Fünf Hektar für gute Ideen

Das Luftbild aus dem Jahr 2015 zeigt das Kerngelände der Werke noch mit dem Bethel-Haus (links, gelb) und der Wäscherei im rechten mittleren Bereich. Diese Gebäude verschwinden beziehungsweise sind schon abgerissen.
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Das Luftbild aus dem Jahr 2015 zeigt das Kerngelände der Werke noch mit dem Bethel-Haus (links, gelb) und der Wäscherei im rechten mittleren Bereich. Diese Gebäude verschwinden beziehungsweise sind schon abgerissen.

Diese Tage gelte gemeinhin als die, an denen man sich was wünschen darf. Wünsche gibt es, was die Rotenburger Stadtentwicklung betrifft, aber schon seit geraumer Zeit viele und mitunter unterschiedliche. Derzeit wird die Aufnahme ins Städtebauförderungsprogramm vorbereitet, um viel Geld aus vielen Töpfen in die Aufwertung mehrerer Quartiere stecken zu können. Eines der spannendsten Projekte ist die Umwandlung des Kerngebiets der Rotenburger Werke.

Rotenburg – Müssen die Mauern eigentlich weg? Rüdiger Wollschlaeger ist sich nicht ganz sicher, er ist ja auch kein Architekt, sondern Archäologe und Kunsthistoriker. Und wenn er aus diesem Blickwinkel das Gemäuer betrachtet, das noch immer weite Teile des alten Kerngebiets der Rotenburger Werke zwischen Lindenstraße, Kirchhof und Soltauer Straße umzieht, muss er eigentlich darauf bestehen, dass es bleibt. Was einst eine „Sonderwelt mitten in der Stadt“, wie es Wollschlaeger als Pressesprecher formuliert, eingrenzte, die „da draußen“ vor den „Insassen beschützen“ sollte, ist historisch „belastet“ – wie so vieles von dem, mit dem sich die Werke in einem mitunter schmerzhaften, aber über die vergangenen Jahre hinweg sehr offenen Prozess auseinandergesetzt haben. Jetzt ist man am Kern angelangt, auf dem Gelände der einstigen Anstalten, wo 1880 alles begann. Es könnte ein Ort werden, wo man nicht nur mit der Vergangenheit aufräumt, sondern Meilensteine für die Zukunft der ganzen Stadt setzt.

5,5 Hektar groß ist das „Innovationsquartier“. So haben die Werke das Projekt genannt und 2021 kurzerhand gleich zum „Innovationsjahr“ ausgerufen. Der Prozess, der dazu geführt hat, zeichnete sich über Jahre ab. Zehn Leitsätze zur Konversion hat die Einrichtung in ihrem Leitbild verankert, und der zentrale für die räumliche Veränderung ist dieser: „Wir wollen Heimstrukturen dort abbauen, wo sie Menschen mit Behinderung in der Entfaltung ihrer Persönlichkeit einschränken.“ Immer mehr Wohngruppen zieht es in die sogenannten normalen Wohngebiete, die Werke expandieren, aber nicht mehr am klassischen Standort. Hier stehen noch die Wohnklötze, „Flickwerk über Jahrzehnte“, das die Fantasie mancher Architekten anregen dürfte, was aber nicht mehr zeitgemäß ist. Wo es Gruppenschlafräume und Keller mit Gittern gab, sind die Anforderungen an eine zeitgemäße Wohngestaltung für Menschen mit besonderen Bedürfnissen kaum umsetzbar. Als der Beschluss stand, das alte Bethel-Wohnhaus abzureißen und mit der Wäscherei ins Gewerbegebiet Hohenesch zu ziehen, war es auch und vor allem Rüdiger Wollschlaeger, der bei der Werke-Chefetage anklopfte: „Jetzt ist die Chance, etwas zu tun. Wir dürfen nicht warten, bis andere über unsere Köpfe hinweg entscheiden.“ Das „Tafelsilber“ der Rotenburger Werke soll nicht verramscht werden.

Das Stammhaus an der Bergstraße und die denkmalgeschützen Häuser am „Grünen Tor“ werden bleiben, versichert der 60-jährige Wollschlaeger, der seit 35 Jahren für die Werke arbeitet. Aber alles andere „steht zur Disposition“. Natürlich muss man beim Entwicklungsprozess besondere Rücksicht auf die hier weiter lebenden Menschen nehmen, noch gut 200. Dazu gibt es Tagesförderstätten, Sozialbereiche, Wirtschaftsgebäude wie die Zentralküche und das Heizwerk. Das muss und soll nicht alles weg, aber es soll eingebunden werden in ein neues Wohn- und Arbeitsquartier, über dessen Gestaltung sich in den kommenden Jahren viele Menschen viele Gedanken machen sollen.

Da kommt es den Ideengebern aus den Werken sehr gelegen, dass man nicht nur an der Lindenstraße, sondern in der ganzen Kreisstadt derzeit intensiv diskutiert, wie sich Rotenburg entwickeln soll. Gut 25 Jahre nach dem letzten großen Umbau der Innenstadt mit dem Kerngebiet der Fußgängerzonen hofft die Stadt auf die Aufnahme in das Städtebauförderungsprogramm von Bund, Ländern und Gemeinden. Investitionen in Höhe von 45 Millionen Euro sind das Ziel. Die Innenstadt mit den Niederungen von Wümme und Wiedau/Rodau und insbesondere die Rotenburger „Problembezirke“ im Bereich Auf dem Loh/Berliner Ring sollen aufgewertet werden. Im laufenden Prozess haben die Werke dann lautstark Interesse bekundet: „Die hatten uns erst gar nicht auf dem Zettel“, sagt Wollschlaeger. „Dabei wollen wir doch dazugehören.“ Und so ist die Innenstadt-Konzeption der beauftragten Planungsbüros um die „Potenzialfläche Alte Anstalt“ erweitert worden. Das „Innovationsquartier“, so die Hoffnung, soll bei allen Maßnahmen bereits mitgedacht werden. Allerdings tauchen in den Konzepten zur Beantragung der Städtebauförderung bezüglich der Werke keine Zahlen auf – es geht schließlich um eine private Finanzierung. Dass die Interessenten aus der Unternehmerschaft jedoch nicht lange auf sich warten lassen dürften, ist klar. Zu attraktiv ist das Gebiet mitten in der Stadt mit seinen Grünflächen und Möglichkeiten der Nutzung. Wollschlaeger: „Ein Filetstück.“

Doch was kommt nun, was wird aus dem „Innovationsquartier“? „Ein Gewerbegebiet oder ein Tierpark wird es nicht“, verspricht Wollschlaeger schmunzelnd. Wobei: „Ein Park schon.“ Natürlich gehe es darum, einen „attraktiven Stadtteil“ zu schaffen, einen Ort, der nicht für eine bestimmte soziale Gruppe reserviert ist, sondern für alle. Wo man lebt, arbeitet, sich begegnet. Wo Menschen nicht mehr ausgegrenzt werden, sondern miteinander leben. Zehn bis 20 Jahre, schätzt Wollschlaeger, werde der Prozess dauern. Und am Ende könnte sogar Mauern stehen bleiben – nur nicht mehr in den Köpfen.

Mitsprechen

Wer Interesse am Projekt hat oder an Ideen mitarbeiten will, kann sich an innovationsquartier@rotenburgerwerke.de wenden.

Rüdiger Wollschlaeger vor der sogenannten Quartierswiese im Kern des Altgeländes der Werke. Hier wurde mit dem Abriss des Bethel-Hauses bereits ein Ort für Veranstaltungen aller Art geschaffen.

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