Ein ganz normaler Morgen am Bahnhofskiosk – ein Selbstversuch im Frühaufstehen

Nachts, 3.10 Uhr in Rotenburg

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Akkordarbeit für Sabine Meyerhöfer (r.) und Sabrina Wechsung (25) beim Brötchen schmieren.

Rotenburg - Von Michael Schwekendiek. Morgens, zehn Minuten nach drei. In der Stadt ist alles ruhig. Kein Mensch auf der Straße, kein Licht in den Häusern. Ganz Rotenburg schläft. Ganz Rotenburg? Nein! Beim Bahnhof ist schon Licht. Nicht nur an den Gleisen, sondern auch am kleinen Kiosk. Jeden Morgen um diese Zeit schließt die Pächterin Sabine Meyerhöfer (52) auf und macht zusammen mit ihrer Angestellten Sabrina Wechsung (25) den Laden fertig: Tische und Stühle raus, Plakate aufstellen, Aschenbecher. Erste Erkenntnis des Journalisten im Selbstversuch vor Ort: sehr früh.

3.20 Uhr. Die Tische stehen; draußen ist alles fertig. Die eigentliche Arbeit beginnt jetzt drinnen, im Kiosk. Doch tatsächlich stehen draußen schon drei recht muntere Männer auf dem Weg nach Lübeck und fragen nach einem Kaffee. Der ist aber noch nicht fertig. Dabei geht die Arbeit den beiden Frauen wirklich zügig von der Hand: Die Kaffeemaschine läuft inzwischen, diverse Backöfen werden mit Teigrohlingen befüllt. Brötchen, Croissants, Baguettes, Laugenstangen, Brezel. Die Chefin werkelt im hinteren Raum und macht ein Backblech nach dem anderen fertig, während Sabrina Wechsung alles bereit stellt, um die später knackfrischen Backwaren zu belegen.

3.30 Uhr. Die ersten Kunden kommen. Mitarbeiter des Metronom, deren Züge wenig später den Rotenburger Bahnhof Richtung Hamburg und Bremen verlassen werden. Es sind Stammkunden, wie fast 90 Prozent derjenigen, die früh am Morgen am Fenster des Kiosks auftauchen. Der Kaffee ist tatsächlich fertig, und wenig später werden die ersten warmen Semmeln direkt draußen serviert. Service für die Ganz-Früh-Aufsteher! Man kennt sich.

3.40 Uhr. Alle Augenblicke klingelt einer der Backöfen und meldet damit: fertig! Damit die frischen Brötchen schnell bestrichen und serviert werden können, haben sich die beiden Frauen einen einfachen Trick ausgedacht: ein Riesenventilator fächert den heißen Backwaren kühle Luft zu, und dann werden sie, so scheint es mir, im Akkord geschmiert. Jeder Handgriff sitzt: aufschneiden, buttern, Wurst, Käse, Ei, Salatblatt, Tomate oder Paprika – alles wirklich ganz frisch und sehr appetitlich. Eigentlich schade, dass mir um diese Zeit überhaupt noch nicht der Sinn nach Baguette mit Mozzarella und Tomate steht… Ich wäre da mehr der Marmeladentyp. Die hätte Sabine Meyerhöfer tatsächlich auch. Aber erst einmal gibt´s einen Becher von ihrem Kaffee. Darauf ist sie stolz: „Der ist von besonderer Qualität. Ohne Bitterstoffe, etwas teurer im Einkauf, aber dafür kommen die Kunden gerne wieder!“ Außerdem hat sie 38 (!) verschiedene Sorten Tee im Angebot. Ihrer Meinung nach für einen Bahnhofskiosk schon verdächtig nahe am Guinness-Buch der Rekorde.

