Rotenburg könnte profitieren

Für eine bessere ärztliche Versorgung

Besuch im Diakonieklinikum
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Politik auf Visite: Detlef Brünger und Reinhard Kiefer (Mitte) erklären den CDU-Landtagsabgeordneten Eike Holsten (v.l.) und Volker Meyer sowie Landratskandidat Marco Prietz die Strukturen am Diakonieklinikum.

Eine Landtagskommission hat viele Vorschläge erarbeitet, wie die medizinische Versorgung gerade auf dem Land gesichert werden kann. Rotenburg könnte profitieren.

Rotenburg – Die ärztliche Versorgung gerade auf dem Land, soviel Wortspiel muss sein, kränkelt in mancherlei Bereichen. Zudem sorgen Tendenzen wie die Kommerzialisierung des Gesundheitssystems mit der größer werdende Bedeutung von Konzernen für Kopfzerbrechen bei unterschiedlichen Akteuren. Die Politik will gegensteuern, ein erneuter Versuch einer Reform oder zumindest von Veränderungen und neuen Leitlinien.

Die sind nach zweijähriger Beratung auf Landesebene in einer Kommission des Landtags in einen 335 Seiten starken Bericht geflossen. „Ein bemerkenswertes Papier“, sagt dazu der Ärztliche Direktor des Agaplesion Diakonieklinikum in Rotenburg, Professor Reinhard Kiefer. „Anders als viele andere Papiere dieser Art wird es sogar gelesen“, ergänzt der Landtagsabgeordnete und CDU-Kreis-chef Marco Mohrmann. Der war in diesen Tagen mit Parteikollegen und dem Obmann der Christdemokraten in der Kommission, Volker Meyer, in der Region unterwegs, um mit Vertretern des Gesundheitssystems das Gespräch zu suchen – oder sogar Lösungen vor Ort zu finden.

„Handlungsempfehlungen für den Landtag“

Mohrmann weiß, wie sehr das Thema bewegt – nicht nur im Wahlkampf. Er musste die gesellschaftlich höchst umstrittene Schließung des Martin-Luther-Krankenhauses in Zeven als Kreistagsmitglied 2018 mitverantworten, zu einem Zeitpunkt, als seine Ehefrau dort selbst als Ärztin beschäftigt war. Er hielt wie die überwiegende Mehrheit der Politik und natürlich die Krankenkassen den Schlussstrich unter dem defizitären 80-Betten-Haus für unumgänglich. Und nun sitzt sein Parteifreund Meyer aus dem Landkreis Diepholz, wo aus drei kleinen Kliniken eine große werden soll, beim Frühstück mit Hausärzten und sagt: „120 Betten sind nicht zukunftsfähig.“ Leistungen müssten zentralisiert werden: eine Forderung der Kommission. „Handlungsempfehlungen für die Landesregierung“, konkretisiert er.

Dr. Oliver Fröhlich, Ärztlicher Leiter des Zentrums für Notfallmedizin am Diako, erklärt den Politikern den Arbeitsablauf.

Dr. Kai Möller ist einer von noch sechs Hausärzten in Visselhövede. Er sitzt auch am Frühstückstisch der CDU-Delegation und sagt, von den sechs seien vier über 60. Nein, bei allem, was die ermittelten Zahlen derzeit hergeben, es ist in der Region noch keine Unterversorgung zu erkennen. Kliniken und Praxen seien den Zielvorgaben entsprechend schnell zu erreichen. Aber: Wie lange noch? „Wir müssen Änderungen herbeiführen, weil es ihre Spezies nicht mehr lange geben wird“, so CDU-Sozialpolitiker Meyer. Der Landarztberuf lockt kaum medizinischen Nachwuchs, Programme wie die Stipendien durch den Landkreis können kaum helfen. Also müssen mehr Studienplätze her, verpflichtende Praktika vor Ort, finanzielle Anreize für die Arbeit fernab großer Kliniken und Labore. Oder, auch hier: Zentralisierung und Bündelung. Medizinische Versorgungszentren heißt das dann, sie wachsen auch in der Region, wo sich Fach- und Hausärzte unter einem Dach zusammentun und vermeintliche wirtschaftliche Risiken und Bürokratie gemeinsam tragen (lassen). Die aber bitte dürfe man, da müsse die Politik gegensteuern, „nicht den Konzernen überlassen“, da sonst nur noch Profit zähle, diktiert Dr. Christiane Qualmann als Sprecherin der Ärztevereinigung Kreis Rotenburg der CDU in den Block.

Meine Vorstellung ist es, gleich Anfang 2022 mit dem neuen Bürgermeister als neuer Landrat Pläne zu entwickeln für einen neuen Diako-Parkplatz.

Landratskandidat Marco Prietz (CDU)

Später am Tag wird das anders gesehen. Detlef Brünger stellt als Geschäftsführer des Agaplesion Diakonieklinikums Rotenburg die hauseigenen Zahlen vor. 180 000 medizinische Fälle pro Jahr, 800 Betten, täglich mehr Notfälle als die Vorzeigeklinik des Landes, die Medizinische Hochschule Hannover. 22 Klinken, 2 350 Mitarbeiter in der Kreisstadt – und natürlich längst auch ein Medizinisches Versorgungszentrum unter dem Agaplesion-Dach zum eigentlichen Klinikbetrieb hinzu. „Wir sind für die Daseinsvorsorge da, nicht um Profit zu machen“, beteuert Brünger, aber natürlich müsse man über Geld reden. Denn auch in Rotenburg gebe es einen massiven Investitionsstau bei dem, was nicht direkt Erträge bringe: Modernisierung der Patientenzimmer oder das Dauerthema der fehlenden Parkflächen. Brünger: „Da hat sich seit Jahren nichts getan.“ Marco Prietz, CDU-Landratskandidat, verspricht umgehend, sich Anfang 2022 mit dem dann auch neuen Bürgermeister in Rotenburg und dem Diako zusammensetzen zu wollen, um Lösungen zu suchen. Viel habe der Landkreis als Anteilseigner in die Ostemed-Kliniken in Bremervörde und Zeven investiert – Rotenburg sei nun auch mal dran. Brünger nimmt das als Ankündigung gerne entgegen und hofft nicht nur als Wahlkampfversprechen auf mehr: Geht es nach den Empfehlungen der Kommission, soll das Diakonieklinikum in Rotenburg nämlich zu den dann sieben Maximalversorgern im Land gehören. Leistungen der noch rund 170 Krankenhäuser des Landes sollen konzentriert und die Kliniken in die drei Stufen Grund-, Schwerpunkt- und Maximalversorger einsortiert werden. Für Rotenburg würde das bedeuten: mehr Leistung, mehr Förderung. Brünger zählt mit seinen Kollegen aus der Geschäftsführung beim Rundgang durchs Haus auf die vor der Landtagswahl 2022 geplante Gesetzesinitiative, weiß aber auch: „Es steht extrem viel drin in dem Papier der Kommission. Gemessen wird aber an den Ergebnissen.“

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