Mit Fragen gegen die Angst

Mo Asumang liest aus ihrem Buch und zeigt ihren Film in den BBS. Foto: Menker

„Diese Kugel ist für Dich, Mo Asumang, diese Kugel ist für Dich“. Dieser Satz in einem Song der Neo-Nazi-Band „White Aryan Rebels“ sollte das Leben der 1963 in Kassel geborenen Mo Asumang grundlegend ändern. Als sie ihn hörte, riss er ihr fast den Boden unter den Füßen weg. Angst und Panik kamen auf. Seitdem engagiert sich die Afrodeutsche im Kampf gegen Rassismus. Und dabei hat sie ihren ganz eigenen Weg dafür gefunden. Jetzt hat sie Rotenburg besucht, um von diesem Weg zu berichten.

VON GUIDO MENKER

Rotenburg – Rund 200 Schüler sitzen in der Aula der Berufsbildenden Schulen (BBS) Rotenburg und warten gespannt auf den Film „Die Arier“. Mit dieser 45-minütigen Dokumentation hat sich Mo Asuman einen Wunsch erfüllt – ein Wunsch als Reaktion auf die Morddrohung. Sie wollte die Menschen kennenlernen, die sie wegen ihrer Hautfarbe ablehnen. Sie begab sich unter Neonazis, suchte den Ku Klux Klan in den USA auf und stellte immer wieder viele Fragen. „Ich muss was machen“, sagte sie sich, nachdem sie den menschenverachtenden Song gehört hatte. Das schildert Mo Asumang in ihrem Buch „Mo und die Arier“, aus dem sie liest, ehe der Film startet. Die Fragen, um herauszufinden, wer einem gegenübersteht, helfen auch gegen die Angst.

Wie soll, wie kann sich ein Neonazi verändern, wenn er nichts hinterfragt? Asumang spricht von einem geschlossenen System, in dem über das, was es kennzeichnet, nicht weiter nachgedacht werde. „Wichtig ist es, dass Fragen von außen kommen“, sagt sie. Sie hat sie gestellt und darin einen guten Weg erkannt herauszufinden, mit wem sie es zu tun hat. Die Antworten habe sie gesammelt wie Puzzleteile, aus denen sich schließlich ein Bild ergeben habe von ihrem Gegenüber.

Sie hat die Neo-Nazis bei einer Kundgebung also gefragt, wogegen sie eigentlich demonstrieren. Entweder gab es gar keine Antworten oder nur kurze Gespräche, die das „geschlossene System“ entlarvten. Und sie ging auf die Suche nach den „Ariern“, war dafür im Iran unterwegs.

Es ist still in der Aula. Auch dann, wenn Asumang sich fragt, „warum schlagen oder ermorden sie Menschen, die nicht in ihr Weltbild passen?“ Es geht um Rassismus, gepaart mit Hass, der ihr entgegenschlägt. Nicht nur in Form einer Morddrohung. Auch schon vorher habe es Situationen gegeben, die sie eine ganz besondere Form der Ablehnung spüren ließen. In einem Taxi etwa, als ihr der Fahrer plötzlich eine Neun-Millimeter-Pistole an den Kopf hielt. Oder in einer Bahn, als ein Mann sie am Hals packte und hochhob – von einer Haltestelle bis zur nächsten. „Keiner hat geholfen, viele haben sich weggedreht. Das alles zusammen war mir zu viel. Ich musste was machen, sonst wäre ich draufgegangen.“

Die BBS zeigen Flagge. Sie sind eine „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Bürgermeister Andreas Weber (SPD) als Pate ist mit von der Partie. „Es ist wichtig, dass wir aufgerüttelt werden“, sagt er. Seine Freude über den Besuch von Mo Asumang, die am Abend zuvor schon ihren Film im Rathaus gezeigt hatte, hat einen ganz klaren Grund: „Ich habe viel dazu gelernt.“ Asumang, Tochter einer deutschen Mutter und eines ghanaischen Vaters sei eine „Ikone der Anti-Rassismus-Arbeit in Deutschland“.

Ihr Besuch passt in diese „Woche gegen Rassismus“, die heute in den BBS mit einem „Tag der Courage“ zu Ende gehen soll. Schülersprecherin Tanja Timcenko ist nur kurz dazu gekommen, will Mo Asumang zumindest begrüßen, ehe sie wieder in den Unterricht verschwindet. „Den Tag der Courage halten wir in diesem Jahr etwas kleiner“, verrät sie im Gespräch mit der Kreiszeitung. Zunächst treffe man sich zu einem Austausch im Haus der Stille, später dann wolle man rote Karten als Zeichen gegen Rassismus an die vielen Mitschüler verteilen. Zum Abschluss lassen sich dann alle zusammen mit den roten Karten fotografieren.

Auch das ist eine Form, um Stellung zu beziehen gegen jede Form des Rassismus. „Einfach nur zu rufen ,Nazis raus’“, reicht auch aus Sicht von Mo Asumang nicht aus. Sie halte nichts von Schubladen. Und: „Wo sollen sie denn hin?“ Auch Waffen gegen die Angst seien nicht das richtige Mittel, sagt sie auf die Frage einer Schülerin, wie sie bei ihrem Film vorgegangen sei. „Wir haben deeskalierend gearbeitet, und dadurch haben wir uns sicherer gefühlt.“ Sie spricht auch von der „Wut- und Hass-Schleife“, in die sie sich ganz bewusst nicht hineinziehen lasse. Eine Chance, möglichst vielfältig zu sein, liege in der Auseinandersetzung. Auch bei Chris, einem Neonazi, der im Film auftaucht, später aber seinen Ausstieg geschafft hat. „Respekt“, sagt eine Schülerin, „Sie haben viel Mut und Kraft bewiesen. Das haben Sie für uns alle gemacht. Danke dafür. Ich hoffe sehr, dass der Film vielen die Augen öffnet.“

Asumang ist gerührt und erklärt auch, wie es ihr damit geht, deutsche und ghanaische Wurzeln zu haben. „Ich wusste lange Zeit nicht, wohin ich gehöre; ich habe nur gemerkt, dass ich irgendwie eine Heimat und das Gefühl brauche, dazu zu gehören.“ Bis ihr Vater einmal – während sie an einem Strand saßen – sagte: „Du kannst beides sein, Du bist eine Brückenbauerin.“ Mo Asumang: „Da kriege ich jetzt noch ‘ne Gänsehaut.“ Dieser kleine Satz ihres Vater sei einfach „toll, kraftvoll und schön.“

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