Fußballprofi Deniz Kadah setzt sich für die Jesiden ein und fordert ein klares Zeichen im Kampf gegen den IS

„Es geht um Macht, Religion und Öl“

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Klare Worte: Deniz Kadah engagiert sich für das kurdische Volk und fordert mehr Hilfe im Kampf gegen den IS.

Rotenburg - Von Matthias Freese. Deniz Kadah ist Profifußballer in der höchsten türkischen Liga, der Süper Lig. Deniz Kadah ist aber auch Kurde und Jeside. Als solcher bezieht der 28-jährige Mittelstürmer, der in Verden aufgewachsen ist und auch schon für den Rotenburger SV gespielt hat, klar Stellung, wenn es um die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS/ISIS) geht.

Im Interview spricht er auch über Ausschreitungen in Deutschland, seinen Glauben und seine Erwartungen: „Gemeinsam sollten wir Solidarität für alle unterdrückten religiösen Minderheiten zeigen“, sagt er.

Herr Kadah, sind Sie und Ihr privates Umfeld vom IS-Terror betroffen?

Deniz Kadah: Ja, ich bin betroffen, denn es handelt sich um das kurdische Volk. Dieses Massaker richtet sich in erster Linie an alle religiösen Minderheiten wie Kurden und Jesiden, Christen und Muslimen wie Alewiten und Schiiten sowie an alle anderen Völker, die in der Region leben und nicht nach der Vorstellung des ISIS leben. Er tötet diese Menschen auf bestialische Weise und rühmt sich auf sozialen Plattformen wie Youtube und Facebook mit den Opfern.

Engagieren Sie sich auch persönlich?

Kadah: Ich versuche vieles im Rahmen meiner Möglichkeiten, um auf das Verbrechen aufmerksam zu machen. Privat habe ich durch meine Teilnahme an einer Demo in meiner Heimatstadt Verden sowie eine Spende in vierstelliger Höhe meine Solidarität mit den Opfern in Shingal und Kobane kundgetan. Auch das Verbrechen im Gaza habe ich übrigens verurteilt. Durch soziale Plattformen möchte ich, dass so viele Menschen wie möglich erreicht werden und sich aufgefordert fühlen, nicht tatenlos zuzuschauen. Es ist nicht nur ein Verbrechen gegen mein Volk, sondern ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit!

Wie wichtig ist Ihnen Ihre Religion, Ihr Glaube?

Kadah: Mir ist meine Religion sehr wichtig, denn in meiner Erziehung haben meine Eltern besonderen Wert darauf gelegt, dass ich weiß, wer ich bin und woher wir kommen. Als Jeside wird man geboren; es gibt keine Möglichkeit, zum Jesidentum zu konvertieren. Dies schließt aus, dass Jesiden missionarisch tätig werden und Angehörige anderer Religionen bekehren. Es gibt keinen religiösen Fanatismus, der von der Überlegenheit der Religion über andere Glaubensvorstellungen ausgeht. Mir wurde stets beigebracht, dass Hass und Gewalt in unserer Religion keinen Platz finden und dass man in jeden Menschen das Gute sehen sollte. Das Böse wird nie erwähnt! Und darum ist die Aussage komplett falsch und einfach nur lächerlich, wenn behauptet wird, Jesiden seien Teufelsanbeter. Die jesidische Religion ist eine der ältesten der Welt und wurde immer mündlich von Generation zu Generation übermittelt. Eine kleine Anekdote: In der Schule mussten wir immer bei den Anmeldungsformularen auch unsere Religion angeben. Auf dem Formular stand dann meistens evangelisch, katholisch, muslimisch und so weiter. Nur kam leider nie meine Religion, das Jesidentum vor. Heute sind wir schon einen Schritt weiter, in den Schulen und auch in der Öffentlichkeit werden die Jesiden mehr wahrgenommen.

Wie sehr beeinträchtigt Sie der IS-Terror als Profifußballer, Kurde und Jeside in der Türkei? Gibt es Anfeindungen, womöglich innerhalb Ihres Clubs Caykur Rizespor?

