Dr. Frank Heits vom „Diako“ über seine Arbeit mit den Krebspatienten

„Wir wissen um die Ängste“

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Dr. Frank Heits spricht über seine Arbeit.

Rotenburg - Von Bettina Diercks. Derzeit liegen drei Leukämie-Patienten auf der Onkologie-Station in Rotenburg. In einem Interview schildert Dr. Frank Heits, Chefarzt der Klinik für Hämatologie und Onkologie – Stammzelltransplantation, was ihn bei seiner Arbeit im Diakonieklinikum besonders berührt. Hintergrund: Am kommenden Sonntag gibt es in der Rotenburger Adolf-Rinck-Sporthalle von 11 bis 17 Uhr eine Typisierungsaktion, um neue Stammzellenspender zu finden.

Warum haben Sie sich für die Onkologie entschieden?

Frank Heits: Ich bin über den Zivildienst beim Deutschen Roten Kreuz als Rettungsassistent zur Medizin gekommen. Mich fasziniert in der Hämatologie/Onkologie die Möglichkeit, vielen Menschen helfen zu können, auch wenn man nicht immer heilen kann. Ich selbst bin schon relativ frühzeitig mit dem Tod und dem Verlust von Menschen in Berührung gekommen. Als ich 17 war, starb mein Vater, so dass ich durchaus die Verzweiflung und die Hoffnungslosigkeit, die mit dem Sterben eines geliebten Menschen einhergeht, verstehe. Hieraus ist sicherlich die Ambition entstanden, Patienten und Angehörigen in dieser schwierigen Situation beizustehen. Wichtig ist mir insbesondere für die Patienten, in Zusammenarbeit mit meinen Kollegen die bestmögliche Therapie auszuwählen, um dem Patienten möglichst gut zu helfen und seine Beschwerden zu nehmen.

Wie weit ist die Krebsforschung?

Heits: In der Krebsforschung ist man in den letzten Jahrzehnten große Schritte weiter gekommen. Insbesondere die Entschlüsselung vieler molekulargenetischer Veränderungen, die zur Krebsentstehung führen, ermöglichen neue Therapieansätze. Hierdurch sind auch viele gute neue Medikamente und Behandlungsmethoden entstanden. Leider sind wir aber bei vielen Tumorerkrankungen immer noch weit entfernt von Heilung – insbesondere im fortgeschrittenen oder metastasierten Stadium.

Was ist das größte Problem in der Krebsforschung?

Heits: Die Tumorzelle ist insgesamt genetisch instabil und hat immer mehrere Defekte, so dass es keine einfache Lösung für die Erkrankung gibt. Tumorzellen bedienen sich des gesamten biologischen Repertoires, um als Einzelzelle zu überleben und sich zu vermehren. Hierdurch sind sie anderen Zellen überlegen. Andererseits schädigen unsere Therapien leider auch die gesunden Zellen beziehungsweise das „biologische System Mensch“. Durch ihre biologische Instabilität verändern sich die Tumorzellen unter Therapie, wodurch Therapien unwirksam werden. Leider ist das „biologische System Mensch“ komplexer, als es im Labor oder in den Zellexperimenten erscheint, so dass neue Medikamente zwar immer im Labor funktionieren, aber nicht immer im „biologischen System Mensch“. Und: Die Entwicklung von neuen Therapien und Medikamenten braucht Zeit und Geld.

Was beschäftigt Sie besonders, was Krebserkrankungen angeht?

Heits: Ich bin ein klinisch ausgerichteter Mediziner, das heißt, alle neuen Therapien oder Therapieansätze sowie deren Umsetzung für den Patienten beschäftigen mich. Meine Spezialgebiete sind Leukämien, Lymphome und das Multiple Myelom. Hier interessieren mich vor allem die neuen Medikamente und deren Wirkmechanismen.

Was unterscheidet Leukämien von anderen Krebserkrankungen?

Heits: Bei den Leukämien muss man die akuten von den chronischen unterscheiden. Bei den chronischen Leukämien gibt es inzwischen sehr gute Therapien, die aber leider meistens nicht zur Heilung führen. Die akuten Leukämien sind immer etwas hoch Dramatisches für den Arzt und natürlich insbesondere für den Patienten. Bei den akuten Leukämien haben die Zellen eine sehr hohe Teilungsrate, wodurch sie eine unglaublich hohe Wachstumsgeschwindigkeit haben und innerhalb kürzester Zeit die gesamte körpereigene Blutbildung zum Erliegen kommt. Zwar wirken bei den akuten Leukämien die Chemotherapien oftmals am Anfang sehr gut, jedoch werden hierdurch erneut die eigene Blutbildung und das Immunsystem geschwächt, und es dauert eine sehr lange Zeit, bis dieses sich wieder regeneriert hat. Andererseits können die Zellen aber auch primär eine Chemotherapieresistenz aufweisen, oder sie entwickeln sich während der Therapie, so dass die einzige Chance dann eine Knochenmarktransplantation ist. Insgesamt ist es trotz großer Erfolge immer noch eine eventuell tödliche Erkrankung, und nur etwa 60 Prozent der Patienten überleben die Therapien und sind dann letztendlich geheilt.

