Erinnerung an die Opfer

Frank-Walter Steinmeier besucht Gedenkstätte in Sandbostel

Frank-Walter Steinmeier (3.v.l.) und seine Frau Elke Büdenbender (3.v.r.) unternehmen mit Mitarbeitern der Gedenkstätte sowie Katharina Saemann (Mitte) einen Rundgang über das Lagergelände.
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Frank-Walter Steinmeier (3.v.l.) und seine Frau Elke Büdenbender (3.v.r.) unternehmen mit Mitarbeitern der Gedenkstätte sowie Katharina Saemann (Mitte) einen Rundgang über das Lagergelände.

Sandbostel - Mit Frank-Walter Steinmeier besuchte am Montag erstmals ein amtierender Bundespräsident die Gedenkstätte Lager Sandbostel. Anlass war der Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion vor 80 Jahren.

Es war der 22. Juni 1941, als das Deutsche Reich die Sowjetunion überfiel. Mehr als drei Millionen sowjetische Soldaten gerieten daraufhin in Gefangenschaft, mehr als 70 000 von ihnen brachte die Wehrmacht nach Sandbostel, in das „Stalag XB“. Kurz vor dem 80. Jahrestag des Überfalls besuchte am Montag Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zusammen mit seiner Frau Elke Büdenbender und dem niedersächsischen Kultusminister Grant Hendrik Tonne das ehemalige Lager, in dem heute eine Gedenkstätte an das Leid der Inhaftierten erinnert.

„Dieser Besuch gilt einer Opfergruppe, die in unserer deutschen Erinnerung bisher weitgehend vergessen worden ist“, machte Steinmeier beim Rundgang über das Gelände deutlich. Zunächst ging es in die Dauerausstellung in der sogenannten „Gelben Baracke“, von dort zu einem der Gebäude auf dem Außengelände, wo FSJlerin Laura Keiser und Praktikantin Joy Schmidt die Führung übernahmen: in die ehemalige Lagerküche, wo heute die Karteikarten etlicher sowjetischer Häftlinge an der Wand hängen, und zum Lagerfriedhof, wo der Bundespräsident, Tonne und Günther Justen-Stahl, Vorsitzender der Stiftung Lager Sandbostel, Kränze niederlegten.

Im Gespräch mit Angehörigen und Nachfahren Inhaftierter

Im Laufe des dreistündigen Besuchs kamen Steinmeier und Büdenbender auch mit Angehörigen und Nachfahren ins Gespräch: Katharina Saemann, Tochter des sowjetischen Kriegsgefangenen Wassillj Koslow und einer deutschen Mutter, berichtete vom Schicksal ihrer Eltern. Ebenso Gerd Meyer, Sohn einer Landwirtstochter aus Haaßel. Sein Vater, Anatolij Pokrowskij, war im Alter von 19 Jahren 1941 zum Militär eingezogen worden und 1945 nach schwerer Erkrankung im Lazarett des „Stalag XB“ gestorben. „Eine sehr berührende Geschichte“, kommentierte Büdenbender die Ausführungen Meyers am Gedenkstein seines Vaters auf dem Friedhof.

Koslow und Pokrowskij sind zwei von knapp 4 700 namentlich bekannten sowjetischen Soldaten, die in Sandbostel starben. Die Gesamtzahl der Opfer aus der Sowjetunion schätzen die Mitarbeiter der Gedenkstätte heute deutlich höher ein. „Dieses Sterben hat nicht irgendwo in weiter Ferne in Osteuropa stattgefunden, sondern hier bei uns“, so Steinmeier. „Viele sind dabei namenlos geblieben.“ Er lobte das jahrelange Engagement derer, die „gegen alle Widerstände auch in der Region“ mit der Aufarbeitung der Geschichte des „Stalag XB“ begonnen hatten.

Besuch Steinmeiers als „wichtiges Zeichen“

„Zwei Lehrer, Klaus Volland und Werner Borgsen, haben in den 80er-Jahren Fragen gestellt und die Grundlagen der Gedenkstätte gelegt“, erinnerte Justen-Stahl in seiner Begrüßung zu Beginn des Rundgangs. „Seitdem hat sich viel verändert. Heute geben wir hier die Möglichkeit, Geschichte erfahrbar zu machen.“ Auch Volland betonte die Bedeutung des Ortes: „Hier eine Gedenkstätte zu errichten, war von Anfang an das Ziel.“ Das dauerte allerdings: Erst 2007 kam die Einrichtung in einem provisorisch angemieteten Gebäude unter, 2013 folgte dann die Einweihung der Dauerausstellung. „Mittlerweile hat sich die Gedenkstätte zu einem vielfältigen Begegnungsort entwickelt“, so Volland.

Gedenkstättenleiter Andreas Ehresmann wiederum hob den Besuch Steinmeiers als ein „wichtiges Zeichen“ hervor, um das Schicksal der in Sandbostel Verstorbenen zu würdigen.

Wir müssen uns um einen sorgsamen Umgang mit der eigenen Geschichte bemühen: Aufklärung, nicht wegschauen, sich die dunklen Seiten der deutschen Geschichte in Erinnerung rufen und sie als Teil von ihr zu begreifen.

Frank-Walter Steinmeier (Bundespräsident)

„Ich bin vor allem denjenigen dankbar, die die Nachforschungen der Angehörigen und Nachfahren begleiten und dafür sorgen, dass nicht nur Namen bekannt geworden sind, sondern dass wir zu vielen auch Gesichter und Lebensgeschichten haben“, erklärte Steinmeier. Auch er unterstrich die Bedeutung der Gedenkstätte für jüngere Generationen. „Hier werden Schulklassen davon unterrichtet, was Deutsche anderen Menschen angetan haben. Damit auch bei den jungen Menschen eine Wahrnehmung dafür entsteht, dass so etwas nie wieder geschehen darf“, sagte Steinmeier. Er mahnte, sich um einen sorgsamen Umgang mit der eigenen Geschichte zu bemühen: „Das heißt: Aufklärung, nicht wegschauen, sich die dunklen Seiten der deutschen Geschichte in Erinnerung rufen und sie als Teil von ihr zu begreifen.“ Steinmeier rief auf, sich verpflichtet zu fühlen, gemeinsam mit anderen für die Aufarbeitung der Geschichte, die von so viel Leid und Unheil geprägt ist, offen zu sein.

Einblick in seine Familiengeschichte gibt Gerd Meyer (r.) Elke Büdenbender und Frank-Walter Steinmeier auf dem Lagerfriedhof.

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