Freundschaft trotzt Grenzen

Brexit betrifft Landkreis „vergleichsweise wenig“

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Gerd Hachmöller ist Euro-Skeptiker und Anhänger eines vereinten Europas.

„Der Brexit ist ein historischer Fehler der Briten. Aber die Wirtschaft in unserem Landkreis wird er vergleichsweise wenig betreffen“, sagt Gerd Hachmöller. Der Leiter der Stabsstelle Kreisentwicklung im Rotenburger Kreishaus blickt mit ebenso großem Interesse wie Unbehagen in Richtung Großbritannien. Der Euro-Experte erwartet für einige Wirtschaftszweige große Probleme durch den Brexit.

Rotenburg – Wenn sie es denn wenigstens schon wüssten. Doch in der Woche vor dem eigentlichen Brexit-Termin hat Großbritanniens Premierministerin Theresa May trotz möglicher Aufschubtermine genauso wenig einen Plan, wie ihre Nation aus der EU aussteigen kann, wie das Land eine Vorstellung davon, was das für Folgen hat. Mit dem Blick aus der Ferne bleiben auch für Gerd Hachmöller viele Fragezeichen. Aber der 46-Jährige hat wenigstens einige klare Antworten, was die Situation in dem Land betrifft, mit dem ihn eine lange Freundschaft verbindet, beruflich wie privat – auch wenn er sich sträubt, als „Experte“ bezeichnet zu werden.

Vor seiner Zeit im Rotenburger Kreishaus, zunächst als Wirtschaftsförderer, jetzt als Leiter der Stabsstelle Kreisentwicklung, hat Hachmöller für sich inhaltlich das verknüpft, was wieder hoheitlich getrennt werden soll. Sein Studium der Wirtschaftsgeografie hat ihn über ein Stipendium an die renommierte „London School of Economics“ geführt, seine Diplomarbeit über regionale Aspekte der Euro-Einführung bereitete er an der Generaldirektion Wirtschaft und Finanzen der EU-Kommission vor. Seine Erkenntnisse damals, die er heute bestätigt sieht: Die einheitliche Währung in einem derart großen und unterschiedlich ausgeprägten Wirtschaftsraum wie der EU ist ein Fehler – insbesondere aus deutscher Sicht.

„Es war eine kluge Entscheidung der Briten, den Euro nicht einzuführen“, betont Hachmöller in seinem Büro im Kreishaus. Dort hat er kleine Fähnchen platziert: Europa, Deutschland und Großbritannien. Denn auch wenn er ein Euro-Skeptiker ist, Europa sei nicht diskutabel, untermauert er. „Natürlich gibt es Fehlentwicklungen“, sagt er, seine Kollegen in vielen Bereichen der Kreisverwaltung erlebten das Tag für Tag. Von Lobbyisten getriebene Vorschriften und Regeln „nerven, erzeugen viel Arbeit und Unverständnis“, das „Bürokratie-Monster“ der EU zeige sich an vielen Stellen. „Aber wenn das der Preis ist, überwiegen die Vorteile der EU deutlich“, so Hachmöller. „Für Freihandel, Frieden und Völkerverständigung kann man den Preis mancher Fehlentwicklung in Kauf nehmen.“

„Rotenburg ist nicht Baden-Württemberg“

Die Folgen eines Brexits beurteilt der Stabstellenleiter für den Landkreis Rotenburg als überschaubar. „Rotenburg ist nicht Wolfsburg oder Baden-Württemberg“, sagt er und verweist auf die Wirtschaftsstruktur der Region, die vor allem auf dem Gesundheits- und Sozialbereich sowie der öffentlichen Verwaltung basiert. Das verarbeitende und produzierende Gewerbe nehme keine so zentrale Rolle ein – dort müsse man sich künftig mit Zollfragen beschäftigen. Die Wirtschaftsförderung des Landkreises habe aber bislang keine einzige Anfrage erreicht, welche Folgen der Brexit haben könnte. Für die britische Wirtschaft selbst wiederum ergäben sich natürlich immense Folgen. „Da sieht es düster aus“, befürchtet er.

Für die Sehnsucht der Briten nach Eigenständigkeit zählt Hachmöller vor allem drei Gründe auf. Zum Ersten habe die dortige Politik über Jahre Fehlentwicklungen im eigenen Land der EU angelastet. Stets wurde Brüssel als Sündenbock herausgestellt. „Wenn man das über Jahrzehnte macht, bleibt etwas hängen“, sagt Hachmöller. Zudem herrsche im Volk große „Nostalgie“, wie er glaubt: der Wunsch, zurück zum alten Glanz des Empires zu finden. Und schließlich habe ein bewusst gesteuerter, manipulativer Wahlkampf in den sozialen Netzwerken, vor allem auf Facebook, bei der Brexit-Abstimmung für die nötige und letztlich sehr knappe Mehrheit gesorgt.

Als einen Schlussstrich will Hachmöller den EU-Austritt der Briten aber nicht sehen – nicht wirtschaftlich, und schon gar nicht auf menschlicher Ebene. Seit 1968 unterhält der Landkreis eine Partnerschaft zur Hafenstadt Falmouth an der Südküste der Grafschaft Cornwall. Die werde weiterhin mit Leben gefüllt. „Egal, wie man zur EU steht, so weiß man über diesen direkten Kontakt doch, dass auch dort nette Leute leben“, betont Hachmöller den Aspekt, der über alle möglichen wiederaufgebauten Grenzen doch Bestand haben wird: Völkerverständigung.

Am 23. Mai, drei Tage vor der Europawahl, kommt die nächste Delegation aus der britischen Partnerstadt in den Kreis. „An der freundschaftlichen Verbindung wird sich trotz des Brexits nichts ändern – aber die Reiseformalitäten“, sagt Hachmöller und lacht.

Briten im Landkreis - Antrag auf Aufenthaltserlaubnis

126 Menschen mit britischer Staatsangehörigkeit leben derzeit im Landkreis. Alle haben vor einigen Tagen Post von der Ausländerbehörde bekommen. Im Brief heißt es, dass der bevorstehende Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union „für Sie als britische Staatsangehörige und gegebenenfalls für Ihre Familienangehörigen unmittelbare Folgen haben“ wird. Bis zum 30. Juni sollen alle sich im Bundesgebiet aufhältigen britischen Staatsangehörigen einen Antrag auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis stellen. Die Zahl derer, die noch größere Probleme für das Leben hier befürchtet, scheint unter den Briten zu steigen. Die Einbürgerungszahlen sind in den vergangenen Jahren gestiegen: War es in den Jahren 2008 bis 2015 maximal ein Brite pro Jahr, der Deutscher werden wollte, stieg die Zahl 2016 auf drei, 2017 auf neun und 2018 auf vier.

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