Serie „Corona und die Folgen“

Freikichen unter Generalverdacht

Harald Köchling
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Harald Köchling ist Pastor der Freien evangelischen Gemeinde Rotenburg.

Freikirchen sind wegen mehrerer Corona-Cluster in der Pandemie grundsätzlich in die Kritik geraten. Die Rotenburger FEG findet das „enttäuschend“ - und möchte Vorbild sein.

Rotenburg – Warum dürfen Kirchen das, was für alle anderen verboten ist? Diese Frage begleitet Harald Köchling im Grunde schon seit den ersten Tagen, die er in Rotenburg verbracht hat. Am 1. August 2019 tritt er seinen Dienst als Pastor in der Freien evangelischen Gemeinde Rotenburg (FEG) an, die ersten Wochen verbringt er vor allem damit, die rund 100 Gemeindemitglieder und deren Familien kennezulernen. Auch Antrittsbesuche beim Bürgermeister und bei den Kollegen der anderen Kirchen Rotenburgs stehen an. Aber: „Ich habe es gar nicht geschafft, alle zu begrüßen.“ Anfang 2020 wird auch in der Region Corona ein Thema, ab März pausiert das Gemeindeleben der FEG komplett.

Lockdown.

Eineinhalb Jahre später ist man zwar auf einem guten Weg, der Landkreis Rotenburg immer noch vergleichsweise glimpflich davongekommen, aber natürlich ist alles anders als vorher. Gottesdienste mit Masken, Sitzgruppen und Abstand zueinander sind Alltag geworden, Gemeindefeste unter freiem Himmel keine Ausnahmen mehr, sondern Corona-Praxis. Und wenn es die Lage erfordert, schließen sich die Türen wieder – wie nach dem Appell der Bundeskanzlerin zuletzt an Ostern noch einmal. „Wir machen alles mit Augenmaß, und dann noch lieber eine Nummer vorsichtiger“, sagt der aus Nordhessen stammende Köchling, der mit seiner Frau und dem jüngsten von drei Söhnen nach Rotenburg gekommen ist – die älteren studieren. Er ist froh, halbwegs wieder etwas wie Gemeindenormalität stattfinden lassen zu können, aber hinter ihm liegen wie für viele gesellschaftliche Bereiche schwere Monate. Dabei gab es für Kirchen immer gesetzliche Möglichkeiten, doch etwas machen zu können – unter gewissen Regeln. Nicht nur das, sondern insbesondere die dann folgenden Meldungen über Ansteckungen in Kirchen haben zu kontroversen Diskussionen geführt. „Wir sind als Freikirchen in diesem Zusammenhang in den Blick der Öffentlichkeit geraten“, sagt der 56-Jährige. Zu Recht?

In Kirchtimke und Sottrum gab es 2020 sogenannte Corona-Cluster nach Zusammenkünften in Freikirchen, und dann folgte Ähnliches im Mai in Rotenburg. Von offizieller Seite hieß es damals, es handele sich um ein Cluster in einer „freikirchlichen Gemeinde“. Weitere Angaben von den Behörden gab es nicht. Das sorgte natürlich für Gerüchte. Die FEG hatte damals wie die anderen in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) kooperierenden Gemeinden mehrfach betont, sich an die klaren Vorgaben der Landeskirchen zu halten und sich nicht zu verstecken. Aber: Die Freikirchen gerieten unter einen gewissen Generalverdacht, der sich weiter halte. Das führt laut Köchling bis heute dazu, dass Gemeindemitglieder auch in der Öffentlichkeit recht grob angegangen werden. „Unser verantwortungsvolle Handeln hat nichts genutzt.“ Beschimpft werde man auch als Coronaleugner oder Impfgegner – dabei habe seine Gemeinde eine vermutlich deutlich höhere Impfquote als viele andere, sagt Köchling. Eine Rolle spiele dabei, dass viele ältere Menschen die Angebote der FEG nutzen, starken Zulauf erhalte man zudem über ausländische Mitarbeiter des Diakos, die in der Regel ebenfalls geimpft seien. In Gemeindebriefen oder Online-Predigten habe sich Köchling auch immer wieder mit dem Thema Corona auseinandergesetzt, um der Gemeinde klarzumachen, dass die Maßnahmen dem Schutz aller dienten. Aber eben auch, um mitzuteilen: „Die Welt geht nicht unter.“

FEG packt „Pakete fürs Leben“ für Hilfsbedürftige in Bulgarien

Die Freie evangelische Gemeinde Rotenburg (FEG) will mit „Paketen zum Leben“ erneut notleidenden Menschen in Bulgarien helfen. Am Samstag, 16. Oktober, läuft die nächste Aktion. Von 10 bis 13 können an der Packstation der FEG (Bergstraße 3) Geld- und Sachspenden wie Inkontinenzmaterial und gut erhaltene Sachspenden abgegeben werden. Zudem steht die Woche über im E-Center an der Harburger Straße eine Spendenbox. Ein „Paket zum Leben“ im Wert von rund zehn Euro enthält den Angaben nach Grundnahrungsmittel nach einer festen Vorgabe. Für viele Empfänger sei die Überlebenspakete „das seltene Geschenk, sich sattessen zu können“, so die FEG. Adressaten der Pakete seien in Bulgarien vor allem Rentner, Arbeitslose, Romafamilien, Witwen und Waisen. Weitere Infos zu der Aktion und Möglichkeiten der Hilfe bei Annette Strahlheim unter 04261 / 83825 oder 01590 / 1457056.

Relativ schnell habe sich nach dem Freikirchen-Cluster in Rotenburg herausgestellt, um welche Gemeinde es sich handelte, betont Köchling. Gespräche mit den dort Verantwortlichen habe er aber nicht geführt. Man bleibe dort lieber unter sich, beteilige sich nicht an Kooperationen und halte wohl auch nicht viel von staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Kreissprecherin Christine Huchzermeier hatte im Mai mitgeteilt: „Die Kooperationsbedingungen mit der betroffenen Gemeinde sind schwierig und erfordern erheblichen Nachdruck seitens des Gesundheitsamtes. Es erfolgt eine Quarantäneüberwachung durch einen Sicherheitsdienst.“

Statt mit dem Finger auf andere zu zeigen, hofft Köchling für die FEG aber, mit gutem Beispiel vorangehen zu können – und so der Kritik an Freikirchen in der Coronazeit begegnen zu können. Auch wenn die Pauschalisierung für ihn „enttäuschend“ gewesen sei, müsse man nach vorne blicken. Und da könne die Pandemie auch für die um Mitglieder ringenden Gemeinden ein Innovationsmotor sein. In der FEG habe man schon früh mit der Liveübertragung von Gottesdiensten im Netz begonnen, die „für Schichtdienstler und Langschläfer“ eine gute Alternative zum Besuch vor Ort seien. Zudem konnten Ehrenamtliche die Zwangsauszeit nutzen, sich neu auf die Aufgaben vorzubereiten. Und der immer noch neue Pastor selbst hofft, dass durch die Pandemie wieder geschätzt wird, was der Abstand verbot: nah am Menschen sein.

Die neue Serie

Die Pandemie hat in ganz verschiedenen Bereichen der Gesellschaft Spuren hinterlassen und zu Veränderungen geführt. Mit dieser Serie sammeln wir die Geschichten von Menschen, Vereinen, Organisationen und Unternehmen, für die durch Corona kaum noch etwas ist wie vorher. Haben Sie Vorschläge, worüber wir berichten sollten? Schreiben Sie uns an redaktion.rotenburg@kreiszeitung.de oder rufen Sie uns an!

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