenige Schulen oder Jugenhilfeeinrichtungen erreichen. Dabei ist gerade Prävention ein wichtiger Ansatz, mit dem viel erreicht werden kann. Es sollte mehr vermittelt werden, wie man Nein sagt, wie man durch eigene Stärken cool sein kann und sich nicht mit ungesunden Ersatzstoffen wie Zucker oder Chips beruhigt oder belohnt. Das muss Kindern so früh wie möglich vermittelt werden, denn die eigenen Stärken und Fähigkeiten zu entdecken, ist wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung.

Bleichwehl: Gleichzeitig ist deutlich, dass bei den Gesundheitskosten die Schäden durch Alkohol und Zigaretten im Gegensatz zu den Folgen anderer, illegaler Suchtmittel ganz weit oben sind.

Kommen Menschen speziell wegen des Rauchens zur Suchtberatung?

Flemming: Die meisten kommen wegen einer anderen Suchtproblematik, äußern aber schnell den Wunsch: „Als nächstes höre ich auf zu rauchen.“ Alle anderen gehen eher zu den über die Krankenkassen geförderten Nichtraucherprogrammen.

Bleichwehl: Wir machen am Anfang bei jedem Patienten eine Bestandsaufnahme. Sie berichten dann von Alkohol, von Tabletten, von allen möglichen Substanzen. Und wenn ich zum Schluss frage „Was ist mit Nikotin?“, dann merke ich: Bei vielen ist es im Bewusstsein, dass das auch zu mit den Drogen gehört.

Also ist der Abschied vom Rauchen hier bei Ihnen eher nur Beiwerk?

Flemming: Ja und nein. Nikotin geht von allen Suchtstoffen am wenigsten mit einem Makel einher. Es wird eher als akzeptierte Schwäche gesehen. Im Mittelpunkt unserer Beratung steht schlicht und einfach die Abhängigkeit von Substanzen oder Kontrollstörungen wie Spiel- oder auch Kaufsucht. Wir schauen uns die Konsumstörung der Ratsuchenden umfassend an: Wegen welchem Verhaltensmuster, welcher Kontrollstörung, welchem Leidensdruck wird welche Hilfe für wen gesucht? Welche Änderungsmotivation ist vorhanden? Denn dass das Rauchen schädlich ist, wissen wir alle, doch nicht zu jedem Zeitpunkt ist die Kraft vorhanden, das Vernünftige zu beachten und danach zu handeln.

Muss man sich da im Kopf austricksen und sich immer wieder ermahnen, die Finger von den Zigaretten zu lassen?

Flemming: Der erste Schritt ist, zu kapitulieren. Man muss den Kontrollverlust anerkennen. Akzeptieren, dass man süchtig ist. Und feststellen: Ich will Hilfe. Das ist wichtig: eine Entscheidung zu treffen und die Motivation zu einer Verhaltensänderung aufrechtzuerhalten.

Was hilft beim Aufhören?

Bleichwehl: Da das ein ganz individueller Prozess ist, muss das jeder für sich selbst herausfinden. Mir hat zum Beispiel ein kleiner 100-Tage-Kalender von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung geholfen: sehr humorvoll und in kleinen Schritten, woran man sich entlanghangeln kann. Wir raten dazu, sich stressfreie Phasen einzurichten, sich möglichst viel Freizeit zu gönnen, sich selbst mal richtig gut zu bekochen, dazu Ablenkung durch Freunde, ein guter Kinofilm – all diese Belohnungen sind wichtig.

Viele fürchten eine Gewichtszunahme nach dem Aufhören. Was raten Sie denen?

Bleichwehl: Ich führe zum Beispiel ein Bewegungstagebuch, an dem ich genau sehe: Wann habe ich mich zu wenig bewegt, wo muss ich nachlegen? Wann habe ich Alkohol getrunken? Wann war ich gefährdet? Dass ich das festhalte, hilft mir, mich selbst zu überprüfen.

Was sagen Sie denen, die aufhören wollen?

Flemming: Der Entschluss, mit dem Rauchen aufzuhören, verdient viel Anerkennung und Wertschätzung. So eine Entscheidung ist immer eine ganz mutige, sie fordert viel Kraft, Stärke und Energie. Es geht um neue Gewohnheiten: Was mache ich jetzt in Situationen, in denen ich sonst eine Zigarette geraucht habe? Und es gehört dazu, bei Rückfällen zuversichtlich zu bleiben und das eigene Ziel im Blick zu behalten.

Bleichwehl: Ich bin immer zwiegespalten, wenn ein schwer drogenabhängiger Mensch auf einen Schlag mit allem aufhören will. Ich rate dann immer: eins nach dem anderen. Sonst ist der Frust, wenn er es nicht schafft, sehr groß. Wir wollen Schritt für Schritt neue Verhaltensweisen. Es geht nicht, einen radikalen Schnitt zu machen – und dann steht da ein cleaner Mensch vor uns.

Flemming: Veränderung ist ein Prozess, und der braucht Zeit und Geduld. Und da ist es egal, ob jemand mit mehreren Süchten zu uns kommt oder eben mit dem Rauchen. Wichtig ist uns, einen Weg der Hilfe oder der Selbsthilfe zu unterstützen und auf den individuellen Hilfebedarf passend zu reagieren. Schaffen kann es der Mensch nur aus sich selbst heraus – und dazu wollen wir bedingungslos ermutigen.

Birgit Flemming (l.) und Katrin Bleichwehl zeigen Wege aus der Sucht auf.

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