Der gebürtige Libanese Khaled Atriss im Interview

„Da mache ich gerne mit“

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Ein gefragter Mann: Khaled Atriss (40) spricht neben Deutsch und Arabisch auch Türkisch und Kurdisch.

Rotenburg - Von Guido Menker. Khaled Atriss ist viel unterwegs – meistens mit einem Lieferwagen im Auftrag der Rotenburger Tafel. Auch an diesem Tag, an dem er sich mit der Kreiszeitung für ein Interview verabredet hat. Aber pünktlich wie die Maurer parkt er den Wagen neben dem kleinen, recht flachen Gebäude am Kirchhof, springt heraus und schließt die Tür auf.

Es ist keiner der beiden wöchentlichen Ausgabetage – da nutzt der 40-jährige Libanese die Zeit für andere Dinge. Es gibt jede Menge zu tun und zu organisieren, damit die vielen Kunden immer wieder aufs Neue gut versorgt sind.

Herr Atriss, was genau ist eigentlich Ihre Aufgabe bei der Rotenburger Tafel?

Khaled Atriss: Ich bin hier als Koordinator tätig und leite die Tafel. Ich entscheide beispielsweise, ob ich die Ware haben möchte, wenn uns etwas angeboten wird. Wir haben insgesamt 40 ehrenamtliche Mitarbeiter, die allein in der Rotenburger Ausgabestelle helfen – auch für sie bin ich verantwortlich. Ich bin also zuständig für die gesamte Rotenburger Tafel hier.

Eigentlich müssten Sie ein reicher Mann sein. Sie sprechen mehrere Sprachen, und das ist in Zeiten wie diesen, mit den vielen Flüchtlingen, doch optimal, um ganz viel Geld zu verdienen...

Atriss: Ja, ich bin reich an Erfahrung (lacht). Aber richtig, ich spreche neben Deutsch und Arabisch auch Türkisch und Kurdisch.

Spaß beiseite: Wie wichtig ist das für Ihre Arbeit bei der Tafel?

Atriss: Das ist schon sehr wichtig, weil wir hier im Moment in der Tat sehr viele Flüchtlinge haben, die hauptsächlich aus Syrien kommen. Sie sprechen auch Arabisch. Und wenn sie nun hier zur Tafel kommen und hören, dass einer von uns Arabisch spricht und aus dem Libanon kommt, dann freuen sie sich. Das sorgt bei ihnen für eine Erleichterung. Sie wissen, dass sie sich an mich wenden können, wenn sie eine Frage haben oder zum Beispiel wissen möchten, wie das so mit der Familienzusammenführung läuft.

Die Flüchtlinge als Kunden der Tafel sind also eher verunsichert, vielleicht ängstlich. Wie erleben Sie diese Menschen?

Atriss: Diese Menschen sind frustriert. Wenn sie hier ankommen, wollen sie nur eine Unterkunft finden und am liebsten ihre Familien nachholen. Das sind ihre größten Sorgen. Sie fangen sofort damit an.

Können Sie ihnen denn helfen?

Atriss: Ich versuche erst einmal zuzuhören. Wenn ich helfen kann, sage ich ihnen, welche Möglichkeiten es gibt. Ich rate ihnen auch, einen Rechtsanwalt oder Eckhard Lang vom Diakonischen Werk zu kontaktieren. Ich kann vielleicht nicht immer selbst helfen, aber ich kann Empfehlungen geben.

Ihre sprachlichen Fähigkeiten sind dann also ein sehr gutes Mittel, eine erste Brücke zu schlagen.

Atriss: Ja, natürlich. Wenn sie das erste Mal zu uns kommen und einen Tafelausweis haben möchten, sprechen sie mich zuerst auf Englisch an. Ich sage dann, „du kannst mit mir ruhig auf Arabisch sprechen“. Und dann merkt man am Gesicht, wie sehr sie sich darüber freuen.

Können Sie sich noch daran erinnern, wie es für Sie damals war, als Sie nach Deutschland gekommen sind?

Atriss: Wir hatten sogar noch größere Probleme, weil wir niemanden zum Übersetzen hatten. Damals gab es hier nicht so viele Arabisch sprechende Ausländer. Dadurch hatten wir damals schon sehr große Schwierigkeiten.

Hilft Ihnen die Erinnerung an die eigene Flucht vor dem Krieg und an das Ankommen in Deutschland heute bei der Arbeit mit den Flüchtlingen?