3.52 Uhr. Erstaunlich, wer an diesem frühen Morgen schon unterwegs ist und vor dem ersten Zug Richtung Elbe am Kiosk auftaucht. Fast jeder ist persönlich bekannt. Fast jeder bekommt seinen Kaffee wie gewohnt und gewünscht. Da wird in der Regel gar nicht mehr nachgefragt. Die einfache „Gesichtskontrolle“ reicht; schon wird die entsprechende Backware mit dem frischen Kaffee angereicht – und jede Kundin, jeder Kunde bekommt einen freundlichen Satz mit auf den Weg. Die beiden Frauen im Kiosk scheinen echte Morgenfans zu sein und sprühen vor guter Laune und Fröhlichkeit. Und „nebenbei“ werden Brötchen über Brötchen belegt, wird gebacken, Pizzateig vorbereitet, werden Eier und Tomaten geschnitten. Von den Backöfen und den Vorbereitungstischen bis zum Kioskfenster, an dem die Kunden stehen, sind´s knapp fünf Meter. Ein Monitor direkt an den Arbeitsplatten zeigt an, wenn wieder ein Hungriger ansteht. Dann ruft Sabine Meyerhöfer regelmäßig durch den Laden: „Geht gleich los!“ und flitzt im nächsten Augenblick ans Fenster. Sie weiß, Reisende haben´s meistens eilig. Hält sie gerade ein heißes Blech in der Hand, das sie erst mal abstellen muss, bevor sie bedienen kann, kommt auch mal ein fröhliches: „Halt durch!“ hinterher. Dann bedienen, ein paar fröhliche Sätze, für viele Kunden gibt´s auch noch ein Extra-Bonbon in die Tüte, kassieren, Hände waschen – weiter geht´s. Hygiene, erzählt die Chefin, sei enorm wichtig und würde strengstens beachtet. Nicht nur, weil die entsprechende Behörde regelmäßig überprüft.

4.10 Uhr. Der erste Zug ist weg, am Fenster wird es wieder ruhiger, aber drinnen wird in unglaublichem Tempo weitergearbeitet. 80 bis 100 Brötchen, Baguettes und Laugenstangen werden jeden Morgen frisch gebacken und belegt. Ziel ist, bis etwa 6 Uhr fertig zu sein. Dann wird´s nämlich noch mal richtig hektisch am Verkaufsfenster. Die Kiosk-Pächterin ist übrigens stolz darauf, immer wieder neue Back-Rezepte und Backwaren auszuprobieren. Klar, dass sie längst Angebote für Vegetarier und Veganer hat und neuerdings auch koschere Brote. Die will sie heute zum ersten Male probieren.

4.55 Uhr. Die Zeitungen kommen. Druckfrisch – und gehen auch direkt weg an die ersten Kunden. Sabine Meyerhöfer weiß auch hier in der Regel ohne nachzufragen, wer was liest und reicht gleich an, zusammen mit Kaffee und/oder Essenstüte. Was hier für Kaffee durchgeht! Unglaublich! Bier und andere alkoholische Getränke werden zu dieser Zeit eher selten verlangt. Aber enorm viele Zigaretten. An ihrem Kiosk ist der Verkauf von Rauchwaren nicht zurückgegangen, berichten die beiden Frauen; eher das Gegenteil sei der Fall. Tageszeitungen verkaufen sich nach wie vor gut, Zeitschriften gehen deutlich zurück. Aber der „Kicker“ ist ruck-zuck ausverkauft. Ein Stammkunde wird aber sofort für den nächsten Tag vorgemerkt. Dann wird er seine gewohnte Sport-Lektüre frühmorgens direkt bekommen, „darüber wache ich mit meinem Leben“, versichert die Kiosk-Inhaberin ihm. Ein anderer wird, kaum dass er mit etwas kratziger Stimme bestellt hat, gleich getröstet: „O je, ich höre ´ne Erkältung – Hustenbonbons habe ich auch.“ Diverse Kunden bleiben an den Stehtischen vor dem Kiosk, andere hasten direkt weiter zum Zug. Ob sie auch mal negative Erfahrungen gemacht haben, frage ich die beiden. „Sehr, sehr selten“, stellen sie übereinstimmend fest. Mal ist einer mit zwei Schachteln Zigaretten getürmt ohne zu bezahlen, mal werden („sehr ärgerlich!“) die Aschenbecher von den Tischen geklaut oder die Stühle Richtung Bahnsteig gerückt. Zwei Mal gab´s auch schon falsche Zwanziger – Falschgeld. Das geht dann direkt an und über die Polizei. Aber eigentlich fühlen sich beide Frauen sicher. Die Distanz hinter dem Fenster mag dazu beitragen und sicherlich auch ihre ansteckende Fröhlichkeit und Freundlichkeit.

5.40 Uhr. Jetzt geht es wirklich Schlag auf Schlag. Vor dem Kiosk bildet sich die erste kleine Schlange. Dabei ist es noch fast stockfinster! Die Tabletts mit den diversen Backwaren in der Auslage sind nun schon gut gefüllt. Die Auswahl ist gewaltig. Auch Süßes hat man inzwischen bereitet: Donuts, Schoko-Croissants, Zuckerbällchen. Eine Dame kauft gleich vier belegte Brötchen und noch etwas Gebäck , dazu den – fast obligatorischen – großen Kaffee. „Na, das macht doch Freude“, stellt die Chefin fest.

