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Mehr als 30 Frauen suchen Schutz im Rotenburger Frauenhaus

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Von: Ann-Christin Beims

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Eine Frau duckt sich aus Sorge vor ihrem Partner, der die Hand zur Faust ballt.
Oft suchen Frauen Entschuldigungen, wenn ihr Partner gewalttätig wird. Sie sollten aber in einem solchen Fall lieber nach Hilfe suchen. © IMAGO Images/ Rolf Kremming

Auch im Landkreis Rotenburg gibt es „massive Gewaltvorfälle“ im Privatleben, sagt Janina Riepshoff. Sie ist Leiterin des Frauenhauses. Doch in der Pandemie war es schwerer für Frauen, diesen sicheren Hafen zu erreichen.

Rotenburg – Gewalt gegen den eigenen Partner kann ganz unterschiedliche Formen annehmen. Schlagen, ohrfeigen, treten, schubsen, bedrohen, einsperren, isolieren, belästigen oder missbrauchen sind nur einige Beispiele dessen, was niemand erdulden muss. Manchmal richtet sich die Gewalt nicht nur gegen den Partner, sondern trifft auch die Kinder. In allen Fällen gibt es Hilfe, zum Beispiel die Beratungsstelle gegen häusliche Gewalt im Landkreis Rotenburg oder auch das hiesige Frauenhaus. Dort haben im vergangenen Jahr 32 Frauen und 30 Kinder Zuflucht gesucht. Das ist die Bilanz, die Janina Riepshoff, Leiterin der Einrichtung, nach dem zweiten Pandemiejahr zieht.

Das sind nicht mehr Frauen als vor dem Ausbruch des Coronavirus, sagt sie – aber die Möglichkeiten für diese, den sicheren Hafen zu erreichen, sind deutlich eingeschränkter gewesen. „Manchmal ist es für die Frauen schwieriger, den Kontakt zum Frauenhaus aufzunehmen, da der Partner zum Beispiel im Homeoffice ist und durch die Einschränkungen weniger Gelegenheiten bestehen, das Haus zu verlassen“, erklärt die Leiterin mit Blick auf die Lockdown-Phasen.

Diese sowie finanzielle Sorgen und Ängste durch Kurzarbeit, verstärkte Isolation, den Abbau sozialer Kontakte, Homeschooling und Homeoffice haben die Anspannung in einigen Haushalten verschärft, sodass es eher zu einer Eskalation der Gewalt gekommen ist. Die Leiterin des Bottroper Frauenhauses hatte zuletzt einen Anstieg der schweren Gewalt gegen Frauen angesprochen – gestiegen durch Corona. Auch im Landkreis Rotenburg gibt es „massive Gewaltvorfälle“, sagt Riepshoff. Ob es allerdings in Relation zu anderen Jahren schlimmer ist, könne sie nicht sagen, dazu gibt es keine Auflistungen.

Frauen suchen Schutz und einen Ausweg

Die Probleme, die Frauen dazu bringen, das Haus aufzusuchen, sind verschieden: Manche haben psychische oder körperliche Gewalt erlebt, wurden missbraucht oder ihnen wurde gedroht, bloßstellende Fotos zu veröffentlichen, wenn sie nicht das tun, was ihr Partner von ihnen verlangt. Häufig kommen Frauen und suchen Hilfe, wenn eine Trennung geplant ist oder der Partner nach selbiger gewalttätig wird. Manchmal kommen die Frauen auch vorsorglich, weiß Riepshoff – weil sie eine Eskalation fürchten.

Eines ist ihnen aber gleich. „Frauen, die ins Frauenhaus kommen, wünschen sich Schutz und einen Ausweg“, so Riepshoff. Abgewiesen wurde noch keine von ihnen. Ist aber das Haus voll belegt, werden andere Lösungen gesucht – manchmal ist das ein anderes Frauenhaus. Die Mitarbeiterinnen helfen den Frauen dabei, den Weg aus der Gewalt zu finden und sich eine Perspektive zu schaffen. Dazu gehört die Vermittlung von Informationen beispielsweise zu rechtlichen und finanziellen Unterstützungsmöglichkeiten ebenso wie die Begleitung bei Behördengängen oder auch Unterstützung bei der Wohnungssuche.

Manchmal gelingt es den Frauen, den Absprung zu schaffen und sich ein neues Leben aufzubauen – in 40 Prozent der Fälle kehren die Frauen jedoch zu ihren Partnern zurück, ist die Erfahrung. Frauen brauchen oft mehrere Jahre, um sich aus einer Beziehung zu lösen – im Frauenhaus bleiben sie aber durchschnittlich nur 30 Tage bis maximal mehrere Wochen. „Der Aufbau einer gewaltfreien Perspektive ist zumeist ein langer Prozess, der manchmal auch mehrerer Anläufe bedarf“, erklärt die Leiterin.

Digitalisierung: Fluch und Segen

Die Digitalisierung macht es den Betroffenen oft nicht einfacher: Den Partnern gelingt es allzu leicht, sie über das Handy zu orten oder sie über soziale Netzwerke zu belästigen. „Digitale Gewalt stellt eine neue Herausforderung dar“, merkt Riepshoff an. Die Ankommenden werden darüber aufgeklärt und gebeten, ihre Handys auszuschalten. Auch die ständige Erreichbarkeit über soziale Medien ist Thema in der Beratung.

Die Digitalisierung bringt aber auch Vorteile: Der Zugang zu Unterstützungsangeboten ist dadurch erleichtert. Informationen können viel breiter gestreut werden. So können die Frauen ihr Handy auch nutzen, um sich Hilfe zu holen.

Dabei suchen auch Frauen mit Migrationshintergrund oder Flüchtlingsgeschichte Schutz in der Einrichtung. Mehr als die Hälfte verfügen über einen Migrationshintergrund, erklärt Riepshoff. „Häufig finden diese über Akteure ihres Netzwerkes den Zugang ins Frauenhaus, zum Beispiel über die Lehrerin des Sprachkurses oder andere Einrichtungen, die ihnen bekannt sind.“ Wer nicht über genügend Deutschkenntnisse verfügt, braucht ebenfalls keine Angst haben, abgewiesen zu werden: Dafür stehen Sprachmittlerinnen zur Verfügung. Insofern ist die Leiterin mit ihrem Team auch darauf vorbereitet, wenn im Zuge des Ukraine-Krieges ebenfalls Frauen den Weg zu ihnen finden würden.

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