1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Rotenburg
  4. Rotenburg (Wümme)

SV Fortuna 83 Rotenburg hilft Flüchtlingen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Guido Menker

Kommentare

Ivan turnt auch am Reck und hat schon einiges drauf. Acht Jahre ist er alt.
Ivan turnt auch am Reck und hat schon einiges drauf. Acht Jahre ist er alt. © Menker

Rotenburg – Seit dem 28. Februar ist das Leben von Valeria und ihrem Bruder Ivan nicht mehr so, wie es vorher war. Zusammen mit ihrer Mutter Natalia Kuhitko und ihrer Großmutter Katerina haben sie vier Tage nach Kriegsausbruch die Ukraine verlassen. Jetzt sind sie auf dem Campus in Unterstedt untergekommen – und fühlen sich bestens aufgenommen. Auch, weil sich der SV Fortuna 83 Rotenburg besonders um die zwei Kinder kümmert.

Natalia Kuhitko wischt mit dem Daumen über den Bildschirm ihres Smartphones und stoppt bei einem Video, das ihren achtjährigen Sohn Ivan bei einer beeindruckenden Übung zeigt. Dieser Mitschnitt sollte eigentlich im ukrainischen Fernsehen zu bewundern sein – doch dazu ist es nicht gekommen. Der Kriegsausbruch am 24. Februar hat dem Jungen im wahrsten Sinne des Wortes die Show gestohlen. Sein Trainer in der Zirkusschule von Krementschuk – 300 Kilometer südöstlich von Kiew gelegen –, Oleg Ponurko, und dessen Sohn Nikolai hatten die Teilnahme des begabten Jungen an einer Euro-Talent-Show eingestielt – zur Ausstrahlung kam sie dann nicht mehr.

Knapp sieben Wochen später zeigt der artistische Turner stattdessen zusammen mit seiner zwei Jahre älteren Schwester Valeria sein Können in der Sporthalle der Schule am Grafel. Die beiden Kinder sind nach der Flucht mit ihrer Mutter sowie der Großmutter Katerina über Moldawien und Rumänien zuerst in Bad Fallingbostel angekommen, später dann ging es weiter nach Rotenburg. Die Kinder besuchen inzwischen die Schule am Grafel.

Die Street-Workout-Gruppe im SV Fortuna 83 Rotenburg hat sich der Kinder angenommen. Auch Straßensozialarbeiter Eduard Hermann ist an diesem Trainingsabend dabei. „Valeria konnte auf der Flucht ihren Reifen für die artistischen Übungen nicht mitnehmen. Sie hofft seitdem, dass ihr Vater ihn nach Deutschland schickt.“ Sie hofft, aber diese Hoffnung würde sich nicht erfüllen – und deshalb überrascht der Sportverein das Mädchen und den Jungen: Beim Training packen Hermann, Peter Schäfer und Fortuna-Kassenwart Michael Hashagen den bestellten Reifen aus, der sich unter die Decke hängen lässt – und lösen damit bei den beiden ukrainischen Kindern eine riesige Freude aus.

Valeria freut sich riesig über den Reifen.
Valeria freut sich riesig über den Reifen. © Menker

„Es ist wirklich einzigartig zu sehen, wie sie sofort an den Reifen gehen“, freut sich Schäfer. „Kinder gehören mit zu unserer Truppe – das ist das, was wir hier leben.“ Kein Wunder, ist das Street-Workout-Projekt doch einst aus der Integrationsarbeit in der Kreisstadt hervorgegangen, die allen voran Eduard Hermann angeschoben hat. Viele der in dieser Abteilung aktiven Sportler bringen einen russischen Hintergrund mit. Gerade sie können die sprachliche Brücke zu den Flüchtlingen schlagen.

Ivan und seine Schwester Valeria sind trotz ihres jungen Alters erstaunlich sicher und selbstbewusst, wenn sie an den Ring springen und damit beginnen, ein paar Übungen zu zeigen. Es wirkt wie eine Mischung aus Turnen und Akrobatik. „Wenn wir ihnen etwas zeigen, was sie mal versuchen könnten, saugen sie das auf wie ein Schwamm“, ist Peter Schäfer – beim Street-Workout einer der ersten Stunde – schwer beeindruckt. Aber es gehe auch umgekehrt. Genau das, sagt Schäfer, sei das Schöne.

Geschenke für die Flüchtlingskinder aus der Ukraine gibt es von den Street-Workout-Sportlern.
Geschenke für die Flüchtlingskinder aus der Ukraine gibt es von den Street-Workout-Sportlern. © Menker

Das zu erleben, erfreut auch Michael Hashagen, schließlich ist auf Anhieb festzustellen, dass sich die Investition in Höhe von 280 Euro für diesen besonderen Akrobatik-Reifen gelohnt hat. „Wir bauen ihn nun mit in unser Training ein“, versichert Peter Schäfer. Er ist es auch, der an diesem Abend beim Übersetzen hilft. Natalia Kuhitko spricht über ihren Mann, der in Krementschuk geblieben ist, dort nun gebraucht wird, um mehrere militärische Anlagen gegen die Angriffe der Russen zu verteidigen. „Die Kinder haben nur wenig Heimweh, weil sie hier herzlich aufgenommen worden sind und man sich um uns kümmert. Aber sie vermissen ihren Papa“, sagt die 37-Jährige. Sie selbst allerdings quäle das Heimweh. Aber sie spricht zugleich von ihrer Freude darüber, mit welcher Begeisterung sich ihre Kinder mit dem Fahrrad auf den Weg zum Training machen. „Sie fahren nicht, nein, sie fliegen förmlich.“ Ivan und Valeria können es kaum erwarten.

Der Stolz der Mutter sowie der Großmutter ist unverkennbar, wenn die beiden Kleinen das Spielen mit den Altersgenossen in der kleinen Sporthalle unterbrechen und noch einmal zeigen, was sie können – am neuen Ring, aber auch am Reck. „Wir danken für die Offenheit und die Willkommenskultur hier in der Stadt.“ Letzteres drückt sich auch in kleinen Geschenken aus. Ivan streift sich das schwarze Shirt mit der Street-Workout-Aufschrift über und posiert. Ein Foto, das auf Mamas Handy landet. Der Kleine ist stolz wie Bolle.

Auch interessant

Kommentare