6.00 Uhr. Die beiden haben´s tatsächlich geschafft! An die hundert verschiedene Backwaren auf Bleche verteilt, gebacken, gekühlt, bestrichen, belegt, drapiert – und wohl beinahe die Hälfte schon wieder verkauft. Der Laden brummt! Jetzt heißt es erst einmal für Sabrina Wechsung: alles wieder sauber machen. Gegen Mittag wird nämlich das Ganze noch mal von vorne beginnen. Es wird wieder frisch gebacken, bestrichen, zubereitet. Wer in der Zwischenzeit Pech haben sollte und vor einem leeren Brötchentresen steht, kann sich immer noch mit einer Bock- oder Currywurst behelfen. Die gibt´s natürlich auch. Aber um 6.00 Uhr morgens steht an diesem Tage noch keinem der Sinn danach. Das ist mitunter anders an Samstagen, wenn die Hardcore-Fußballfans nach Freitagsspielen wieder zuhause aufschlagen oder diejenigen, die die Nachtluft am Hamburger Kiez erleben wollten. Die verlangen dann zum Frühstück schon mal ein kühles Bier mit Currywurst.

Außerordentlich beliebt bei Sabine Meyerhöfer ist der Freitag, wenn die Soldaten der Rotenburger Kaserne Feierabend haben. „Dann ist hier richtig was los!“ Und ganz bestimmt wird sie dann wieder öfter Richtung Fenster rufen müssen. „Geht gleich los. Haltet durch!“

6.40 Uhr. Angesichts der vielen Brötchen und Croissants meldet sich inzwischen auch mein Magen. Er nähert sich der für ihn normalen Frühstückszeit! Sabine Meyerhöfer geht in der Regel gegen 8 Uhr erst einmal nachhause, wenn der größte Ansturm vorbei ist. Dann managt eine ihrer Mitarbeiterinnen oder ihr Sohn den Laden alleine. Sie legt sich einen Augenblick aufs Ohr und hat dann noch ein paar „Kleinigkeiten“ zu erledigen: Abrechnung, Buchführung, Bestellungen, Einkauf – und nachmittags steht sie dann regelmäßig wieder in ihrem Kiosk, den sie mit Begeisterung und beeindruckendem Engagement führt. Eins ist in der Tat deutlich geworden, dass es, wie sie es ausdrückt, „nicht reicht, ein bisschen rumzustehen und hübsch auszusehen.“ Hat sie eigentlich noch Zeit für sich selbst und die Familie? „O ja!“, betont sie, „ohne meine Familie könnte ich das überhaupt nicht machen. Und wenn ich am Wochenende einen schönen Kaffee im Bett genießen kann, ist das für mich der pure Luxus.“ Aber auch eine größere Reise ist geplant: mit ihrem Mann soll´s demnächst in die USA gehen, nach El Paso, Texas. Dort haben sie mal für drei Jahre gelebt.

6.55 Uhr. Für mich ist erst mal Feierabend (am frühen Morgen!) Am Bahnhof wimmelt es inzwischen von Menschen. Auch in der Stadt formiert sich der alltägliche Morgenstau. Egal. Meine Laune ist bestens und steht auf „fröhliches Frühstück“. Die beiden haben mich angesteckt!

Hintergrund: Der Kiosk am Bahnhof gehört der Stadt Rotenburg. Sabine Meyerhöfer, in früheren Jahren als Kellnerin tätig, hat ihn, nachdem sie schon vor dem Neubau einen Kiosk in Bahnhofsnähe betrieben hat, gepachtet. Mit dem Neubau und vor allem der Lage ist sie „absolut glücklich“, auch wenn sie sich inzwischen ein wenig mehr Platz wünscht. Sie betreibt ihr Geschäft „vor allem als Familienbetrieb“; ihr Ehemann hilft ihr, wo er kann, eins ihrer drei erwachsenen Kinder, ein Sohn, ist ebenfalls in Vollzeit dort tätig. Ihre Mitarbeiterin Sabrina Wechsung ist gelernte Rechtsanwalts- und Notarsgehilfin. Seit zwei Jahren arbeitet sie im Kiosk, „ein Traumjob“, findet sie; „viel Kontakt mit Menschen und unheimlich abwechslungsreich.“ Das frühe Aufstehen macht ihr überhaupt nichts aus. Vielleicht auch, weil sie beste Aussichten hat, ebenfalls bald zur Familie zu gehören. Zum Team gehören noch eine weitere fest angestellte Mitarbeiterin sowie eine Aushilfe. Geöffnet hat der Kiosk wochentags ab 4 Uhr (oder, wie man sieht, auch schon früher) bis 18 Uhr. Samstags von 6 bis 13 Uhr. Sonntags ist Ruhetag.

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