Kadah: Ich stehe als Privatperson und als Profifußballer klar zu meinen Wurzeln und meiner Herkunft. Innerhalb des Vereins gibt es viele verschiedene Kulturen sowie Religionszugehörigkeiten – daher respektieren wir uns einander sehr. Insbesondere im Sport hat Rassismus keinen Platz. Übrigens: Die Nummer 63 auf meinem Trikot steht für meinen Geburtsort Sanliurfa/Viransehir (Autokennzeichen und Anfangsziffern der Postleitzahl, Anm. d. Red.) in der Türkei. Dieser Teil der Türkei ist dicht besiedelt von Kurden. Meine Mitspieler nennen mich deshalb spaßeshalber „El Kurdo“. Aber ich möchte nochmals betonen, dass der gesamte Verein zu mir steht und wir eine Fußballmannschaft sind, die zusammenhält.

Sind die Türken im Kampf gegen den IS eine tiefgespaltene Gesellschaft?

Kadah: Ehrlich gesagt kann ich die Frage so nicht beantworten. Man darf nicht den Fehler machen und die gesamte türkische Bevölkerung verurteilen, denn gerade in den Großstädten kommt es zu Demonstrationen, bei denen kurdische und türkische Demonstranten zusammen das grausame Verbrechen des ISIS lautstark verurteilen.

Gab es auch in Rize, Ihrem aktuellen Wohnort, Demon-strationen oder Ausschreitungen?

Kadah: Nein, bei mir in Rize leben kaum bis gar keine Kurden. Die Stadt ist sehr klein. Es ist hier sehr ruhig.

In Deutschland gab es bereits Zusammenstöße zwischen Kurden und Salafisten. Rechnen Sie damit, dass es noch schlimmer wird?

Kadah: Das war für uns alle eine neue Dimension von Gewalt. Ein Terror-Konflikt, der vermeintlich tausende Kilometer entfernt war, findet plötzlich in Deutschland statt. Wir sind geschockt. Dennoch müssen wir uns nun eingestehen, dass diese ISIS-Kämpfer aus allen Teilen der Welt kommen, dazu gehört auch Deutschland. Das kurdische Volk wurde schon immer verfolgt, unterdrückt und hat bis heute 72 Massaker und versuchte Genozide durchlebt. Es möchte nur in Frieden und Freiheit leben, dabei sind die Sprache und die Traditionen zum Erhalt der Kultur wichtig. Das beste Beispiel war die vor kurzem durchgeführte Großdemonstration in Düsseldorf, bei der mehr als 20000 Menschen friedlich und gemeinsam Solidarität mit Shingal und Kobane gezeigt haben. Genau diesen Weg sollten wir alle weiterhin verfolgen, um keine neuen Konflikte in Deutschland entstehen zu lassen.

Sie selbst haben bei Facebook geschrieben: Weg mit den Ziegenbärten! Wird in Deutschland zu wenig gegen Salafisten getan?

Kadah: In Deutschland leben viele verschiedene kulturelle Gemeinschaften friedlich miteinander, jeder kann hier auch seine Religion ohne Einschränkungen friedlich ausleben. Für viele ist Deutschland die einzige Heimat, weil man hier geboren ist und sich zu Hause fühlt. Ein Beispiel ist doch die WM. Deutschland ist Weltmeister geworden und einfach jeder hat zusammen auf den Straßen gefeiert. Daher meine Bitte: Schaut nicht weg und schweigt nicht! Gemeinsam sollten wir Solidarität für alle unterdrückten religiösen Minderheiten zeigen.

Wie bewerten Sie das Handeln der türkischen Regierung im Kampf gegen den IS und im Kampf um Kobane?

Kadah: Ich bin kein Politiker und möchte mich gar nicht groß mit Politik befassen. Ich will nur hinzufügen, dass man an dem Friedensprozess festhalten sollte, weil nur das dauerhaft die Lösung ist und im Interesse aller Menschen sein kann.

Und was würden Sie speziell von Deutschland erwarten?

Kadah: Deutschland muss ein klares Zeichen setzen, Gruppierungen wie die Salafisten verbieten und deren terroristische Machenschaften bekämpfen. Schärfere Gesetze und eine klare Ausweisungspolitik sollten hier greifen. Dazu gehört auch, dass sich Deutschland militärisch beteiligen sollte, da der ISIS die ganze Weltbevölkerung bedroht.