Atriss: Ja, das hilft mir sehr. Wir waren ja selbst in einer ähnlichen Lage, als wir geflüchtet sind. Aber wir hatten damals niemanden, der uns so richtig helfen kann. Heute sind die Leute da, es gibt also Menschen, die sie unterstützen können. Daher mache ich gerne mit.

Seit sechs Jahren arbeiten Sie hauptamtlich für die Tafel, aber vorher waren Sie bereits zwei Jahre ehrenamtlich dabei. Was hat Sie dazu bewogen?

Atriss: Die Menschen haben mich angezogen. Es ist sehr interessant, und ich kann helfen. Die Schwierigkeiten sind sehr unterschiedlich. Das reizt mich an dieser Arbeit.

Sie kommen eigentlich aus einem anderen Beruf, Sie sind gelernter Zimmermann. Bei der Tafel sieht die Arbeit anders aus als auf dem Bau. Vermissen Sie nicht das handwerkliche Arbeiten?

Atriss: Wegen meiner Rückprobleme kann ich das nicht mehr so machen. Aber hier muss ich auch viel schleppen – hier schleppen wir manchmal aber sogar mehr als auf der Baustelle.

Bei der Tafel haben Sie es mit Menschen zu tun, die mit dem, was sie haben, nicht auskommen. Was hat sich aus Ihrer Sicht in den vergangenen sechs Jahren geändert?

Atriss: Die Leute klagen mehr als früher.

Worüber klagen sie mehr?

Atriss: Darüber, dass das Geld überhaupt nicht mehr reicht. Die D-Mark-Zeit sei viel besser gewesen. Mit 50 Mark hätten sie früher den Einkaufswagen voll gehabt, heute sei man selbst bei Lidl oder Aldi schnell bei 100 Euro. Das Geld reiche einfach nicht, und deshalb freuen sie sich, dass es nebenbei noch die Tafel gibt. Was sie hier bekommen hilft dann schon.

In der Anfangszeit der Tafeln hatte man den Eindruck, dass sich die Menschen schämen, wenn sie zu Ihnen kommen. Wie ist das heute?

Atriss: Das ist heute nicht mehr so. Mittlerweile ist die Tafel überall bekannt, sie ist normal geworden.

Wie oft dürfen die Menschen eigentlich zur Tafel kommen?

Atriss: Zwei Mal in der Woche – also montags und donnerstags. Das sind unsere beiden Ausgabetage.

Was bekommen sie bei bei Ihnen?

Atriss: Wir geben Ware aus, die uns gespendet wird. Es sind Molkereiprodukte, Obst und Gemüse, Konserven, Süßes, Brot und auch Kuchen.

Wie viele Menschen kommen, und wie ist das alles hier organisiert?

Atriss: Pro Ausgabetermin kommen zwischen 70 und 80 Menschen. Über sie werden weit mehr als 500 Angehörige von uns versorgt. Um 14 Uhr geht es los mit der Ausgabe. Wir haben dann meistens fünf oder sechs Mitarbeiter hier. Die kommen bereits zwei Stunden vorher und bereiten die Ausgabe vor. Am Eingang sitze ich dann und kassiere pro Person zwei Euro. Die Leute kommen dann nacheinander herein. Ist jemand an der ersten Station fertig, kann der nächste Kunde hereinkommen.

Warum werden jeweils zwei Euro kassiert?

Atriss: Die kassieren wir, weil wir einer armer Verein sind. Alle Tafeln nehmen einen kleinen Beitrag – der ist aber unterschiedlich. Wir müssen ein Auto betreiben, das muss mal in die Werkstatt und das muss auch getankt werden. Das Geld reicht nicht ganz, aber wir versuchen, damit über die Runden zu kommen.

Wie hat sich denn die Spendenbereitschaft entwickelt – also bezogen auf die Lebensmittel, die hier ausgegeben werden?

Atriss: Die ist gestiegen. Das ist wichtig, denn sie ist ja die Grundlage für unsere Arbeit.

Werden denn auch Lebensmittel ausgegeben, bei denen das Mindesthaltbarkeitsdatum schon abgelaufen ist?

Atriss: Ja, aber wir haben es auch draußen an der Tür stehen, dass bei manchen Sachen das Datum schon abgelaufen ist. Das wissen also auch unsere Kunden. Mit dem abgelaufenen Datum sind die Lebensmittel ja noch nicht schlecht – sie können noch zwei oder drei Wochen haltbar sein. Bevor wir die Sachen herausgeben, probieren wir, ob sie noch gut sind oder nicht.

