Inklusion: Kooperationsklassen nehmen Unterricht wieder auf

Feste Strukturen

Im Morgenkreis geht Lehrerin Laura Müller mit der pädagogischen Mitarbeiterin Bärbel Lüdemann (2.v.r.) sowie den persönlichen Assistenzen Regina Doepner (r.) und Anette Hufenbach (l.) gemeinsam mit den Schülern der Klasse P5 durch, wie der Tag geplant ist.
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Im Morgenkreis geht Lehrerin Laura Müller mit der pädagogischen Mitarbeiterin Bärbel Lüdemann (2.v.r.) sowie den persönlichen Assistenzen Regina Doepner (r.) und Anette Hufenbach (l.) gemeinsam mit den Schülern der Klasse P5 durch, wie der Tag geplant ist.

Rotenburg – „Inklusion ist der Weg, das Ziel ist es, Teilhabe zu erreichen“, sagt Karsten Beernink-Kastenschmidt, Schulleiter der Lindenschule. In einer Zeit der Corona-Pandemie ist aber Inklusion kein leichtes Unterfangen – gelten doch eher Distanz statt Nähe, die aber gerade zur Förderung gebraucht wird. Das ist nun nach den Ferien mit dem Kohortenbetrieb erleichtert worden. „Natürlich blieb davor die Kooperation im Sinne alltäglich gelebter Zusammenarbeit auf der Strecke, das betraf aber alle Lerngruppen“, erklärt Beernink. Das habe bei manchen Schülern zu Rückschritten geführt, die nun aufgeholt werden müssen. „So ist es aber überall – es ist für alle schwer, Sozialkontakte so zu reduzieren“, merkt er an.

Die Schulschließung sei auch für die Lindenschule eine Herausforderung gewesen – in manchen Punkten vielleicht mehr. Insbesondere Schüler mit komplexen Beeinträchtigungen lernen oftmals über direkten Körperkontakt und greifbares Material. Generell arbeiten viele Schüler nicht mit den klassischen Schulmaterialien. Homeschooling braucht also neue Wege. Da hätten sich die Lehrer „fantasievoll ins Zeug gelegt“, so der Rektor. Unter anderem haben sie Kisten mit Material aus den Klassenräumen für die Schüler gepackt, für sie bekannte Dinge. „So individuell, wie der Unterricht ist, mussten auch die Angebote sein.“ Das Programm IServ zur Vernetzung wollte die Schule ohnehin etablieren, dort habe man „auf die Tube gedrückt“. Damit konnten die Schüler arbeiten, für die das geeignet ist. Ihre Lehrer haben kleine Filme oder Hördateien zur Verfügung gestellt. Auch Video-Chats habe es, wo möglich, gegeben. „Rückmeldung ist ein wichtiges Element, auch mal übern Gartenzaun. Das große Einzugsgebiet hat uns dabei vor eine weitere Herausforderung gestellt“, sagt Beernink.

Ebenso waren die Eltern stark gefordert. Brauchen ihre Kinder ohnehin mehr Betreuung, mussten weitere Lösungen gefunden werden. Oft fehlt die Selbstständigkeit und Schulassistenzen, die sonst im Alltag unterstützen, durften in den Wohngruppen helfen, aber nicht in den Familien. „Da hätten wir uns gewünscht, dass sie schon früher wieder hätten eingesetzt werden können“, so Beernink. Entsprechend gab es hier und da Rückschritte. Dennoch seien die Schüler erstaunlich gut mit der neuen Situation zurechtgekommen.

Durch den jetzigen Kohortenbetrieb sei vieles einfacher geworden. In der Lindenschule direkt bilden mehrere Jahrgänge eine Kohorte, sodass die Schüler sich in den Bereichen ohne Masken bewegen dürfen. So sind beispielsweise alle fünf Klassen der Sekundarstufe 2 eine Kohorte. Sonst gilt die Pflicht, Mund und Nase zu bedecken. Auch das Einbahnstraßensystem ist weiter aktiv. „Das ist eine Erleichterung. Nach einer Woche jetzt können wir sagen, dass es tragfähige Maßnahmen sind, weil wir Kontakte weiter minimieren können, aber der Unterricht nah am gewohnten ist“, meint der Schulleiter. Genau dieses Stück Alltag, feste Strukturen, seien wichtig.

So sind alle – in der Lindenschule sind das 135, von denen etwa die Hälfte in den Lerngruppen außerhalb ist – an jedem Tag wieder da. „Gerade für unsere Schüler ist das ein wichtiger und entscheidender Punkt.“ Bei manchen müsse man wieder weiter vorne anfangen, viel wiederholen. „Aber das ist überall so und wir haben die Chance, individueller auf sie einzugehen.“

Auch die Kooperationsklassen, die es sowohl im Primarbereich als auch den Sekundarstufen 1 und 2 gibt – aktuell in Hemslingen, Sottrum, Bothel und Rotenburg – können ihren Unterricht fortsetzen. Sie wurden vor den Ferien getrennt, die Lerngruppen blieben unter sich. Dennoch seien die Entscheidungen und Maßnahmen richtig gewesen – „aus Sicht der Inklusion schade, aber vertretbar. Das muss hinten anstehen, im Sinne der Gesundheit“.

Hilfreich war, dass die Lindenschüler in den Kooperationsklassen jeweils Lehrer vor Ort haben, die den Unterricht weiter gestalteten. Allgemein sei Kooperation aber ein wichtiger Faktor zur Teilhabe: „Wir sind an vielen Stellen sehr weit, es gibt relativ viel Zusammenarbeit.“ Diese ist individuell abgestimmt, auf die Stärken ausgerichtet. „Die einen fühlen sich in gemeinsamen Lerngruppen wohl, andere wieder nicht.“ Beernink wünscht sich, dass das Projekt erweitert wird. „Viele Schulen sind dafür offen, müssen aber die Räume haben und andere Rahmenbedingungen erfüllen.“ Und Kooperation allein ist nicht automatisch inklusiv – nur, wenn sie auch inklusiv gelebt wird. Teilhabe zu erreichen, sei das Ziel, Inklusion stelle die Weichen dafür. „Das wird nie ganz vorbei sein, immer ein Ziel, das man verfolgen muss. Teilhabe sieht für die Menschen sehr unterschiedlich aus.“ Inklusion sei eine Haltung, die die Verschiedenheit akzeptiert, was noch Arbeit erfordere – auch schulisch. Die Kooperationsklassen sind dabei eine Form von vielen. „Wir haben einen guten Schritt gemacht, aber es liegt noch viel Weg vor uns.“  acb

Karsten Beernink-Kastenschmidt

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