Wie gehen Ihre Patienten damit um, wenn sie erfahren, dass Sie einen Spender gefunden haben?

Heits: Für die Patienten ist ein gefundener Spender immer Hoffnung, die Chance auf ein weiteres Leben, aber natürlich gibt es auch Angst vor dem, was da kommt. Insgesamt überwiegen aber die Freude und die Hoffnung auf das weitere Leben.

Wie gefährlich ist der Eingriff für den Spender?

Heits: Heute wird fast ausschließlich eine Stammzelltransplantation durchgeführt. Der Spender spendet also nur seine Stammzellen, die nach vorheriger Stimulation des Knochenmarks mit einem Wachstumsfaktor aus dem Blut herausgesammelt werden.

Wieso sollten vor allem junge Menschen unter 55 sich typisieren lassen?

Heits: Hier ist das Knochenmark noch meistens intakt, und man kann dadurch genügend Stammzellen sammeln. Diese Gruppe hat meistens noch keine schweren Erkrankungen oder ein nicht entdecktes Tumorleiden, welches beides Ausschlusskriterien für die Knochenmarkspende sind.

Haben Sie schon einmal erlebt, dass ein Spender abgesagt hat? Was haben Sie in dem Moment gedacht?

Heits: Ja, einmal. Die Quote liegt jedoch unter einem Prozent der registrierten Spender, so dass ich mir hier wenig Gedanken mache. Wenn nur genügend Menschen registriert sind, wird man sicherlich einen anderen Spender finden.

Wie schwer ist es für Sie, einem Menschen seine Diagnose und seine Aussichten mitzuteilen?

Heits: Bei einer Diagnose, bei der wir wissen, die Chancen sind sehr schlecht, ist es eine starke emotionale Herausforderung. Mein Team und ich leiden mit jedem Patienten mit, und wir wissen um die Ängste und Sorgen der Patienten und deren Angehörigen. Wir versuchen in jedem Fall, die beste Therapie für den Patienten zu verwirklichen. Wenn es uns gelingt, haben wir auf jeden Fall geholfen, selbst wenn es nicht zur Heilung kommt.

Was nimmt Sie besonders mit, wenn Sie Ihre Patienten erleben, und wie ist es für Sie, wenn ein Patient trotz aller Mühen doch stirbt?

Heits: Es ist sehr unterschiedlich, wie die Patienten mit ihrer Erkrankung umgehen. Schwierig wird es immer, wenn kein Krankheitsverständnis vorhanden ist oder der Patient die Therapie nicht mitträgt, sondern nur erduldet. Die Einzelschicksale wirken oftmals sehr ungerecht, und man fragt sich, warum es ausgerechnet diesen Patienten ereilt hat. Leider haben die meisten Therapien noch viele Nebenwirkungen, akute, aber auch Spätnebenwirkungen. Dies ist sehr belastend. Die Therapie ist oftmals sehr einschneidend für den Patienten, er wird komplett aus seinem bisherigen Leben gerissen und ist zum größten Teil plötzlich völlig fremdbestimmt. Der Tod des Patienten ist leider oft schicksalhaft. Ich versuche dann zu reflektieren, ob wir auch menschlich alles getan haben.

Wie oft nehmen Sie Ihre Fälle noch mit nach Hause?

Heits: Feierabend habe ich schon, jedoch schalte ich nie komplett ab, was meine Patienten betrifft. Es gibt immer offene Fragen, neue Therapiemöglichkeiten, Komplikationen unter der laufenden Therapie oder unvorhergesehene Dinge, die bearbeitet oder überarbeitet werden müssen.

Was ist Ihr größter Wunsch in Bezug auf Krebs ?

Heits: Dass die neuen Therapien weniger Nebenwirkungen haben, mehr für die Prävention von Krebsentstehung getan wird und die Therapien von Krebserkrankungen insgesamt ganzheitlicher werden mit mehr Hilfe für die Betroffenen und die Angehörigen.

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