Fünf Millionen für Bohrschlammgruben / Landkreis erwartet erstes Ergebnis

Industrie hilft bei Suche nach Altlasten

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Wie oder ob überhaupt der Boden der alten Bohrschlammgruben auch im Landkreis belastet ist, ist noch unklar.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Mit fünf Millionen Euro beteiligt sich in den kommenden Jahren die Erdöl- und Erdgasindustrie an der Untersuchung ehemaliger Öl- und Bohrschlammgruben. Im November 2014 hatte der NDR mit belasteten Bodenproben auch von der Bohrstelle „Kallmoor Z1“ nördlich von Stemmen die Debatte über verseuchte Bohrschlammgruben in Niedersachsen in Gang gebracht. Wie gefährlich die Verunreinigungen dort sind, hat der Landkreis mittlerweile ermitteln lassen. Das Gutachten wird im Januar vorgestellt.

Mit bis zu 1000 Bohrschlammgruben sei landesweit zu rechnen, hat Gert Engelhardt, Leiter des Amts für Wasserwirtschaft und Straßenbau des Landkreises, vorgerechnet. 8600 Bohrungen nach Erdöl oder Erdgas seien in den Akten verzeichnet. Doch allein die Feststellung, dass es diese Gruben gibt oder gab, sage noch nichts aus. Engelhardt: „Es ist noch völlig unklar, ob an diesen potenziellen Standorten auch Belastungen vorliegen.“

Das wird nun untersucht. Das Land Niedersachsen hat am 18. Dezember die Vereinbarung mit dem Wirtschaftsverband Erdöl und Erdgasgewinnung (WEG) bekannt gegeben. „Ich freue mich, dass es zu solch einer konstruktiven Lösung unter Einbeziehung aller Beteiligten gekommen ist. Damit wird eine effiziente und sachgerechte Altlastenbearbeitung vor Ort unterstützt“, erklärte Almut Kottwitz (Grüne), Staatssekretärin im niedersächsischen Umweltministerium, nach der Vertragsunterzeichnung. Ziel der Untersuchungen sei es, festzustellen, ob von den historischen Bohrschlammgruben Umweltbelastungen ausgehen. „Bereits vor der aktuellen Diskussion und der Unterzeichnung der Vereinbarung wurde Hinweisen auf mögliche Belastungen an Standorten auch Jahrzehnte nach Beendigung des Betriebes nachgegangen. Im Falle vorliegender Gefährdungen wurden die Standorte geräumt oder nachhaltig gesichert“, hieß es von WEG-Hauptgeschäftsführer Christoph Löwer. Nunmehr soll auf Basis der Vereinbarung die Thematik systematisch bearbeitet werden.

Und das auch im Landkreis Rotenburg. „Kallmoor Z1“ ist nur der Anfang. Dort hatte der Landkreis „eine mittlere bis obere vierstellige Summe“, wie es von Kreissprecherin Christine Huchzermeier heißt, investiert, um eine orientierende Untersuchung anzuschieben. Das Ergebnis, das seit Anfang 2015 vorliegt: Eine „akute Gefahr für Leib und Seele“ besteht nicht, so Engelhardt. Bis in eine Tiefe von 5300 Metern wurde von 1960 bis 1962 am Rande des Tister Bauernmoors gebohrt. „Kallmoor Z1“ brachte jedoch keinen Erfolg, es floss kein Öl. 7000 Kubikmeter Bohrgut seien in dieser Zeit in zwei Gruben eingeleitet worden, heißt es in dem Gutachten der Ingenieure und Geologen von „Umtec“ für den Landkreis. Die beiden unbefestigten Gruben hatten demnach eine Tiefe von bis zu 2,5 Metern und eine Größe von 4250 und 3700 Quadratmetern. Die Bohrung selbst wurde noch bis in die 1980er-Jahre hinein als Versenkbohrstelle genutzt, die Schlammgruben wurden zugeschoben. 1984 stufte das Land Niedersachsen die Gesamtanlage als unbedenklich ein und entließ sie aus der Bergaufsicht – die Zuständigkeit ging auf den Landkreis über. Jetzt, 30 Jahre später, muss das Urteil wohl revidiert werden.

Denn trotz einer nicht „akuten Gefahr“ stellten die Gutachter insbesondere für die kleinere der beiden Gruben signifikante Belastungen fest. Eine erhöhte Konzentration von Mineralölkohlenwasserstoffen habe sich in den unter einer 50 Zentimeter hohen Deckschicht abgelagerten Bohrschlammresten ergeben. Zudem wurden in beiden Gruben erhöhte Belastungen mit Benzol, Toluol, Xylol und Ethylbenzol (BTEX) gemessen. Am Standort eines ehemaligen Lagertanks seien darüber hinaus „Auffälligkeiten in Form eines stechenden aromatischen Kohlenwasserstoff-Geruches“ festgestellt worden – möglicherweise Hinweise auf Lösungsmittel. Weitere Verdachtsparameter seien nicht auffällig gewesen.

Mit einer Detailuntersuchung soll nun Klarheit geschaffen werden. „ExxonMobil“ als Rechtsnachfolger der damaligen Betreiber Elwerath trage dafür die Kosten, heißt es aus dem Kreishaus. Huchzermeier: „Der Landkreis Rotenburg geht davon aus, dass das Gutachten für die Detailuntersuchungen im Januar 2016 vorliegen wird.“

Weitere 16 Standorte fallen in den Förderbereich, den das Land und der Wirtschaftsverband aufgestellt haben. Alles Gruben, bei denen die Erdöl- und Erdgasindustrie als sogenannte Verhaltensstörer oder Gesamtrechtsnachfolger ausgemacht sind. Die entsprechenden Standorte liegen im Altkreis in Visselhövede, Stemmen, Rotenburg, Kirchwalsede und Scheeßel. Nicht gefördert werden Untersuchungen dort, wo nur kommunaler Müll abgelagert wurde.

Der Kreis will die Förderung für die Untersuchung der ersten Bohrschlammgruben im Januar beantragen. Ob das Geld für alle Analysen reiche, könne derzeit nicht gesagt werden. Insgesamt bleibt auch mit der Vereinbarung laut Kreissprecherin Huchzermeier vieles ungewiss: „Wann und für wie viele Bohrschlammgruben die Förderung tatsächlich bewilligt wird, hängt davon ab, wie viele Anträge landesweit gestellt werden. Dementsprechend kann zurzeit kein Zeitraum angegeben werden, in dem die Gruben untersucht werden.“

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