Nur die Peschmerga wurde von Deutschland mit Waffen ausgestattet. Gibt es „gute“ und „schlechte“ Kurden?

Kadah: Ich kann nur sagen, dass die Stadt Kobane und die Region Shingal jetzt schon zum Symbol für Widerstand, Freiheit und Demokratie geworden sind.

Ist der Konflikt nicht ohne Waffen lösbar?

Kadah: Grundsätzlich bin ich ein Mensch, der Gewalt und Waffen ablehnt, doch wenn man sich anschaut, mit was für einer Brutalität der ISIS vorgeht und wie rasant er Gebiete einnimmt und Sympathisanten dazugewinnt, dann glaube ich kaum, dass man ohne Waffen diesen Konflikt lösen kann. Man muss kurzfristig militärisch schnell reagieren und vorangehen, um das Leben aller Bedrohten zu schützen, sonst werden leider Gottes weiterhin viele Menschen ihr Leben verlieren.

Wo liegt für Sie der Kern des Konfliktes?

Kadah: Es geht um Macht, Religion und Öl. Die Ziele des ISIS sind ja offensichtlich. Er verfolgt mit aller Macht eine territoriale Ausdehnung seines selbsternannten Kalifats in Irak und Syrien. Durch Unterstützung einiger Nationen, was nachweislich ja bekannt ist, erlangen die Terroristen mit modernen Waffen und gut ausgerüsteten Kriegsmaterial schnell die Oberhand. Andersgläubige sind gezwungen, sich der Scharia zu unterwerfen. Oder man wird als Jeside, Christ, Muslim oder zugehöriger anderer Religionsgruppen geköpft, versklavt und auf brutalste Weise getötet. Diese Brutalität verbreitet Angst und Schrecken.

Gibt es in Ihrem persönlichen Umfeld Menschen, die in den Krisengebieten gegen den ISIS kämpfen?

Kadah: Zurzeit befindet sich ein Freund im Krisengebiet, wo genau er sich aufhält, möchte ich aus Respekt gegenüber seiner Frau und seinen beiden Kindern nicht sagen. Ich hatte vor kurzem erst telefonischen Kontakt, mehr möchte ich hierzu nicht erwähnen.

Wenn Sie kein Profifußballer wären, würden Sie auch in den Krisengebieten zur Waffe greifen?

Kadah: Ich lehne jede Art von Gewalt ab und habe in meinem bisherigen Leben noch nie eine Waffe in der Hand gehalten. Ich muss aber ehrlich zugestehen, dass mich diese schrecklichen Bilder und Videos nicht kalt lassen. Ich kann vollkommen nachvollziehen, dass die Menschen dort ihr Leben und ihr Land verteidigen. Was die Menschen in dieser Region gerade durchmachen, kann man nicht mal ansatzweise fühlen. Daher möchte ich auch nicht spekulieren, ob ich in diese Region ziehen würde, wenn ich nicht Profifußballer wäre, denn es geht um Leben und Tod. Eins ist für mich jedoch klar: Wir alle würden unsere Familie und unser Hab und Gut verteidigen. Wenn die Menschen, die dort leben, es nicht tun, scheint es ja niemand für sie zu tun.

ZUr Person

Fußballprofi Deniz Kadah (28) spielt seit Anfang des Jahres für Caykur Rizespor in der türkischen Süper Lig. Er wurde in Sanliurfa im Südosten der Türkei geboren und wuchs in Verden auf. Im Herrenbereich feierte er 2005 beim Rotenburger SV seine Premiere und kam über den TuS Heeslingen und VfB Lübeck zu Fortuna Düsseldorf. Mit den Rheinländern stieg er in die 2. Liga auf, in der er aber nur auf zwei Einsätze kam. Über den FC Oberneuland, Lübeck und Hannover 96 II schaffte Kadah den Sprung in den Bundesliga-Kader der Niedersachsen und debütierte am 18. Januar 2013 gegen Schalke 04. Vier weitere Einsätze sowie ein Auftritt im DFB-Pokal gegen Bayern München folgten, ehe er zu Rizespor wechselte.

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