Rezension ohne Konzert zum Ehrentag Bachs in der Stadtkirche

Geburtstag ohne Gäste

Still ruht die Klais-Orgel in der Rotenburger Stadtkirche auch an Bachs Geburtstag. Foto: Pröhl

Rotenburg - Von Henrik Pröhl. Dieser Samstag, 21. März, begeht nicht nur seinen Frühlingsanfang, sondern auch seit 345 Jahren den Geburtstag Johann Sebastian Bachs. Beide Ereignisse verblassen allerdings in Zeiten des Coronavirus.

In Rotenburgs Stadtkirche ist dieses Datum ein Tag, der seit 20 Jahren musikalisch begangen wird. Es war einst Karl-Heinz Voßmeier, inzwischen pensionierter Kreiskantor, der diese Konzertreihe für seinen hoch geschätzten Lieblingskomponisten im Jahr 2000 ins Leben rief. Seither fiel keine der Veranstaltungen aus, lauschten Jahr für Jahr Musikfreunde der unsterblichen Musik des berühmten Thomas-Kantors. Diesmal aber hat man die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der begab sich eines Tages aus China kommend auf den weiten Weg um die Welt, um für Furcht, Schrecken und existenzielle Bedrohung zu sorgen.

An diesem Samstag bleiben also die Bankreihen der Stadtkirche leer. Kalte Stille dominiert den großen Sakralraum, Gott scheint mit sich allein, Bach scharrt mit den Füßen. Zu Beginn hätte Girolamo Frescobaldis „Partita sopra l’Aria di Follia“ an der Orgel erklungen, ein schmerzlich symbolhafter Gruß ins Nachbarland, das derzeit besonders fürchterlich unter Covid-19 zu leiden hat. Ob Bach wohl Verständnis für das abgesagte Konzert aufbringt? Immerhin ist bekannt, dass die Epoche des Barock kein Spaziergang auf dem Ponyhof war. Das 18. Jahrhundert stellt sich ausgesprochen ungemütlich dar, beschert den Menschen große gesundheitliche Risiken.

An dieser Stelle hätte Dorothea Voßmeier die Arie „Qui tollis peccata mundi“ aus Bachs Messe in F gesungen, in der es textlich bedrückend aktuell ans Eingemachte geht: „Der du trägst die Sünde der Welt, erbarm dich unser, nimm an unser Gebet.“ Zu Bachs Zeiten hatte ein Mensch mit angenommenem Durchschnittsalter von 60 Jahren statistisch gesehen zehn Mal die Chance einer Ansteckung durch die Blattern. Auch als Pocken bezeichnet, bedrohten sie die Menschheit als gefährliche Infektionskrankheit, die von Pockenviren verursacht wird. Durch ihre hohe Infektiosität gehörte die Erkrankung zu den gefährlichsten des Menschen. Ob Bach erleben musste, wie seine Konzerte abgesagt wurden? Die Quellen schweigen dazu.

Sicherlich war man damals nicht so umsichtig, heute nützen größte Sicherheitsvorkehrungen nichts, wenn ahnungslose Idioten Corona-Partys feiern müssen. Karl-Heinz Voßmeier spielte derweil „Sechs Choräle von verschiedener Art“, die geradezu auffordernden Charakter signalisieren: „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ oder „Wo soll ich fliehen hin?“ Am besten nach Hause, mag mancher im Publikum denken, um sich dann zu fragen, ob dort eigentlich genug Klopapier lagert. Auch der folgende Orgelchoral „Erbarm dich mein, o Herre Gott“ passt ins Geschehen. Menschen des Barockzeitalters waren auch der Kriebelkrankheit ausgeliefert, die mit Jucken und Kribbeln der Haut an Händen und Füßen verbunden war und den Betroffenen zum Wahnsinn getrieben haben dürfte. Statistisch gesehen ereilte vier Mal die Ruhrkrankheit einen 60-jährigen Menschen jener Zeit. Übersetzt machte Ruhr als „Bauchfluss“ oder „schnelles Fließen“ unangenehm auf sich aufmerksam und wird im engeren Sinn als entzündliche Erkrankung des Dickdarms bei bakterieller Infektion bezeichnet. Dass Bach so vieles Flehentliche musikalisch umgesetzt hat, mag vor diesem Hintergrund einleuchten: „Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ“ ist da ein Titel seiner Choräle und der sehnlichst geäußerte Wunsch „Kommst du nun, Jesu, vom Himmel herunter“. Das Gedanken-Karussell manches Zuhörers kreist: Ob wieder Desinfektionsmittel in der Drogerie erhältlich ist?

Ganz abgesehen von anderen Krankheiten wie Faulfieber oder Bräune lebten die Zeitgenossen Bachs ausgesprochen unkomfortabel. Um so erstaunlicher, dass es nicht nur 80-Jährige gab, die allen Gefahren einer Erkrankung zum Trotz überlebten. Es blieb und bleibt den Menschen Hoffnung auf bessere Zeiten, und so hätte Dorothea Voßmeier die Arie aus Bachs Kantate BWV 58 gesungen, deren Text Aufruf und Hoffnung signalisiert: „Ich bin vergnügt in meinem Leiden, denn Gott ist meine Zuversicht. Ich habe sichern Brief und Siegel und dieses ist der feste Riegel, den bricht die Hölle selber nicht.“

Nach einer Stunde Geburtstagskonzert für Johann Sebastian Bach hätte das Publikum ganz erfüllt die Stadtkirche an diesem 21. März verlassen, um im nächsten Supermarkt die Vorräte an Klopapier und Desinfektion aufzubessern, man weiß ja nie.

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