Fünf Winter, 6700 Bäume

BUND nimmt Fällungen unter die Lupe – und ist „entsetzt“

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Der BUND-Kreisverband ist entsetzt. Er kritisiert die zahlreichen Baumfällungen der vergangenen Jahre. Manfred Radtke, Hilde Wirges und Christiane Chromow-Thiart wenden sich daher mit klaren Forderungen an die Politik.

Rotenburg – Manfred Radtke ist in der Stadt Rotenburg, aber auch im gesamten Landkreis für seine akribische Arbeit bekannt, wenn es um Umwelt- und Naturschutz geht. Früher für die Grünen im Rotenburger Stadtrat, seit 2011 als Vorsitzender des BUND-Kreisverbandes.

An diesem Morgen kommt er zusammen mit seiner Stellvertreterin Hilde Wirges und der Beisitzerin Christiane Chromow-Thiart in die Redaktion. Mitgebracht haben sie jede Menge Unterlagen. Die hat Radtke zusammengetragen, nachdem ihm der Landkreis seine Anfrage beantwortet hat, in der es um Baumfällungen an den Kreisstraßen in den vergangenen fünf Winterhalbjahren geht. Das Ergebnis: „Unglaubliche 6700 Bäume sind in diesen fünf Jahren der Säge zum Opfer gefallen. Wir sind entsetzt.“

Was die BUND-Vertreter auch betroffen macht, sei die Tatsache, dass dabei weder das Bundesnaturschutzgesetz noch weitere Regelwerke beachtet wurden, die in diesem Zusammenhang von Bedeutung seien. Unmittelbar nach dem Gespräch mit der Presse hat Radtke deshalb die Vorsitzenden aller Fraktionen und Arbeitsgruppen im Kreistag angeschrieben – mit dem Ziel, die Fällaktionen der Kreisverwaltung zu stoppen. Der BUND-Vorsitzende: „Außerdem sind die in der Vergangenheit unterbliebenen Ersatzpflanzungen in den nächsten Jahren nachzuholen. Erst vor wenigen Tagen haben Wissenschaftler deutlich gemacht, dass eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sind. Und der Landkreis Rotenburg hat nichts Besseres zu tun, als die Lebensräume, die Straßenseitenräume auch darstellen, zu zerstören. Das muss ein Ende haben!”

Immer mehr Beschwerden wegen Baumfällaktionen

In letzter Zeit erreichten den BUND immer mehr Hinweise und Beschwerden von Bürgern, weil an den Kreisstraßen Bäume gefällt werden. Die Nachfragen daraufhin hätten „diese erschreckenden Zahlen ans Licht gebracht“. Das Unverständliche daran aus sich des BUND: Da es nach Auskunft der Verwaltung im gesamten Landkreis keine Unfallschwerpunkte gebe, hätten alle Bäume Bestandsschutz. Darauf habe die niedersächsische Landesregierung im Dezember 2010 hingewiesen. Radtke: „Wenn es einen Unfallschwerpunkt geben würde, müssten vorher sieben Maßnahmen geprüft werden, bevor ein Baum entfernt werden darf.“ Für den Landkreis Rotenburg spiele das entsprechende Regelwerk offensichtlich keine Rolle, meinen Radte, Wirges und Chromow-Thiart. „Was der Landkreis ebenfalls missachtet, ist die Eingriffsregelung des Bundesnaturschutzgesetzes. Danach besteht für ihn die Verpflichtung, jeden gefällten Baum durch einen neuen zu ersetzen – und zwar vorrangig an Ort und Stelle. Tatsächlich ersetzt wurde nur jeder achte.”

