Stefanie und Benjamin wollen Schulbus zum rollstuhlgerechten Wohnmobil umbauen

„Freunde sagen, wir sind irre“

Stefanie Hoyer und Benjamin Hermann möchten reisen und brauchen dafür ein geeignetes Gefährt.

Gyhum - Von Sophie Stange. Es ist ihr größter Wunsch: Mit einem quietschgelben amerikanischen Schulbus möchten Stefanie Hoyer und Benjamin Hermann Europa erkunden. Doch bevor sie mit ihrer Tour starten können, wartet noch eine Menge Arbeit auf das Paar, das in Gyhum lebt. Es will den Bus rollstuhlgerecht umbauen und in ein Wohnmobil verwandeln.

Einfach spontan in den nächsten Flieger steigen und die Welt erkunden, ist für Hoyer und Hermann, die gebürtig aus Mecklenburg-Vorpommern stammen, so gut wie unmöglich. Hoyer sitzt seit ihrem 15. Lebensjahr im Rollstuhl. Mit Freunden war sie damals auf dem Rückweg von einer Diskothek. Nach einem Überholmanöver verlor der Fahrer in einer Kurve die Kontrolle über den Wagen und krachte gegen einen Baum. Durch den Autounfall wurde sie querschnittsgelähmt und sitzt seither sitzt im Rollstuhl.

„Mit einem Bus sind wir unabhängiger“

Mit ihrem Schicksal hat die heute 38-Jährige zu leben gelernt. Mit ihrem Freund wollte sie in diesem Jahr eigentlich nach Miami fliegen. „Es ist aber so kompliziert. Wir haben nicht viel gefunden, was rollstuhlgerecht ist. Und wenn, dann ist es sehr teuer“, erklärt Benjamin Hermann.

„Mit einem Bus sind wir unabhängiger“, wirft Hoyer ein. Je häufiger sie darüber nachgedacht haben, desto begeisterter waren die beiden von der Idee. Erst dachten sie an ein barrierefreies Wohnmobil. „Die sind aber sehr teuer, auch gebraucht“, sagt sie. Als nächstes kam dem Paar ein Fernbus in den Sinn. Doch auch hier gab es einige Hürden: „Ein Fernbus hat in der Mitte einen Gang, der niedriger ist, als die Podeste, auf denen die Sitze befestigt sind. Die Toiletten und Einstiege sind zudem nur durch Stufen erreichbar“, erklärt Hermann. Außerdem fehle ein spezielles Hydrauliksystem, um den Einstieg mit dem Rollstuhl zu ermöglichen. Von der hohen Kilometerzahl mal ganz abgesehen.

Import aus Amerika

Bei ihrer Recherche ist das Paar dann aber auf einen amerikanischen Schulbus aufmerksam geworden, der neben einem benötigten Automatikgetriebe und Allrad auch einen sogenannten „Wheelchair Lifter“ besitzt, also einen Lift, mit dem Rollstuhlfahrer eigenständig oder mit Hilfe in den Bus kommen können. „Doch in Deutschland gab es keinen zu kaufen“, sagt Hermann. Ihre einzige Möglichkeit – den Schulbus aus Amerika zu importieren.

„Wir stießen im Internet auf Wolfgang Wilbois, der das Thema Kauf und Import gerade hinter sich hat und nun vor dem Umbau steht“, erzählen die beiden. Und so nahmen sie erst einmal Kontakt zu ihm auf. Er gab ihnen den Tipp, Geld in die Hand zu nehmen, um eine Importfirma zu beauftragen, um sich so vor Betrügern zu schützen.

Viele Höhen und Tiefen

Gesagt, getan: „Im Mai 2017 haben wir angefangen, einen Plan zu schmieden. Wir haben seither Höhen und Tiefen erlebt. Erst ist der Fahrzeugbrief verloren gegangen, dann mussten wir warten, bis ein neuer Fahrzeugbrief beantragt wurde, dann war der alte Fahrzeugbrief doch wieder auffindbar und nun ist an der Ostküste Winterchaos“, erzählt Hoyer. Jeden Tag wartet das Paar nun auf einen Anruf der Importfirma und das „Go“, dass der Bus den Weg nach Gyhum findet. Denn es gibt noch viel zu tun, bevor die erste Tour starten kann. „Wir wollen den Umbau komplett alleine machen. Auf dem Dach soll es eine Solaranlage geben, im Inneren eine Küchenzeile, eine Toilette, einen Schrank und ein Bett sowie eine Fußbodenheizung“, erklärt Benni das Vorhaben. „Unsere Freunde sagen, wir sind irre, dass wir das wirklich durchziehen wollen“, sagt Hoyer.

„Mein Rolli heißt Renate“

Ihrem Projekt haben sie auch einen Namen gegeben – „Renateschoolbus“. Der Name kommt nicht von ungefähr: „Mein Rolli heißt Renate. Der Name ist schon sehr früh entstanden, als ich mit Freunden im Auto saß. Irgendwann fragte mal jemand, was das neben ihm sei. Dann meinte ein anderer, das ist Renate. Seither heißt jeder neue Rolli Renate.“

Damit dem Bus-Umbau jedoch nichts im Wege steht, suchen sie derzeit nach einem Stellplatz, der groß genug ist, um dort auch zu schrauben. „Einen Stellplatz in der Nähe zu finden, ist nicht einfach. Wir suchen eine Unterstellung, die etwa 100 Quadratmeter groß ist. Der Bus ist zwölf Meter lang, die Halle sollte ungefähr 14 Meter lang sein. Uns sind auch eine Deckenhöhe von 3,5 Metern wichtig und ein Stromanschluss“, sagt der 27-Jährige. „Der Platz soll als dauerhafte Unterstellung dienen“, ergänzt Hoyer. Um den Bus mit einem Gewicht von siebeneinhalb Tonnen überhaupt bewegen zu können, ist ein Lkw-Führerschein notwendig. „Meine Firma hat mich dabei unterstützt, den Führerschein zu machen. Das ist einfach klasse“, sagt Hermann. Irgendwann planen die beiden den Bus so umzubauen, dass auch Hoyer ihn fahren kann. „Das machen wir aber nur, wenn wir noch Geld übrig haben“, sagt sie. Wohin ihre erste Tour mit dem quietschgelben Schulbus gehen soll, wissen die beiden auch schon: „Wir wollen nach Norwegen fahren.“ 

ZZ

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