„Er war dem Führer treu“

Debatte um Kasernennamen: Michael Quelle über Studien zum Leben Helmut Lents

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Seit 1964 trägt der Bundeswehrstandort in Rotenburg den Namen Lent-Kaserne. 

Rotenburg - Von Michael Krüger. Der seit nunmehr vier Jahren intensiv geführten Debatte um eine mögliche Umbenennung der Lent-Kaserne fügt Michael Quelle neue Kapitel hinzu. Der 64-Jährige aus Stade hat im Auftrag des „Unabhängigen Rotenburger Bündnisses aller Parteien, Verbände und Bürger zur Umbenennung der Lent-Kaserne“ um den Sprecher des Ortsverbandes der Grünen, Marc Andreßen, recherchiert. Und er ist sich sicher: „Der Name ist nicht mehr haltbar.“

Es ist ein politischer, mitunter sogar ideologischer Streit in der Kreisstadt: Im November 2013 hatte das Bundesverteidigungsministerium gerügt, dass die Benennung nach Helmut Lent den „Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege in der Bundeswehr“ nicht mehr entspricht. Seit 1964 trägt der Bundeswehrstandort den Namen. Doch die Sicht auf den erfolgreichen Nachtjäger-Piloten der Luftwaffe, der 1944 auf einem Flug nach Paderborn ums Leben kam, änderte sich. Es ergaben sich Ungereimtheiten, was Lents Verhältnis zum Nationalsozialismus betrifft, auch wurden Zweifel an der grundsätzlichen Vorbildfunktion eines Kampfpiloten deutlich. Das Ministerium regte einen „Meinungsbildungsprozess vor Ort“ an, wollte auch die Soldaten einbinden. Vier Jahre und eine Bundesregierung weiter wurden zwar viele Meinungen geäußert, entschieden ist aber bis heute nichts.

Der Rotenburger Stadtrat, der Kreistag und die rund 1000 Soldaten in der Kaserne haben sich für die Beibehaltung des Namens ausgesprochen. Eine Gruppe um den Rotenburger Ehrenbürger Friedrich Kuhle und den ehemaligen Stadtdirektor Ernst-Ulrich Pfeifer verfasste im Oktober 2015 einen flammenden Appell für Lent. Demgegenüber steht eine politisch von den Linken getriebene Seite. Deren Sprecher Jochen Richert hatte angesichts der Empfehlungen des Stadtrats zuletzt gar von einem „braunen Sumpf“ in der Kreisstadt gesprochen. Michael Quelle möchte dieser hitzigen Debatte Fakten gegenüberstellen. Denn, da ist sich der Heilerziehungspfleger mit historischem Interesse sicher: Die frei zugänglichen Dokumente über Lent hat noch niemand wirklich analysiert.

Michael Quelle hat viel Material zum Leben und Wirken Lents gesammelt. 

Quelle hat insbesondere aus dem sogenannten Erinnerungsbuch der Familie bislang weitgehend unbekanntes Material zutage befördert. Der englische Autor Peter Hinchliffe hat große Teile daraus, laut Quelle „verherrlichend“, im Buch „The Lent Papers“ übernommen. Drei oder vier Exemplare gibt es noch von dem Erinnerungsbuch, das Lents Ehefrau Helene verfasst hat. Eines ist im Niedersächsischen Staatsarchiv in Stade zu finden. Vor allem die beiden Briefe, die Lent an Wehrmachtskommandeure geschrieben hat, verdeutlichen laut Quelle die Gesinnung Lents. So heißt es im August 1944: „Die wirksamste Belehrung ist selbstverständlich eine Fahrt durch die zerstörten Städte. Die Besatzung, die dann noch nicht weiß, was sie zu tun hat, ist feige und muss ausgerottet werden.“ Und: „Für uns bleibt als logischer Schluss nur die eine Antwort, dass wir in leidenschaftlicher und fanatischer Weise bis zum letzten Blutstropfen kämpfen.“ 

Quelle schließt sich der Aussage des damaligen Leiters des Staatsarchivs Jürgen Bohmbach von 2004 an: Das Erinnerungsbuch spiegelt „ungebrochen Führergläubigkeit und Verabsolutierung des Militärischen, des Kampfes“ wider. Vieles von dem, was Lent als Christen darstelle und ihn sogar in die Nähe des Widerstands rücke, sei „Legendbildung“. Insbesondere in seiner letzten Lebensphase vor dem Absturz 1944 sei Lent „fanatisiert“. Quelle: „Ich habe keinen Beleg gefunden, dass er dem Nationalsozialismus kritisch gegenüber stand.“ Auch wenn er den Begriff „Nazi“ nicht gebrauche, so sage er doch, dass Lent „fest auf dem Boden der nationalsozialistischen Weltanschauung“ gestanden hat. „Ich würde ihn als Führer-treu bezeichnen.“ Die Empfehlungen der Politik und der Soldaten für die Beibehaltung des Namens fußten weitgehend auf fehlenden oder fehlerhaften Informationen, sagt er.

Politisches Engagement ist Futter für die Kritiker

Dass es der in Stade lebende Quelle mit der historischen Aufarbeitung schwieriger Themen ernst nimmt, ist in Rotenburg bekannt – allerdings ist sein politisches Engagement Futter für die Kritiker. Quelle hatte 1986 seine Staatsexamensarbeit in der Kreisstadt lebend über die Rotenburger Anstalten in der Zeit des Nationalsozialismus geschrieben, Anfang der 90er-Jahre gehörte er zum Redaktionsteam, das darauf aufbauend die Schrift „Zuflucht unter dem Schatten deiner Flügel?“ über die Verschleppungen und die Morde an den Bewohnern der damaligen Anstalten verfasst hat. Zuletzt hat er an einer Datenbank über die Deportationen gearbeitet. Quelle saß aber auch von 1989 bis 1991 für die Deutsche Kommunistische Partei im Rotenburger Stadtrat, 2013 hatte er sich in Stade als Direktkandidat der Linken für die Bundestagswahl aufstellen lassen. Dass er damit Angriffsfläche bietet, ist ihm klar. Deswegen betont er auch, dass andere in der Sache Lent entscheiden müssten. „Ich recherchiere nur und bringe etwas in Erfahrung.“ 

Diese Erkenntnisse, so heißt es in einem Schreiben vom Verteidigungsministerium, würden „in die Überlegungen und Überprüfungen einbezogen“. Doch das kann noch dauern, das war schon vor der aktuell offenen Koalitionsfrage in Berlin klar. Im September hieß es: „Ein Ergebnis des Meinungsbildungsprozesses am Standort Rotenburg liegt bisher nicht vor. In der Zwischenzeit gefasste Beschlüsse der Kommune sind bekannt, stellen aber nicht den Abschluss des Prozesses dar.“

Über „Helmut Lent – Mythen und Fakten“ informieren Quelle und Marc Andreßen am 30. November bei einer Diskussion im Rotenburger Rathaus. Los geht es um 19 Uhr im Sitzungssaal vier.

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