Dr. Frank Heits, Chefarzt am Diakonieklinikum, zu den hohen Krebsraten im Landkreis Rotenburg

„Panikmache vermeiden“

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Blutkrebs schreckt die Bürger im Landkreis auf.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Leukämie, Lymphome und Multiple Myelome – drei Begriffe, die durch den Landkreis Rotenburg geistern, seitdem feststeht, dass vor allem ältere Männer in der Samtgemeinde Bothel und in Rotenburg daran erkrankt sind. Was ist an diesen Krebsarten so gefährlich? Dr. Frank Heits, Chefarzt der Klinik für Hämatologie und Onkologie am Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg, gibt Antworten.

Die nunmehr statistisch erfassten, auch in Rotenburg auffällig hohen Krebszahlen, insbesondere Leukämie- und Lymphomerkrankungen, haben die Bürger aufgeschreckt. Um welche Art Krebs handelt es sich dabei?

Dr. Frank Heits: Leukämien und Lymphomerkrankungen sind die klassischen sogenannten hämatologischen Tumorerkrankungen. Leukämie (weißes Blut) oder wie der Volksmund sagt „Blutkrebs“ ist eine Vermehrung von unreifen Knochenmarkzellen – aus denen im Normalfall weiße Blutkörperchen werden würden –, zuerst im Knochenmark und dann auch im Blut. Lymphome sind umgangssprachlich „Lymphdrüsenkrebs“. Dabei kommt es zur Vermehrung von unreifen Lymphzellen, meistens erst in den Lymphknoten, von denen jeder Mensch etwas mehr als 300 hat. Manchmal kommt es aber auch zur Vermehrung von diesen Lymphozyten im Knochenmark oder in anderen Organen, zum Beispiel der Milz. Ursächlich für diese Erkrankungen ist eine Entartung der weißen Blutkörperchen. Für viele dieser Krebserkrankungen kann man genetische Defekte nachweisen, die zum Beispiel durch Strahlen oder Chemikalien ausgelöst sein können.

Was ist ein „Multiples Myelom“ von dem auch gelegentlich die Rede ist?

Dr. Heits: Das Multiple Myelom oder Plasmozytom ist eine spezielle Form dieser hämatologischen Erkrankungen. Auch dabei entarten Zellen des Blutsystems. Diese Zellen sind die sogenannten Plasmazellen, welche eine spezielle Art Lymphzellen sind. Sie sitzen normalerweise bei jedem Menschen im Knochenmark und bilden Antikörper gegen Infektionserreger. Somit ist das Multiple Myelom wörtlich übersetzt „an vielen Stellen im Knochenmark befindlicher Krebs“.

Es werden immer beide Krebsarten – also Leukämie und Lymphom – gemeinsam genannt. Was sind die Gemeinsamkeiten?

Dr. Heits: Gemeinsam ist den Lymphomen und Leukämien, dass die Tumorzellen zu den weißen Blutzellen gehören. Auch die genetischen Veränderungen und die Schädigungen der Zellen sind ähnlich. Beide Zellarten sind wichtig für das Immunsystem und gehören dem Blutsystem im weitesten Sinne an. Meistens haben diese Zellen eine hohe Teilungsrate.

Was ist an diesen Krankheiten so gefährlich?

Dr. Heits: Krebs als solches ist nicht gefährlich, die Erkrankung ist nicht ansteckend, die Zellen nicht giftig. Gefährlich sind die Folgen, die durch Krebs im menschlichen Organismus entstehen. Das Problem bei Leukämien und dem Multiplen Myelom und vielen Lymphomen ist, dass das Knochenmark und damit die Blutbildung beziehungsweise das Immunsystem entweder direkt oder indirekt zerstört wird. Beim Lymphdrüsenkrebs kann es auch noch zusätzlich zum Organbefall kommen. Entscheidend ist, wie schnell die Zellen sich teilen, und dabei gibt es große Unterschiede. Je schneller ein Tumor wächst, umso gefährlicher ist die Erkrankung.

Wie kann der Krebs behandelt werden?

