17-Jähriger Bremer begutachtet Glocken in Rotenburger Kirche

„Für meine Ohren ist das Musik“

Hendrik Hopfenblatt mit Dominica & Co. im Glockenstuhl.
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Hendrik Hopfenblatt mit Dominica & Co. im Glockenstuhl.

Rotenburg – „Aha, da hängen sie ja in trauter Fünfsamkeit.“ Das sagt Hendrik Hopfenblatt, der die 81 Stufen zum Glockenturm der Rotenburger Kirche Zum Guten Hirten in Windeseile erklommen hat. Sofort geht der junge Mann auf Tuchfühlung mit den fünf Glocken, die in luftiger Höhe beieinander hängen. Der 17-jährige Bremer zwängt sich durchs enge Stahlgerüst, klopft bei jedem der bronzenen Instrumente an und identifiziert sie. Zuerst widmet er sich der größten unter ihnen: „Das ist Dominica in f.“ Spricht es aus und tätschelt der umfänglichen Dame liebevoll über die Rippe.

Hier geht es nicht um Erotik, der junge Fachmann begutachtet das Profil des Instruments, sozusagen den Hüftschwung der Glocke, und das liest sich dann doch wieder anzüglich. Hopfenblatt lässt sich nicht beirren. „Dort hängt die Betglocke in a“, zeigt der Fachmann herüber. Moment, woher weiß er das? „Ich habe ein absolutes Gehör, damit kann ich jeden Ton sofort identifizieren.“ Ein absolutes Gehör, wie kommt man dazu? „Das hat man oder man hat es nicht“, erklärt er und grinst. Und er hat recht. Diese Gabe ist weder erlernt, noch hat sie unbedingt mit Musikalität zu tun. Sie ist einfach angeboren, kann Fluch und Segen sein. Wer damit Musik macht oder hört, leidet manchmal wie ein Hund, wenn Instrumente nicht die richtige Tonhöhe anstimmen. „Ich spiele auch Klavier, meine Fähigkeiten sind zurzeit aber etwas eingerostet. Diese Glocken sind von Rincker gegossen“, erklärt der junge Mann weiter mit Kennerblick. „Das ist gute Qualität von 1957.“

Und tatsächlich ist die Glocken- und Kunstgießerei Rincker im hessischen Sinn einer der ältesten Betriebe dieser Branche in Deutschland, die seit 1590 Glocken gießt und europaweit bekannt ist. Hopfenblatt ist in seinem Element und längst bei den anderen Glocken angekommen: „Das ist die Sterbeglocke in c, hier die Trauglocke in d, beide zweigestrichen.“ Er dreht sich um: „Last but not least, die Taufglocke mit zweigestrichenem e.“ Sehr schön, alle beieinander und vor allem aus einem Guss.

Wie kommt ein junger Mensch dazu, sich für Glocken zu begeistern? „Vor neun Jahren war ich mit meinen Eltern in Kroatien. Wir sind auf einen Kirchturm gestiegen, da ist es passiert. Als die Glocken anfingen zu läuten, hat sich eine Aura über mir ausgebreitet.“ Seit seinem achten Lebensjahr düst Hopfenblatt also durch die Lande und dokumentiert Glocken. Er fotografiert, vermisst und filmt sie, zeigt alle bei Youtube unter „glockenhenry.“ Gibt es ein Lieblingsstück? „Eine Barock-Glocke in der Wismarer Nicolaikirche von 1732“, schwärmt der Glocken-Freund. Insgesamt mögen es inzwischen 190 Glockenstühle mit etwa 580 Glocken sein, die bisher dokumentiert wurden. Auch „der dicke Peter“ ist dabei, die weltweit größte freischwingende Kirchenglocke im Kölner Dom mit einem Gewicht von 24 Tonnen. Ganz so schwer sind die zierlichen Damen des Guten Hirten nicht, nicht einmal zusammen genommen. Hopfenblatt rechnet: „Hier kommen wir auf etwa 2 100 Kilogramm.“ Es gibt eine Faustregel zur Berechnung des Gewichts: Material und Durchmesser mal Rippe oder so ähnlich. Jetzt wird es aber Zeit für den Soundcheck. Ohrenschutz aufgesetzt und los geht‘s. „Kirchenglocken können schon mal 110 bis 130 Dezibel bringen, das ist etwa so laut wie ein Düsenjäger in hundert Metern Entfernung.“

Zunächst lässt der Glocken-Freak jedes Instrument einzeln schlagen, das dauert. „Jetzt alle“, ruft er und schaltet die fünf Instrumente des Guten Hirten nach und nach zusammen, das volle Geläut. Die Augen des jungen Mannes leuchten, beide Daumen gehen hoch. Das beeindruckt den Profi. Eine Weile umrauscht den Hörer ein beeindruckend kräftiger Sound aus Bronze, dann schwingen die Glocken wieder aus. „Dass manche Menschen das als Lärm bezeichnen, kann ich nicht verstehen. Für meine Ohren ist das Musik.“

Und, wie ist das Fazit? „Bedingt durch die Septime klingt das Geläut festlich und feierlich.“ Dann ist ja alles klar. Geht es noch etwas genauer? „Ein unverkennbares Geläut mit einer nicht alltäglichen Disposition.“ Na bitte, das hört sich schon ganz anders an. Damit verlässt Hopfenblatt den Kirchturm. Für begierige Aufmerksamkeit aus Bremen dankt und grüßt die „nicht alltägliche und festlich disponierte Fünfsamkeit“ des Guten Hirten.  hp

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