Marcel Lauenburger reist mit dem Zirkus „Werona“ durch Deutschland

Freiheit ohne Feierabend

Marcel Lauenburger ist in seinem Element. Als „Mädchen für alles“ mimt er den Clown, steht als Feuerschlucker in der Manege und kümmert sich täglich auch noch um die Tiere, mit denen der Zirkus „Werona“ das ganze Jahr über unterwegs ist. - Fotos: Menker

Rotenburg - Von Guido Menker. So ganz glücklich ist der 27-Jährige nicht, als plötzlich die Presse auftaucht, um über den Zirkus „Werona“ zu berichten, der in dieser Woche auf dem Heimathausgelände in Rotenburg sein Zelt aufgeschlagen hat. Aber der Chef ist nicht da, also muss er den Job übernehmen. „Ich bin hier das Mädchen für alles“, sagt Marcel Lauenburger und setzt sich auf einen Stuhl. Immerhin ergibt sich so eine kleine Pause – denn eigentlich müssen er und die Kollegen in dieser Zirkus-Familie rund um die Uhr arbeiten.

Kamele haben großen Hunger.

Die Oberarme des jungen Mannes in grünem T-Shirt, Trainingshose und Turnschuhen sind muskelbepackt. Kein Gramm Fett zu viel am Körper. Die Hände allein lassen ihn älter wirken, sie sind gezeichnet von der täglichen Arbeit. Es gibt viel zu tun. Immer wieder. Jeden Tag und jede Woche. „Wir sind das ganze Jahr über unterwegs, steuern mehr als 30 Spielorte in ganz Deutschland an“, erklärt der junge Mann, ehe er sich eine Zigarette anzündet. 

Das Leben im Zirkus ist hart. Morgens um sechs Uhr beginnt für die Zirkus-Familie der Tag. Der Aufwand sei groß, einen solchen Betrieb aufrecht zu erhalten. „Aber wir kennen das nicht anders, wir alle sind da hineingeboren worden.“ Mit Leib und Seele seien sie dabei. Die Leidenschaft kommt beim Gespräch mit Marcel Lauenburger Minute für Minute mehr zum Vorschein.

Am Sonntag ist der Zirkus „Werona“ in Rotenburg eingetroffen. Montag stand der Aufbau auf dem Dienstplan. Aber damit ist der Job nicht erledigt. „Wir haben sechs Mini-Ponys, eine Kamelherde mit zwölf Tieren, zwei holländische Friesenhengste, einen Kaltblüter sowie drei Araber.“ Allein die Tiere zu versorgen, nimmt viel Zeit in Anspruch. Auch die Fahrzeuge müssen gepflegt werden, hier und da fallen Reparaturen an, und von großer Bedeutung ist die Werbung. In dieser Woche gilt es zum Beispiel, schon jetzt im nächsten Spielort die Plakate aufzuhängen und Handzettel zu verteilen. „Das ist nicht überall so einfach. Was die Plakate angeht, gibt es in einigen Orten schon echt Probleme“, weiß Lauenburger.

Die Mini-Ponys begeistern auch die kleinen Zirkus-Leute.

15 Personen müssen von dem Zirkusbetrieb leben. „Wir sind eine große Familie.“ Der 27-Jährige selbst ist verheiratet und hat eine dreijährige Tochter. Auch sie wird das Zirkusleben von der Pike auf kennenlernen. Als Kind war es für Marcel Lauenburger aber gar nicht so leicht: „Ich war jede Woche in einer anderen Schule. Viele Freunde habe ich nicht gefunden, einen Schulabschluss habe ich auch nicht.“ Trotzdem sei auch er nicht auf den Kopf gefallen: „Lesen und Schreiben können wir alle.“ Das mit der Schule läuft heute etwas anders: Vielfach kämen engagierte Lehrer auf den Platz, um die Kinder zu unterrichten. Inzwischen sei es auch möglich, einen Abschluss zu machen.

Das Leben ist aber von Bescheidenheit geprägt. „Die Besucherzahlen sind nicht mehr so, wie sie einmal waren, entsprechend geringer sind die Einnahmen“, weiß der Zirkus-Experte. Das Geld wandere in einen großen Topf, und je nach dem, wie die Einnahmen ausgefallen sind, bekommt jeder seinen Teil ab. Ein festes Gehalt? Fehlanzeige. Dennoch versicherte der 27-Jährige: „Ein anderes Leben kann ich mir nicht vorstellen.“ Ein fester Job mit geregelter Arbeitszeit, womöglich noch in einem Büro? „Da würde ich mich eingesperrt fühlen.“

Von Rotenburg aus geht’s für den Zirkus „Werona“ nach Rerik (Ostsee). Die Plakate stehen bereit, müssen aber nocht verteilt werden.

Lauenburger selbst steht mit sieben Kollegen in der Manege. Als Clown und als Feuerspucker versucht er, die Zuschauer im 400 Plätze bietenden Zelt zu unterhalten. Eine Show dauert zwei Stunden. Auch in Rotenburg. Freitag und Samstag beginnt der Spaß um 16 Uhr, am Sonntag schon um 14 Uhr. Das Programm von „Werona“ basiert in Teilen auf dem Disney-Film „Die Eiskönigin“. Deswegen würde am Wochenende auch das kleine Mädchen liebend gerne in die Vorstellung kommen, das an diesem Vormittag mit seiner Mutter etwas zaghaft auf dem Zirkusplatz erscheint, um sich ein wenig umzuschauen. „Klar darfst Du Dir das angucken“, sagt Lauenburger und zeigt auf den Zelteingang. Das Kind macht große Augen. Dabei sein kann sie am Wochenende nicht. Sie ist nur noch bis morgen zu Besuch in der Stadt. Dieses Gefühl kennt der Mann vom Zirkus. Doch vor der Abreise ist für ihn noch sehr viel zu tun. Der junge Familienvater wirkt daher erleichtert, als sich das Pressegespräch dem Ende nähert. Die Pause ist vorbei. es geht weiter, immer weiter.

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