Freiheitsstatue auf dem Schreibtisch

Bundestagswahl: FDP-Kandidat Alexander Künzle hofft auf mehr Mut in der Politik

Das Rotenburger Amtsgericht ist für Alexander Künzle ein wichtiger Ort.
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Das Rotenburger Amtsgericht ist für Alexander Künzle ein wichtiger Ort.

Rotenburg – Nach seinem Lieblingsort in Rotenburg gefragt, weiß Rechtsanwalt Alexander Künzle sofort eine Antwort: Der FDP-Bundestagskandidat wählt das Amtsgericht. Zum Gespräch geht es aber zum nächsten Lieblingsort, einer Eisdiele. Allerdings gibt es Espresso und Wasser. Kein Eis? Nein, winkt Künzle ab – Wahlkampf geht auf die Hüften. Aber nicht durch Bratwurst, Kuchen und Co. bei Veranstaltungen. Auf dem Rückweg kommt oft der Hunger. Und spätabends gesund kochen? Da ist es schnell mal die Fast-Food-Kette, gibt er zu.

Für Künzle ist der Treffpunkt naheliegend: „Für mich ist das Amtsgericht ein wichtiger Ort. Zum einen ist es mein Arbeitsplatz. Zum anderen haben wir in der Pandemie erlebt, wie schnell Bürgerrechte und andere Dinge verschwinden können.“ Es ist ein Thema, über das er viel reden kann. Vieles habe nicht richtig funktioniert, die Justiz hingegen schon, findet er lobende Worte. „Sie hat viele Entscheidungen der Politik korrigiert. Ich bin stolz, dass sie Kante gezeigt und gesagt hat, wenn Einschränkungen zu weit gingen.“

In Rotenburg geboren und aufgewachsen, zog Künzle zeitweise weg, kehrte aber vor zweieinhalb Jahren zurück. Seine Kanzlei hat zwei Standorte, ein weiterer ist in Rostock. Wenn er mit dem Auto pendelt, hört er Podcasts vor allem zum Thema E-Gaming. Schon in Mecklenburg-Vorpommern war er viel für die FDP unterwegs. Der Weg seiner Partei, die lange bundesweit in einem Tief war, zurück auf die große Bühne sei harte Arbeit gewesen. „Ich bin rumgelaufen und habe für die Landtagswahl Unterschriften gesammelt“, erinnert er sich an seine Zeit als Landesvorsitzender der Jungen Liberalen.

Politik-Neuling ist Künzle also nicht, aber für den Bundestag kandidiert er zum ersten Mal. Er möchte nach Berlin, etwas bewegen. Doch der Treffpunkt zeigt, wie wichtig ihm Bodenhaftung ist. „Ein paar Mandate würde ich weiterführen – auch, um den Kontakt zur Realität nicht zu verlieren.“ Der 36-Jährige sieht keine Kollision, sollte er das Direktmandat bekommen. „Als Selbstständiger bin ich flexibel. Dennoch wird es eine Herausforderung“, gibt Künzle zu, der sich mit Strafrecht, IT- und Datenschutzrecht befasst. „Aber wenn ich einziehe, hat das meine volle Aufmerksamkeit.“

In den Bundestag möchte der 36-Jährige mit Listenplatz 23 aus einem schlichten Grund, den viele erstmal nennen: „Weil ich Dinge verändern möchte.“ Bislang ging das Direktmandat an SPD- und CDU-Kandidaten. „Aber deswegen werfe ich nicht die Flinte ins Korn“, sagt Künzle. „Ich denke, dass in den vergangenen Jahren viel schief gelaufen ist – gerade auch für die jüngere Generation.“ Er will sie repräsentieren, sich für Bürgerrechte einsetzen. Da ist es wieder, sein Thema. „Aus meiner Sicht dürfen Einschränkungen nur stattfinden, wenn sie wirklich etwas nützen“, spielt er erneut auf die Pandemie an. „Enorm wichtig“ sind ihm auch Außen- und Sicherheitspolitik. Aktuelles Beispiel, mit dem er hadert: die Genehmigung und der Bau von „Nord Stream 2“. „Außenpolitik wird als Wirtschaftshilfe betrieben, man öffnet Türen für Unternehmen. Ich möchte, dass man Türen für Menschenrechte öffnet. Da muss ein Umdenken stattfinden.“

Lebenslanges Lernen. Das ist wichtig.

