Bachs Geburtstag in der Stadtkirche

Fuge um Fuge zu bewegten Bildern im Kopf

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Florian Schachner (l.) und Simon Schumacher bestaunen die „Baupläne“ zu Bachs „Kunst der Fuge“.

Rotenburg – „Kunst der Fuge?“, mag ein Maurermeister sich stirnrunzelnd an den Kopf fassen. Seinen Job täte er vielleicht als geschicktes Handwerk ab und läge damit nicht einmal falsch. Aber Kunst?

Was zu Bachs Geburtstag am 21. März in der Rotenburger Stadtkirche zu hören war, ist im Grunde akustisches Handwerk. Kreiskantor Simon Schumacher kann sich mit dieser Definition anfreunden, begrüßt er doch seine Gäste mit der Frage „Interessieren sie sich für Architektur?“ Und so zieht auch er die Parallele zum Baugeschäft. Gastorganist Florian Schachner aus Höxter gibt eine Einführung: „Fuge heißt übersetzt Flucht“, wieder ein Begriff aus der Architektur, denn jedes Gebäude benötigt seine Ausrichtung. Auch bei Bachs Kunst ist das so.

Schachner spricht mit schönstem Dialekt von Gegen- und Spiegel-Fugen, steigenden Quinten, Intervall-Umkehrungen und fallenden Quarten. Bevor es noch technischer wird, greift er in die Tasten, Schumacher assistiert. Johann Sebastian Bach hat seine Fugen zwar nicht mit Mörtel gefertigt, wohl aber mit pädagogischer Absicht. Er wollte angehenden Musikern Muster anbieten, entfaltet hier seine ganze Kunstfertigkeit. Und auch wenn seine Fugen noch so klar und transparent erscheinen, so stecken sie doch voller musikalischer Tiefe und Tücken. „Man kann sie an sich vorbeiziehen lassen als eine Folge unverbindlicher Schallereignisse. Will man sie als sinnvolle Komposition verstehen, so muss man ihr seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenken“, hat einmal ein kluger musikalischer Kopf gesagt.

Der junge Organist aus Höxter geht mit Präzision vor, wählt ein frisches Tempo, rührt ordentlich im Bottich und wechselt die Schattierungen, sorgt für bewegte Bilder im Kopf. Das ist Musik zum Augen schließen, und so schichtet Schachner Stein auf Stein, Fuge um Fuge.

Im Laufe einer Stunde wächst ein beachtliches Gebäude in die Höhe. Und jede Fuge fügt anders zusammen, was zusammen gehört. Das Publikum erlebt einen konzentriert-meditativen Vortrag voller Spannung. Am Ende ist es still. Wer wagt jetzt auch zu klatschen? Als habe jemand ein gewaltiges Kartenhaus aufgestapelt, das beim leisesten Hauch einzustürzen droht. Tut es aber nicht, und so erntet Florian Schachner doch noch verdienten Applaus. Eine Dame sagt: „Schön und bei der Akustik!“ Recht hat sie, und die ist im Grunde ummauerte Raum. Da haben wir es wieder mit dem Handwerk.  hp

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