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Geben am Limit: Tafel Rotenburg verhängt Aufnahmestopp

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Von: Andreas Schultz

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Eine Frau reicht einer anderen bei der Lebensmittelausgabe ein Produkt.
Es bleibt ein Geben und Nehmen bei der Rotenburger Tafel – im Augenblick gibt es aber aufgrund der Flüchtlingsbewegung aus der Ukraine rund 30 Prozent mehr Nehmer bei den Ausgabeterminen als sonst üblich, was vorerst zum Aufnahmestopp für Neukunden führt. © Schultz

Schon vor der Ankunft der Flüchtlinge aus der Ukraine war die Rotenburger Tafelausgabestelle am Limit. Nun setzt sie die Aufnahme von Neukunden aus. Der Grund: Enorm gestiegene Nachfrage trifft auf rückläufige Lebensmittelspenden.

Rotenburg – Einer der Helfer zupft an den Saiten der Gitarre: Er spielt zur Unterhaltung der Wartenden ein paar Akkorde, während die Sonne auf das Gebäude der Rotenburger Ausgabestelle der Tafel scheint. Kurz vor 16 Uhr – regulär Ende der Verteilung – ist die Schlange vor der Lebensmittelausgabe noch lang. Die Nachfrage bleibt ungebrochen groß, wie vielerorts bei deutschen Tafeln; der Krieg in der Ukraine und die nach Rotenburg gekommenen Flüchtlinge tragen dazu bei. Die örtliche Ausgabestelle zieht nun Konsequenzen aus dem Andrang und verhängt einen Aufnahmestopp.

Mehr als 120 Personen bei einem Termin – mehr verkraften wir einfach nicht“, sagt Vereinschef Hero Feenders. Die Tendenzen gingen im gesamten Einflussbereich der Tafel Rotenburg in diese Richtung: In Visselhövede ließen sich ähnliche Entwicklungen beobachten, auch Scheeßel hat der Kundenakquise den Riegel vorgeschoben. Überall geht die Menge an gespendeten Lebensmitteln zurück, während die Nachfrage steigt. Auf die Kooperationspartner lässt Feenders aber nichts kommen: „Die Läden und Geschäfte machen nach wie vor möglich, was sie können“, ist er sicher. Er vermutet, dass es aufgrund steigender Kosten schärfer kalkulierte Mengen im Einkauf gibt und dadurch einfach weniger übrig bleibt.

Spendenkonto der Tafel

Sparkasse Rotenburg Osterholz: IBAN DE 35 2415 1235 0075 1246 36, auf Wunsch stellt der Verein Spendenbescheinigungen aus. Mehr Infos auf www.rotenburgertafel.de.

80 bis 90 Kunden hat die Ausgabestelle an einem normalen Tag zu Pandemiezeiten vor dem Ukraine-Krieg, rund 500 Menschen sind als Kunden gelistet. Hinter jedem dieser Namen steht eine Familie, macht Feenders deutlich. Mit der Nachfrage vor dem Krieg in der Ukraine ist das Team mit seinen 55 Mitarbeitern vor Ort und mit der gegebenen Organisationsstruktur bereits am Limit. Dass es jetzt mit im Schnitt 40 Kunden mehr trotzdem noch irgendwie geht, ist der Hingabe der Ehrenamtlichen zu verdanken, die nicht einfach um 16 Uhr die Schotten dichtmachen wollen – jetzt dauert die sonst zweistündige Ausgabe auch schon mal bis 17.30 Uhr, entsprechend verschiebt sich das Aufräumen nach hinten. Dass alles ein wenig länger dauert, ist auch den nach wie vor durchgesetzten Corona-Schutzmaßnahmen mit Abstand, Plexiglasscheiben, Maskenpflicht & Co. geschuldet: „Das ist eine zusätzliche Belastung, da über Stunden mit der Maske in der Verteilung zu stehen“, sagt der Vereinschef und lobt seine Leute: „ein tolles Team, das viel auf sicht nimmt“. Ebenfalls ein Zeitfaktor: die Sprachbarriere, die die Mitarbeiter mithilfe von Dolmetschern überwinden. Oft müsse noch erklärt werden, wie das Tafelsystem funktioniert, „auch dass wir kein Vollsortimenter sind, wissen nicht alle“.

Für die Ehrenamtlichen heißt mehr Nachfrage bei weniger Spenden: Gut einteilen, was ankommt. „Wir hatten auch schon Tage, da hatten wir am Ende fast nichts mehr. Wenn es eng wird, greifen wir auf Konserven zurück, damit jeder etwas mit nach Hause nehmen kann“, erklärt Feenders. Zwar bekomme die Ausgabe in größeren Abständen auch mal Lebensmittel aus Verden und Bremen – den Radius für die Zulieferung zu erhöhen, ist aber nicht der Königsweg. Auch Spenden aus Sottrum heranzuschaffen, wo es derzeit keine Ausgabestelle gibt, sei keine Lösung: „Wir haben nur ein Fahrzeug. Außerdem fehlt uns dafür die Manpower“, erklärt der Tafel-Chef. Auch die gestiegenen Benzinpreise stellen ein Hemmnis dar. „Es ist schon so eine Herausforderung.“

Manchmal geht einem schon die Muffe bei dem Gedanken, wie es wäre, wenn die Gelder nicht mehr in dieser Größenordnung kämen.

Hero Feenders

Dass der Landkreis nun seine Unterstützung für den Verein erhöht habe, sei ein positives Zeichen: 8 000 statt 6 000 Euro soll es ab 2023 für die Stellen in Rotenburg, Visselhövede und Scheeßel zusammen geben. Das allein sei aber keine Größe, auf die man sich gut stützen könne: „Die Miete der Einrichtung ist schön höher als das“, sagt Feenders und zeigt auf den flachen Bau an der Rathausgasse 9. „Wir sind nach wie vor auf die Großzügigkeit der Spender angewiesen. Ohne die würden wir schnell pleitegehen. So weit ist es zwar noch nicht. Aber manchmal geht einem schon die Muffe bei dem Gedanken, wie es wäre, wenn die Gelder nicht mehr in dieser Größenordnung kämen“, fasst Feenders zusammen.

Welche Auswirkungen wird der Rechtskreiswechsel auf die Nachfrage haben? Kommen mehr oder weniger Flüchtlinge aus der Ukraine zur Ausgabe, sobald sie alle Hartz IV beziehen statt Leistungen des Asylbewerberleistungsgesetzes? Für Feenders ein Pendel, das so gut in die eine wie in die andere Richtung ausschlagen kann. Sicher ist schon jetzt: „Wir werden flexibel reagieren.“

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