Alexander Künzle

Und wer im Flächenlandkreis lebt, für den ist – na, klar – auch das Leben auf dem Land Thema. „Ich möchte nicht, dass junge Menschen, die hier leben wollen, wegen eines Jobs wegziehen müssen.“ Wie zuletzt in der Pandemie gesehen, gebe es Möglichkeiten. Dafür müssten weitere Voraussetzungen, vor allem in der digitalen Infrastruktur, geschaffen werden. Deutschland sollte generell mutiger werden, findet er. Das könne im Kleinen anfangen, bei der Verwaltung etwa. „Wir hängen noch stark an Methoden aus dem 19. Jahrhundert.“ Er denkt an Digitalisierung, mehr übergreifende Behördenarbeit. Aber auch an Steuern, Wirtschaftspolitik, den Arbeitsmarkt: „Wir müssen freier und kreativer werden.“ Auch bei Klimawandel und Rente, „gerade für meine Generation zwei unfassbar wichtige Themen. Da werden wir uns anstrengen müssen“.

Er wünscht sich eine Anpassung der Arbeitswelt: „Wir haben ein zu starres Korsett.“ Das aufzuweichen, passt zu ihm. Auch Künzle passt nicht in eine feste Form. Er erfüllt zwar ein typisches Klischee als Anwalt, wie er selbst lachend anmerkt, denn er golft, aber mit einem Handicap von -54. „Ich bin noch nicht dazu gekommen, ein Turnier zu spielen.“ Das macht nichts, es ist ein Sport mit Chancengleichheit – die Künzle schätzt, weswegen er sich auch vom Listenplatz nicht beirren lässt. Anders sieht es bei seinen weiteren sportlichen Ambitionen aus: Beim Boxen oder Eishockey wird schon mal mit harten Bandagen gekämpft – Parallelen zur Politik lassen sich finden. „Beim Boxen powert man sich richtig aus“, erklärt Künzle. Selbst steigt er nicht mehr in den Ring, höchstens in den politischen. Er setzt bis zur Wahl vor allem auf seine Social-Media-Kanäle, die er selbst betreut. Dazu plant er Haustürwahlkämpfe und Präsenz auf den Marktplätzen. Klassisch, aber nach wie vor ein Weg, in Kontakt zu kommen.

Beim Eishockey feuert er unter anderem die Detroit Red Wings aus den USA an. In Letztere zu reisen, steht auch noch auf seiner Wunschliste. Gefragt nach dem Gegenstand, den er auf seinen Berliner Schreibtisch stellen würde, nennt er denn auch nach kurzem Überlegen eine Miniatur der Freiheitsstatue. Es sollte mit Geschichte zu tun haben, erklärt er. Außerdem repräsentiert sie für ihn neben der Freiheit selbst auch, dass diese brüchig ist und erkämpft werden muss – und erneut bekommt er die Kurve zu einem Lieblingsthema: Geschichte. Wenn er später in Rente geht, könnte er sich gut vorstellen, sie zu studieren. „Das ist ein FDP-Thema: lebenslanges Lernen. Das ist wichtig. Und auch, dass die Politik Geschichtskenntnisse hat.“

Zum Abschalten gibt es einen Film – am liebsten im Kino, einmal wöchentlich. So war es zumindest vor der Pandemie. Nur bei Krimis, da springt er für seine Zunft in die Bresche. „Sie vermitteln oft ein falsches Bild“, meint der Anwalt. „Da sind der Polizist, der das Richtige tut und die Anwälte, das Hindernis, die alles blockieren, die Täter schützen und korrupt sind“, kritisiert er. „Unangenehm sind wir manchmal. Aber ein Anwalt kann auch Dinge korrigieren. Mehr Authentizität würde das Verständnis unseres Rechtsstaats fördern.“

Es ist ein richtiges Interessen-Kontrastprogramm. Und doch: Irgendwie passt es zu ihm. Keine Schublade, sondern Offenheit. Der Espresso ist nach einer Stunde leer, das Wasser auch. Aber einen Vorteil hat das Gespräch: Es findet vormittags statt. Zumindest nach diesem Termin braucht Künzle keinen Stop im Fast-Food-Laden.

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