Radtke und seine Kolleginnen wenden sich nun also an die Politik. Ihrem Schreiben legen sie „für bevorstehende Diskussionen“ die aus ihrer Sicht wichtigsten Grundlagen bei, „die beim Thema Straßen/Bäume/Unfälle zu beachten sind.“ Von den Fällungen betroffen gewesen seien Pappeln, Kastanien, Linden, Ahorn, Eichen, Birken, Weiden, Kirschen, Äpfel, Kiefern, Akazien, Erlen, Ebereschen, Vogelbeeren und Lärchen. Radtke: „Wir hatten die Kreisverwaltung nach den Vorschriften gefragt, die dort als Grundlage für das Fällen von Bäumen dienen. In der Antwort kommen die aus Sicht des Naturschutzes wesentlichen überhaupt nicht vor.“ Der BUND-Chef spricht vom Bundesnaturschutzgesetz sowie von den „Richtlinien für passiven Schutz an Straßen durch Fahrzeug-Rückhaltesysteme“. Für diesen Fall verlange die Richtlinie zum Beispiel einen größeren Pflanzabstand der Bäume von der Straße und das Aufstellen von Leitplanken. Radtke: „Nach Auskunft der Verwaltung gibt es im (...) Landkreis (...) aber keine einzige Gefahrenstelle! Das bedeutet, dass praktisch alle Bäume an unseren Kreisstraßen einen Bestandsschutz haben!“

Dem BUND sei es ein Rätsel, „warum sich der Landkreis Rotenburg einfach über diese Regelung hinwegsetzt und stattdessen Tausende von Bäumen fällt, obwohl es an den betreffenden Straßenabschnitten keine Unfallhäufigkeit gibt“, so Radtke. Er spricht außerdem von einem Verstoß des Landkreises gegen eine gesetzliche Vorschrift mit Blick auf das Ersetzen gefällter Bäume. Es kann nicht sein, dass der Landkreis Rotenburg bei Planungen von Gemeinden darauf achtet, dass die Eingriffsregelung eingehalten wird, er sich im eigenen Verantwortungsbereich aber über diese Vorschrift weitgehend hinwegsetzt, heißt es in dem Schreiben an die Politik.

Hoher Schaden, fehlender Biotopverbund

Bäume gehören zum Vermögen des Landkreises, sagt der BUND. Nach einer Veröffentlichung aus dem Jahr 2008 habe ein 20 bis 60 Jahre alter Baum einen Wert von 512 Euro. Unterstellt, das in den vergangenen zehn Winterhalbjahren im Landkreis 10.000 Bäume gefällt wurden, hätten diese einen Wert von etwa 5,1 Millionen Euro, rechnet der BUND-Chef Manfred Radtke vor. Hinzu kämen die Kosten für die Ersatzpflanzungen. Nach der damaligen Berechnung lagen diese pro Baum bei 1025 Euro. Radtke spricht von einem „unglaublichen“ Schaden.

Seit Jahren beklage man in Deutschland einen dramatischen Rückgang der biologischen Vielfalt. Angesichts dieser Entwicklung seien gerade die Eigentümer öffentlicher Flächen verpflichtet, etwas dagegen zu unternehmen, findet der BUND. Der Landkreis habe eine Vorbildfunktion für Gemeinden, aber auch für Privatleute. Was mit den Bäumen an Kreisstraßen geschieht, habe nichts mit dem Schutz von Natur und Landschaft zu tun. Es sei aus Sicht des BUND stattdessen die Zerstörung dieser Schutzgüter.

Der BUND fordert vom Kreistag einen Beschluss, um das Tausendfache Abholzen von Bäumen an Kreisstraßen zu beenden.

Die Verwaltung sei darauf hinzuweisen, dass die Eingriffsregelung gemäß Bundesnaturschutzgesetz und die untergesetzlichen Regelungen auch für den Landkreis gelten.

Um ein sinnvolles Biotopsystem zu etablieren, seien an geeigneten Stellen verstärkt Büsche zu pflanzen.

Die Kreispolitiker sollen dafür sorgen, dass in den nächsten Jahren die seit Einführung der Eingriffsregelung gefällten Bäume ersetzt werden.

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