Es sieht hier im Ausgaberaum wirklich sehr eng aus. Können Sie unseren Lesern noch einmal beschreiben, warum es wichtig ist, dass die Tafel in ein anderes Gebäude umzieht?

Atriss: Seit 2007 sind hier in diesem Haus. Und das war von Anfang an zu eng. Wir hatten schon früher an einen Umzug gedacht, aber haben dann gesagt, dass wir es probieren. Mit der Zeit ist die Kundschaft größer geworden. Wenn man überlegt, dass jedes mal rund 80 Leute durch diesen schmalen Gang gehen müssen und auch ältere Menschen dabei sind, ist zu erkennen, dass der Raum eigentlich nicht ausreicht. Sie haben ja auch alle Taschen dabei. Außerdem gibt es hier keinen Aufenthaltsraum für die Mitarbeiter, keine Sitzmöglichkeit, um sich einmal auszuruhen. Die Lagermöglichkeiten für die Tafel sind ebenfalls begrenzt. Daher ist der Umzug wirklich sehr dringend.

Nun hat der Verein aber etwas Neues gefunden, im Frühjahr findet der Umzug statt. Um die Kosten decken zu können, hat der Verein Mietpaten für ein Jahr gesucht. Diese beteiligen sich monatlich mit zehn Euro an den Kosten Wie ist bislang die Resonanz?

Atriss: Das sieht im Moment gut aus. Wir haben schon jetzt etwa 60 Personen, die sich daran beteiligen. Das freut uns natürlich sehr. Vielleicht schaffen wir es, bis März die 100 Unterstützer zu bekommen.

Die Tafel kommt offensichtlich nicht nur bei denen gut an, die auf sie angewiesen sind...

Atriss: Richtig. Und viele unterstützen auch mit eigenen Lebensmittelspenden, die sie zu Hause haben – sie bringen uns zum Beispiel Konserven. Vor kurzem kam ein Rotenburger zu uns und sagte, er habe lange Zeit gar nicht gewusst, dass es auch hier eine Tafel gibt. Jetzt kommt er regelmäßig und bringt uns Sachen, die wir ausgeben können. Die Tafel ist in der Stadt wirklich anerkannt.

Es gibt ja auch noch eine Form der Unterstützung: Wie viele ehrenamtliche Mitarbeiter engagieren sich hier inzwischen?

Atriss: Also hier in der Ausgabestelle Rotenburg sind es ungefähr 40 Mitarbeiter. Ohne sie könnte ich meine Arbeit auch nicht machen (lacht).

Ich komme noch einmal auf die Flüchtlinge zu sprechen, die zu uns kommen. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Nachrichten sehen und lesen?

Atriss: Ich erinnere mich natürlich an unsere Zeit damals, als auch wir uns im Keller versteckt haben, während die Häuser bombardiert wurden. Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, wie schlimm das ist. In Syrien ist das jetzt noch schlimmer. Das alles nimmt mich mit. Deshalb will ich jetzt so viel helfen, wie es geht. Deshalb habe ich auch Verständnis, wenn die Flüchtlinge sauer darauf sind, dass ihre Asylanträge so lange Zeit brauchen. Das muss wirklich schneller gehen.

Zur Person: Khaled Atriss ist 40 Jahre alt, verheiratet und Vater von sechs Kindern im Alter von anderthalb bis 19 Jahren. Zusammen mit sechs seiner zehn Geschwister und den Eltern ist der gebürtige Libanese 1982 als Kind vor dem Krieg nach Deutschland geflüchtet. Sein Vater besaß zwei gut gehende Geschäfte in Beirut, war ein wohlhabender Mann, so Khaled Atriss. Aus Sorge um seine Familie hat er damals alles zurückgelassen und sich entschieden, nach Deutschland zu gehen. Khaled wuchs in Sottrum auf, ehe er 1995 nach Rotenburg zog und dort eine Zimmermann-Lehre absolvierte.

2007 begann er, ehrenamtlich für die Rotenburger Tafel zu arbeiten, nur zwei Jahre später übernahm er in der Einrichtung den hauptamtlichen Job als Koordinator. Mit dieser Aufgabe ist er heute noch glücklich, weil er anderen Menschen helfen kann.

men

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