Dr. Heits: In den meisten Fällen und generell bei Leukämien ist die Chemotherapie die einzige Behandlungsmöglichkeit, wobei in Einzelfällen oder in lokalisierten Anfangsstadien auch Strahlentherapie oder eine Kombination möglich ist. Bei Versagen gibt es dann manchmal noch die Knochenmarktransplantation. Für einige dieser hämatologischen Erkrankungen gibt es inzwischen neue Medikamente, die meistens eine Wachstumshemmung bewirken, jedoch keine Heilung der Erkrankung herbeiführen können.

Haben Sie in Ihrer Arbeit Gemeinsamkeiten der Menschen entdeckt, die besonders von diesen Krankheitsbildern betroffen sind?

Dr. Heits: Nein.

Es werden immer wieder Stoffe als mögliche Auslöser der Krebs-Erkrankungen genannt, die auch bei der Erdgas-Förderung anfallen. Vor allem geht es um Benzol. Kann das eine Erklärung für die Erkrankung sein?

Dr. Heits: Durch diese Stoffe wird nur die Wahrscheinlichkeit erhöht, da sie ab einer gewissen Konzentration krebserregend sind.

Was fördert diese Erkrankungen noch?

Dr. Heits: Wie bei allen Tumorerkrankungen gibt es auch bei diesen eine sozusagen natürliche Rate. Allein durch die ständige Zellteilung der Knochenmarkzellen oder Lymphzellen erklärt sich die Entartungsrate. Alle Umweltgifte, Strahlung oder ähnliches wirken sich ungünstig aus und erhöhen die Tumorwahrscheinlichkeit.

Nun ist es so, dass nur Männer häufiger betroffen sind. Wirken diese Krebsarten begünstigenden Schadstoffe auf Männer anders? Sind sie also allgemein anfälliger, oder muss es doch so sein, dass die Männer den Schadstoffen zum Beispiel berufsbedingt häufiger ausgesetzt waren?

Dr. Heits: Dazu kann ich so keine Aussage machen, da es sich um reine Spekulation handeln würde, ob es einen Zusammenhang gibt. Das müsste durch weitere Untersuchungen geklärt werden.

 

Wie wirken Benzol und ähnliche Stoffe auf den Menschen?

Dr. Heits: Benzol oder andere Lösungsmittel sind Chemikalien, die Zellschäden insbesondere bei sich teilenden Zellen verursachen. Nur bei der Teilung der Zellen kann ein Schaden an ihr entstehen, der zu einer Krebszelle führt. Darum sind solche Substanzen krebserregend, wie zum Beispiel Strahlen oder eben Benzol.

Es wird stets von sehr langen Zeitabständen gesprochen bis der Krebs ausbricht. Wie ist das zu erklären?

Dr. Heits: Eine Krebszelle ist eine Zelle mit Schäden bei der Zellteilung, Zellreifung oder der Zeit, wie lange eine Zelle lebt. Die Schäden entstehen zufällig oder durch Umweltgifte. Die meisten Schäden werden repariert oder die geschädigte Zelle stirbt ab. Nur wenn die Schäden zu einem Überlebensvorteil für die Zelle führen, wird aus ihr eine Tumorzelle. Die Wahrscheinlichkeit, dass solche entarteten Zellen entstehen, nimmt im Laufe des Lebens zu, daher sind Tumorerkrankungen im Alter häufiger, und das gilt auch für Leukämien und den Lymphdrüsenkrebs.

Wie können wir uns vor Krebs auslösenden Stoffen schützen?

Dr. Heits: Wichtig ist, möglichst die Langzeitexposition zu vermeiden. Man muss um die Risiken und die zu betreibende Prophylaxe Bescheid wissen. Einfaches Beispiel ist die Sonnenexposition, Sonnencreme und der Hautkrebs. Des weiteren, da wo es geht, zu den Vorsorgeuntersuchungen gehen. Möglichst auf den Einsatz von unnötigen Chemikalien verzichten und insbesondere den normalen Menschenverstand einsetzen und Panikmache aufgrund nicht erwiesener Behauptungen vermeiden.

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