Flüchtlinge auf dem Campus berichten vom nächtlichen „Besuch“ der Neonazis

Die Zuversicht bleibt

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Mohmed Mohamed (l.) und Loaae Al Abd Alali empfinden ihr Vertrauen nicht als gestört, haben aber noch Angst.

Rotenburg - Von Guido Menker. Die Bewohner auf dem Campus Unterstedt waren geschockt: Zwei als rechtsradikal bekannte Männer sind in der Nacht in die Flüchtlingsunterkunft eingedrungen. Dort haben sie die Nachtruhe gestört, Fotos gemacht und rechtsextreme Parolen gerufen. Einer der Bewohner hat die Aktion als Videosequenz auf seinem Handy festgehalten. Anschließend haben die Fremden den Campus wieder verlassen. Das ist jetzt genau eine Woche her. Gestern Mittag haben zwei der Flüchtlinge mit der Kreiszeitung über die ungebetenen „Gäste“, deren Auftreten und die Tage danach gesprochen.

Beide haben sehr viel durchgemacht in den vergangenen Monaten. Der eine, Mohmed Mohamed (28), war in Syrien als Schneider und Frisör tätig, der andere, Loaae Al Abd Alali (31), verdiente sein Geld als Taxifahrer. Einen Job, das eigene Geld verdienen: Genau davon träumen sie beide, während sie sich nach und nach vom Krieg in ihrer Heimat und von der Flucht nach Deutschland erholen. Beide waren von der Türkei aus über das Mittelmeer und die Balkanroute gekommen. Viel Ruhe brauchen sie jetzt, das hatte vor wenigen Tagen erst Dorothee Clüver verdeutlicht. Sie ist die Koordinatorin auf dem Campus Unterstedt. Doch genau diese Ruhe ist vor einer Woche jäh gestört worden. Die beiden Syrer zeigen das Video, das bei der Konfrontation mit den beiden der rechtsradikalen Szene zuzuordnenden Männer entstanden ist.

„Sie haben nach und nach die Türen aufgerissen, der Schreck war sehr groß. Ja, ich hatte Angst“, berichtet Mohamed. „Raus aus Deutschland“ und „Hitler ist groß“ hätten sie gerufen. Zuerst hätten sie gedacht, es handele sich um Polizisten, erinnern sich Mohamed und Al Abd Alali. „Wir hatten zwar oft gehört, dass es Rechtsradikale in Deutschland gibt, aber wir hatten keine Ahnung, wie sie aussehen und auftreten“, erklären die jungen Männer. Doch sie hätten schnell gemerkt, dass diese „Gäste“ nicht in guter Absicht gekommen seien. „Der eine war sehr stämmig“, sagt Al Abd Alali. Mohamed hatte sich gerade einen Kaffee gekocht und war in sein Zimmer zurückgegangen, als die beiden Gestalten plötzlich im Zimmer standen. „Was machst Du hier, was wollt Ihr hier?“, hätte der Größere der beiden Männer gefragt. Die Flüchtlinge, die inzwischen aus den Zimmern gekommen waren, reagierten besonnen: „Wir wollten keinen Streit, obwohl wir stark genug gewesen wären. Wir haben uns unter die Arme gegriffen und uns vor sie gestellt“, erklärt Mohamed. Und selbst, als er und weitere seiner Landsmänner geschubst worden seien, behielten sie äußerlich die Ruhe. Innerlich sah es anders aus. Sie alle hatten Angst – und die ist zurückgeblieben, nachdem die Randalierer das Haus 3 auf dem Campus wieder verlassen hatten. „Sie haben vor allem von uns beiden sehr viele Fotos gemacht – das beunruhigt mich“, versucht der 28-Jährige auszudrücken, was ihn besorgt. Womöglich gingen diese Fotos schnell an andere – er befürchte, man könne Jagd auf ihn machen. Das ist die Sorge, die Mohamed und auch Al Abd Alali nicht ganz loslässt, obwohl die Polizei gesagt habe, dass die Handys der Männer beschlagnahmt worden seien.

Die Campus-Bewohner sind jetzt vorsichtiger geworden, sie kontrollieren zum Beispiel abends, ob auch wirklich alle Türen abgeschlossen sind. Im Haus fühlen sich alle recht sicher, aber Mohmed Mohamed und Loaae Al Abd Alali haben sich in den ersten Tagen dieser Woche kaum raus getraut. „Wir ziehen uns immer die Kapuze weit ins Gesicht“, so Mohamed.

Und doch: Das Vertrauen in Deutschland und vor allem in die Rotenburger haben die beiden Männer nicht verloren. Al Abd Alali: „Wir sind gut aufgenommen worden und werden gut betreut.“ Beide betonen, dass sie endlich in Frieden leben möchten. Bürgermeister Andreas Weber habe ihnen versichert, dass Rotenburg hinter ihnen stehe.

Und doch habe diese Nacht vor einer Woche Spuren hinterlassen. Vor allem bei den beiden Kindern, die auf dem Campus leben. Mohamed: „Die Kleine hat bis morgens gezittert und geweint.“ An Schlaf hätten in jener Nacht alle nicht mehr denken können. Zu groß waren Angst und Aufregung.

Aber die Zuversicht sei nicht gewichen: „Hoffentlich bekommen wir bald unsere Papiere, sodass wir arbeiten können“, blickt Al Abd Alali nach vorne. Mohamed ergänzt: „Wenn ich selbst arbeite und eigenes Geld verdiene, schmeckt das Essen auch viel besser.“

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